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Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 89 - 90

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Das Judentum und seine Geschichte
Date
1902-02-01
Page
Seite 89 - 90 (sequence 3)
Language
German
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89 Dr. S. Hemfeld: Das Judentum und seine Geselm'lile. Jahrhunderten verfolgte Nation bis auf den heutigen Tag." Welch eine Zeit war es damals, dass man die Menschenliebe, wenn sie sich auf Andersgläubige eistreckte, erklären und entschuldigen musste! Hohe Ansprüche in Bezug auf kritische Prüfung des Quellenmaterials und der Auflassung der geschichtlichen Dinge wird man an diese erste Geschichte der Juden nicht stellen dürfen. Denn abgesehen von dem beregten kirchlichen Staadpunkte, von dem Basnage ausgegangen ist, fehlte ihm die gründliche Kenntnis des Judentums. Er war im grossen und ganzen auf die Chroniker angewiesen und auf christliche Schriftsteller, die selbst aus sehr trüben Quellen geschöpft haben. Ausserdem wusste er so gut wie gar nichts vom jüdischen Geistesleben, da er von den jüdischen Schriften der nachchristlichen Zeit höchstens nur die Namen kannte. Es war ihm unbekannt geblieben, welche mannigfaltige und eigenartige Entwicklung das Judentum genommen, und wie verschiedenartig sein kulturelles Leben geworden ist. Indessen war das Geschichtswerk Basnage's das einzige seiner Art, und alle, die sich mit dem Gang der neueren jüdischen Geschichte vertraut machen wollten, waren auf diese einzige Quelle angewiesen. Der erste jüdische Geschichtsschreiber, der eine Geschichte des jüdischen Volkes nach den Quellen zu bearbeiten unternahm, war der auch sonst verdienstvolle Forscher J. M. Jost (geb. am 22. Februar 1793, gest. am 20. November 1860). Er war einer der Mitbegründer der Wissenschaft des Judentums, die im Laufe des 19. Jahrhunderls einen ungeahnten Aufschwung genommen hat. Indessen kann man J. M. Jost nicht als einen bahnbrechenden Forscher bezeichnen; er war ein Mann von grossem Fleiss, und er hatte den Mut, ein neues Gebiet der Wissenschaft, das damals noch ke"ne Vorarbeiten hatte, anzubauen. Sein Vorzug gegen Basnage war, dass er nicht auf die chronologischen Aufzeichnungen angewiesen war, vielmehr konnte er darangehen, die im ungeheuer grossen jüdischen Schrifttum zerstreuten und versprengten geschichtlichen Reminiscenzen zu sammeln. Natürlich gehörte dazu ein seltener Scharfblick, aus diesem Steingeröll das wertvolle Erz herauszufinden. Jost war nicht in alLen seinen Untersuchungen glücklich, und vielfach ist er mit seinen Schlussfolgerungen fehlgegangen. Sein erstes grosses Geschichtswerk „Geschichte der Israeliten" (1820—1829 in neun Bänden) ist jedenfalls eine gross angelegte Arbeit. Sie beginnt mit der Makkabäer-Epoche und führt die Geschichtserzählung bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts. Später hat Jost in verschiedenen anderen Werken die neuere jüdische Geschichte behandelt, auch hat er eine kleinere volkstümliche Geschichte der Juden geschrieben. Jost's grosses Geschichtswerk hat seiner Zeit grossen Anklang gefunden; es wurde von Juden und Christen mit gleichem Interesse gelesen. Und da in jenen Tagen die Frage der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden auf der Tagesordnung stand, so suchten auch Staatsmänner und Politiker in diesem Buche Belehrung über den Entwickelungsgang und das Wesen des Judentums. Denn trotzdem diu Juden mitten in Europa lebten und im engsten Verkehr mit der christlichen Welt standen, waren die wenigsten Christen mit dem inneren Wesen des Judentums vertraut. I )ie abenteuerlichsten Gerüchte waren über dessen Lehre und geschichtliche Vergangenheit verbreitet. Jost hat sich somit in der Zerstreuung mancher tief eingewurzelter Vorurteile unsterbliche Verdienste erworben. Ueber die Beschaffenheit dieser ersten jüdischen Geschichte braucht man jetzt nicht des ausführlichen zu sprechen, denn jedenfalls ist sie durch das grosse Geschichtswerk von Grätz längst überholt. Indessen muss ein wesentlicher Punkt berührt werden, der seiner Zeit sehr eingehend erörtert worden ist. Ich meine die Methode Jost's, die Ereignisse möglichst objektiv darzustellen. Der berühmte Archäolog S. L. Rapaport hat gleich nach dem Erscheinen des Jostschen Geschichtswerkes dessen Methode sehr treffen 1 gekennzeichnet: Aus lauter Streben nach Objektivität sei Jost subjektiv. Er wollte nämlich nach Kräften nicht als jüdischer Historiker erscheinen, zu diesem Zwecke hielt er sich von jedem Pathos fern und suchte die Dinge so zu schildern, als ob sie ihn, den Historiker, nichts angingen. Er unterlässt es. die Leidensgeschichte Israels als Ankläger gegen die Grausamkeit und Barbarei seiner Feinde zu schildern; vielmehr bemüht er sich stets, ruhig und ..sachlich" zu referieren, in einem möglichst trockenen Tone die Ereignisse zu schildern. Er will gegen die nichtjüdische Weit milde und gerecht sein, und er ist es bis zur Ungerechtigkeit. Sein Buch ist eine Geschichte der Juden, aber keine jüdische Geschichte. Ausserdem begannen erst gerade nach dem Erscheinen dieses Werkes die staunenswerten Leistungen der Wissenschaft des Judentums. Rapaport, Zunz, Luzzatto. Frankel. Geiger und noch viele andere Forscher drangen mit seltener Begabung und mit grossem Eifer in die tiefen Schichten der jüdischen Geschichtsquellen. I\eue Thatsachen, die bislang unbekannt waren, drangen an das Tageslicht: reiche wissenschaftliche Schätze wurden entdeckt. Durch emsige und liebevolle Arbeit wurde das Judentum nach allen Richtungen erforscht. Erst nachdem so die Vorbereitung für eine wahre jüdische Geschichte getroffen worden war, unternahm es der bekannteste und populärste jüdische Historiker H. Grätz (1817 —1891), seine grosse „Geschichte der Juden14 zu schreiben, die seitdem eine Verbreitung gefunden, wie vordem kein Buch dieser Art. Die Vorzüge dieses ausserordentlich gross angelegten und eigenartigen Geschichtswerkes bestehen in dem reichhaltigen Material, das hier verarbeitet worden ist,

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