Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Ein offener Brief
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 113 - 114 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Ein offener Brief von E. M. Lilien. 114interessierte mich so sehr, dass ich sie bat, mir etwas von ihrem Leben zu erzählen. Und was ich da hörte, war wieder einmal das alte traurige Lied vom armen jüdischen Künstler. Regina Mundlak zählt heute erst fünfzehn Jahre. Sie ist geboren im Dorfe Koleskach, Gouv. Lomza. Sie hat nie Schulunterricht genossen, hat aber doch viel gelernt. In frühester Kindheit entwickelte sie ihr zeichnerisches Talent. Ihre nächste Ump'ebuno- O O liefert ihr die Stoffe. Das Milieu ist ihre Lehrmeisterin. Sie zeichnet typische Gestalten des Golus: alte Juden, Frauen mit abgehärmten Zügen, derbe, abgearbeitete Handwerker u. s. w. Seit einem Jahre ist sie in Berlin. Max Liebermann hat sie für sehr talentiert erklärt und bestreitet die Kosten ihrer Ausbildung. Leider aber fehlen dem jugendlichzarten Mädchen, das hier mit seiner Mutter lebt, alle Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhaltes. Seit einem Jahre muss sie, während sie unablässig an ihrer künstlerischen Fortentwickelung arbeitet, mit Not und Sorgen aller Art kämpfen. Ausser stände, die vielen Schwierigkeiten zu überwinden, müsste sie sich entschliessen, nach ihrer Heimat zurückzukehren und ihre künstlerische Lautbahn aufzugeben, wenn sich nicht in letzter Stunde Helfer für sie finden. Ich appelliere hierdurch an die wenigen, die ihren Wohlstand mit echter Kunstfreundlichkeit verbinden. Mögen manche einsehen, was ich im Beginne meiner Ausführungen dargelegt habe und sich dem nachahmenswerten Beispiele vereinzelter, wie des Herrn Dr. Rapoport de Porada in Wien oder Henneberg in Zürich, die sich der jüdischen Kunst warm angenommen haben, anschliessend Einige Proben, die ich Ihnen zur Reproduktion einsende, mögen beweisen, ob Fräulein Mund- Feder-Zeichnung von Regina Mundlak. Selbstportrait Regina Mundlak. lak der Förderung wert ist. Diese Proben sprechen für sich. Ich möchte nur bemerken, dass die Zinkographie nicht im stände ist, die Frische und Flottheit der Bleistiftzeichnung wiederzugeben. Ob meine Ausführungen hinreichen werden, einen jüdischen Mäcen für eine jüdische Künstlerin zu interessieren, weiss ich nicht. Wenn sie genügen, wird es ein erfreulicher Beweis sein, dass eine neue, bessere Zeit gekommen ist. Genehmigen Sie,hochgeehrter Herr Redakteur, den Ausdruck der £ Hochachtung Ihres E. M. Lilien. Zeichnung Regina Mundlak.