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Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 103 - 104

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Die jüdische Nationalbibliothek
Date
1902-02-01
Page
Seite 103 - 104 (sequence 2)
Language
German
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103 Xathanja Sahuwi: Die jüdische Nationalbibliothek. 104 und das gemeinsame Schicksal schuf. Während die Klöster und Universitäten und die Liebhabereien der Fürsten grosse Bücher- und Handschriftsammlungen, auch hebräische Werke, zusammenscharten, konnten die jüdischen Gemeinden und einzelnen 1<eiche nur weniges thun. Und wo sich bei Juden grössere Buchbestände zeigten, wurden sie bald ein Raub der Dränger. Erst bei Beginn des 18. Jahrhunderts kommt uns die Kunde von einer grossen jüdischen Bibliothek, die der Oberrabbiner vcn Prag, David Oppenheimer, zusammengetragen. Er durfte die Schätze unermüdlichen Fleisses und weitausschauender Kenntnisse nicht um sich haben. Er musste die Bibliothek nach Hannover bringen, weil der Prager Censor um die Sicherheit seines Landes so arg besorgt war. Enthielt doch die Sammlung so viele Werke, die in der Türkei veröffentlicht waren. Und dort hinten in der Türkei ward so manches Buch gedruckt, das boshafte und gefährliche Gedanken über das Christentum Indessen Oppenheim er blieb seinem Ziele treu. 1711 konnte ein merkwürdiger Katalog erscheinen, der die Titel all" der Bücher aufwies, barg Der rechte Flügel der (Nach einer die Oppenheimer nicht besass. Er hatte ein redliches Stück Arbeit geleistet, als er 1737 starb. Die Früchte seiner Mühen hatte er nicht gemessen können. Ja. es sollte ein ganzes Jahrhundert verfliessen, bis der seltene Reichtum der Wissenschaft dem Judentum seinen Segen spendete. Die Geschichte dieser Bibliothek ist ein Abbild unserer Leidensgeschichte. Jahrzehntelang musste sie von Ort zu Ort, von Land zu Land wandern. Keiner wollte sich ihrer annehmen. J. D. Michaelis, der bedeutendste Orientalist in damaliger Zeit, schrieb: „Wirklich, ich würde mich wundern, wenn unter so reichen Juden so wenig Patriotismus für ihr Volk wäre, dass die Bibliothek keinen jüdischen Käufer erhielte, der sie in eine öffentliche verwandelte.'4 Er durfte sich wundern! .,Patriotismus", der fehlte den reichen Juden des 18. Jahrhunderts. Die „Aufklärung" hatte schon angefangen, ihr jüdisches Herz zu umdüstern. Und im 19. Jahrhundert der Judenliberalismus, der identisch ist mit intoleranter Verständnislosi°- keit für alles Jüdische. Vergebens rief Zunz die Gemüter auf. Er predigte phrasenverstopfteri Ohren. Friedlaender wollte eine Aktiengesell* schaft gründen, um die Bibliothek zu retten. Er konnte nur wenige Anteilscheine ä 50 Rthlr. unterbringen. Die Juden hatten für solche „Makulatur" keinen Heller übrig. So ging denn die herrliche Sammlung 1829 nach Oxford, wo sieeine der Zierden der Bodleyana ist. Und ähnliches Schicksal traf die späteren Sammlungen. Die Judenheit hatte in der trüben Zeit der Entjudungsreformation keine Zeit und kein Verständnis für die Idealität des Büchersammelns. Die Erfindung der jüdischen Mission nahm alle Kräfte in Anspruch. Da man mit der Vergangenheit brechen wollte um des Danaergeschenkes der Emanzipation, was sollte da der geistige Besitzstand alter Zeiten! Vereinzelt standen die Begründer der Wissenschaft des Judentums da. Vereinzelt und verzweifelt. Missmutig* und melancholisch zog sich Zunz von dem eklen Treiben um ihn herum zurück. War es ja nur ein glücklicher Zufall, dass er seine Werke dem Druck übergeben konnte. Die Berliner jüdische Gemeinde, aus deren Mitte die jüdische Wissenschaft erwuchs, hat erst im Jahre 1902 eine Bibliothek errichtet. Wo Steinschneider einen Reichtum erschloss, den die literarische Arbeit von Jahrhunderten erst wird ausschöpfen können,, hatte man nur Geld für prunkende Kirchenbauten mosaischer Konfession. . . . Es bedurfte erst der Hammerschläge des trotzig sich aufreckenden Judenhasses, um. die wegen der vielen Reformkuren totsieche Judenheit wieder ans Leben zu gemahnen. Wir stehen heut an der Pforte einer neuen Zeit, hoffend und bangend. Man wollte uns niedertreten. Da wachte unser Stolz und unser Volksbewusstsein auf. Und die Vergangenheit mit ihren Schätzen an Geist und Beispiel der Todesverachtung soll es wachrufen. Wie eine reife Frucht liegt die Kulturthat unserer Ahnen am Boden. Wir wollen und müssen sie aufheben und sichern — jeder Jude so weit er es vermag. In höherem Maasse die Gemeinde. Jerusalemer Bibliothek. Photographie.)

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