Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 109 - 110

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Ein offener Brief
Date
1902-02-01
Page
Seite 109 - 110 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583893-2585101--01361-2585173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

109 110 EIN OFFENER BRIEF. (JUEDISCHE MAECENE UND JUEDISCHE KUNST.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Im Namen eines hervorragend talentierten jüdischen Mädchens erbitte ich mir für die folgenden Ausführungen ein wenig Raum in Ihrer geschätzten Zeitschrift. Der besondere Anlass giebt mir Gelegenheit, einige allgemeine Bemerkungen vorauszuschicken. Ich war oft und oft in der Lage, Beobachtungen darüber anzustellen, welche irrige Vorstellungen in der Oeffentlichkeit über die Kunstfreundlichkeit der reichen Juden vorherrschen. Es geschah fast regelmässig, wenn mich ein nichtjüdischer Künstler oder Schriftsteller besuchte, dass sich zwischen uns folgender Dialog entwickelte: „Sie haben es gut", sagte mein Gast, „Sie sind ein üdischer Künstler, — da werden Ihnen natürlich Ihre Werke von den reichen Juden förmlich aus der Hand gerissen, Sie werden protegiert und gefördert, da können Sie auch leicht und gut schaffen und in Ihrer Kunst vor- \ \ wärts kommen . . . Ich pflege darauf gewöhnlich zu antworten — mit einigen Fragen, wie es schon unsere Art ist: ,.Wie kommen Sie zu solchen Ansichten? Glauben Sie wirklich, dass reiche Juden sich mit jüdischen Künstlern abgeben? Haben Sie schon an den Wänden der jüdischen Salons ein Werk eines jüdischen Künstlers gesehen, etwa eines Hirszenberg, eines Struck oder gar eines Lesser Ury? Wieviel Stipendien können Sie mir nennen, welche von Juden für Juden gestiftet sind? Glauben Sie, dass die wenigen jüdischen Museen sich für einen jüdischen Künstler früher interessieren, als bis er gestorben und eine jüdische Antiquität geworden ist und eben so wenig kompromittieren kann wie die Keilschrift-Tafeln von El-Amarna? Glauben Sie, dass die grossen Tageblätter, die man so gerne Judenblätter nennt, für ein bewusst-jüdisches Talent eine Zeile frei haben? Wenn Sie das alles geglaubt haben, so lassen Zwei Zeichnungen von Regina Mundiak.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.