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Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 105 - 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Die jüdische Nationalbibliothek
Date
1902-02-01
Page
Seite 105 - 106 (sequence 3)
Language
German
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105 Nathanja Sahuwi: Die jüdische Nationalbibliothek. 106 Das Volk aber muss eine Nationalbibliothek haben. Sie soll ein Zeichen sein unserer Einheit und der Gemeinsamkeit unseres Besitzstandes. Wo einst unsere Heimat war, wo das „Buch" die Stämme ineinanderschmolz zur höheren Einheit unseres Volkstums, wo das geistige Centrum unserer Nation war in der zweitausendjährigen Nacht der Diaspora — dort und nur dort darf sie erstehen: in Jerusalem! Ki mizion theze thora ud'war adonai mijeruscholajim. Diesem idealen Gedanken hat Dr. Josef Chasanowitsch sein Leben geweiht. Mit der eisernen Hartnäckigkeit unserer Nation, mit der glühendsten Liebe zu seinem Volke hat er seinen Plan verfolgt. Seit zehn Jahren ist er am Werke. Lange hat er allein gestanden. Aber er hat nicht verzagt. Wollte sein Volk auf ihn nicht hören, so liess er nicht ab zu rufen — und zu handeln. Er wollte die Bürde so lange tragen, bis dass sie ihm das erwachende Volksbewusstsein und der Nationalstolz abnahm oder doch leichter machte. Er hat alles geopfert, was er besass; alles, was er in aufreibender ärztlicher Thätigkeit erwirbt. Die liebste Bezahlung sind ihm Bücher. Er ist ewig aut der Jagd nach neuen Schätzen* Kein Keller ist ihm zu tief, kein Boden zu hoch, kein Kasten zu schmutzig — Chasanowitsch ist überall in Bialystok, wo es ein Buch giebt, das er nicht besitzt. Wehe dem Patienten, in dessen Nähe sich Er muss Um seinen museum erweitern soll, gereift. Im Jahre 1892 machte er die erste Büchersendung. Es war der Grundstein zur Bibliothek. Vierhundert Jahre waren ins Land gegangen, seitdem die Juden die sonnigen Gefilde ihrer zweiten Heimat, Spanien, hatten lassen müssen. So sollte denn die Bibliothek den Namen jenes der alles hingegeben hatte für den Adel seiner Gesinnung von trug: Don Isaac xAbarbanel, von sagte, „dass er die Risse heilte, der Gewalt ihrer Feinde rettete die grimmen Löwen Mannes tragen, sein Volk, der Land zu Land dem sein Sohn die Dulder vor und — Schild und Mauer von ihnen abwehrte." So ist es Chasanowitsch 18 000 Bände zusammen zu geringsten mehr als die zum sind; im Mit Genugein Buch befindet, dann doppelt leiden. Sammeleifer hat sich ein ganzer Kranz von Schnurren gewunden. Er ist Junggeselle geblieben, um Zeit, Aerger und. Geld zu spaxen. Sein Rock ist fadenscheinig. Und viele behaupten, dass er sich nach 10 Jahren erst wieder einen neuen Anzug bauen liess, als er zum Baseler Zionistenkongress fuhr. . . Aber er ist kein Bibliomane, der sinnlos Bücher zusammenscharrt. Er ist ein feingeschulter Bibliograph, der mit dem Spürsinn des Kenners sucht, dem der ganze Apparat seines Faches zur Seite steht — eine umfassende und tiefgehende Kenntnis unseres Schrifttums. Dabei beschränkt er sich nicht auf Bücher. Er sammelt alles, was das Judentum betrifft: Broschüren und Vereinsstatuten, Aufrufe und Gelegenheitsschriften, Holzschnitte, Photographien, Medaillen, Antiquitäten, Bilder jüdischer Gelehrten, Kunstgegenstände, Ritualien und vieles mehr. So schafft er seit 10 Jahren. Auf mehrfachen Reisen in das Land unserer Ahnen war ihm der grosse Gedanke einer allumfassenden Nationalbibliothek, die sich zu einem Nationalalles nur vor IV, Institut an Auch hier Dr. Josef Chasanowitsch. elungen, bringen, Teile allgemeinen Inhaltes wesentlichen Hebraica und Judaica thuung — und doch schmerzlich — darf er sich das alleinige Verdienst dieser Sammelarbeit zuschreiben. Nur wenige haben ihm zur Seite gestanden. So hat Mocatta einen besonderen Schrank mit kostbaren englischen Werken geschenkt, die eine umfassende Palästinaliteratur darstellen. Allein, das sind noch Anfänge. Bis Jahren fehlte es dem einem eigenen Heim, ist der Anfang gemacht. Der schöne Plan freilich, den die Kunst eines geschickten Architekten entworfen, ist nur zum kleinsten Teile verwirklicht. In der Konsulatstrasse zu Jerusalem sollte sich das Haus des Geistes erheben. In zwei mächtigen Flügeln, in denen neben einer weiten Lesehalle auch eine für Vorträge und Versammsein soll/ 150 000 Frcs. sollte der Bau kosten. Aber die Mittel kamen nur spärlich. In den jüdischen Zentren wurden Beiträge gesammelt, in Paris, London, Prankfurt am Main, Berlin. Sie reichten nur hin, um den rechten Hügel hinzustellen. Der Zionistenkongress hat auch in diesem Jahre eine grössere Subvention gemacht. Und doch darf das Werk der Nationalbibliothek nicht Sache einer Partei sein, sondern das gemeinsame Ideal des ganzen jüdischen Volkes. Soll doch die Bibliothek nicht ein vergrabener Schatz sein, sondern ein lebenspendendes Heiligtum, das Licht und Lehre in das Dunkel und die Armut Zions hineinträgt, aus dem einst das Licht und die Lehre sich über alle Weiten ausgegossen hatten. Das Wort des sagenhaften Aegypter-Königs Osymandias bei dem Sizilier Diodor — vermutlich die Aufschrift im Rhamesseum — soll auch über seinem Eingang Sammelstätte hingen gegeben au kosten.

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