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Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 101 - 102

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Die jüdische Nationalbibliothek
Date
1902-02-01
Page
Seite 101 - 102 (sequence 1)
Language
German
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101 102 DIE JUEDISCHE NATIONALBIBLIOTHEK. Von Nathanja Sahuwi. niemals und nirgend „Das Volk der Schrift" haben uns einst die Araber genannt, „das Volk des Buches." Und wenn es auch im grossen ein eigen Ding damit ist, die kulturelle Art und die weltgeschichtliche Bedeutung einer Volksgemeinschaft auf eine knappe und straffe Formel zu bringen, uns haben die Araber kurz und treffend charakterisiert. Wir sind nicht das Volk des Buches, wie andere etwa Volk der Kunst oder gar Volk der Denker und Dichter sind, weil es einige vorragende Gestalten geschaffen, deren "Wirken Gemeingut der nationalen Gesamtheit bereichert hat. Unsere „Schrift" ist aus der Seele unseres Volkes herausgewachsen und das ganze Volk ist ihrer ewigen Schöne und Wahrheit einTräger gewesen durch alle Zeit und alles Leid. Das Buch der Bücher ist mit dem Volke gezogen und hat es geführt durch die Nacht der Jahrhunderte, durch die W üste der Barbarei wie einst die Flammensäule des Herrn. In diesem Buche hat jedes Glied der Nation sein Leben gelebt, sein Denken geformt und gestählt und die stillen Träume der Phantasie geträumt. Die alte Form war es für jeden neuen Inhalt, und in jede neue Form ergoss sich ihr alter Inhalt. Trost schenkte das Buch in der Not und heitres Ergötzen in den Stunden der Ruhe und Freude. Aber die Drangsal hat es gelindert - mit seiner Heiterkeit, und die Freude gedämpft mit seinem Ernst. Ausgang und Endziel war es allem Sinnen; allem Denken Eätsel und Lösung. Die drängende Fülle der geistigen Schöpfungen unserer Meister ist auf seinem Grunde erblüht. Philosophie in allen ihren Verzweigungen und Verknüpfungen, Mathematik und Astronomie, Medizin und Hygiene, Geschichte und Gesetz haben unsere Denker aus der Bibel gestützt, geformt und entwickelt. Gefahr drohenden Ansturm neuer Ideen wehrten sie ab, indem sie sie aufnahmen, alle Ges&C^Wylchi cjtajui §^ML6MT ri i i i i i i i i i i Die National-Bibliothek zu Jerusalem. dankenkeime in dem alten, schmiegsamen Buche findend. So hatten denn die Bücherordner des Mittelalters Recht, wenn sie die heilige Schrift als Bibliotheka registrierten. Die Bibel ist nicht ein Buch oder das Buch. Es ist eine Bibliothek. "Wenigstens die Bibliothek des jüdischen Volkes. Was immer geschaffen wurde an Werken des Geistes und der Phantasie , in ihr lagen alle Keime. Eingefaltet — in höherem Sinne — wie im Samenkorn die Pflanze mit Stamm und Blüte und Blättern. So hatte jeder Jude seine Bibliothek, wenn auch oft nur im Geiste. Die geschriebenen Rollen der Lehre waren ein kostbares Gut, das alle Gemeinden besassen und sonst die Gelehrten und Reichen und die vielen, die die Stunden ihrer Müsse durch das Abschreiben der heiligen Worte weihten. Erst die Buchdrucke rkunst brachte auch der Menge den kostbaren Besitz. Als Daniel Bomberg das alte Testament mit den Erklärungen von Raschi, Kimchi, Iben Esra, Gersonides und anderen Kommentatoren druckte, wollte das Bedürfnis nicht zur Ruhe kommen. Eine grosse Anzahl von Buchdruckern, über deren Wirken uns erst im letzten - T37pographie beder Bibel, die in Jahrhundert die hebräische lehrt hat, verbreiteten neben die meisten Sprachen übersetzt wurde, auch viele Werke unserer Weisen; die arabisch geschriebenen in hebräischen Uebersetzungen. Freilich, an eine Sammlung alF dieser Schätze konnten die Juden nicht denken. Ihnen fehlten ja die allerersten Bedingnisse für eine Bibliothek — Sicherheit des Lebens und der ruhige Besitz einer Heimat. Sie waren immer auf der Wanderschaft. Selbst wenn sie durch Jahre Stättigkeit besassen, schreckte sie der böse Traum der Verfolgung. An einem Mittelpunkte, zu dem alle Kräfte und Strebungen tendierten, fehlte es gänzlich. Es gab nur eine Einheit, welche die Lehre

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