Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 91 - 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Das Judentum und seine Geschichte
Date
1902-02-01
Page
Seite 91 - 92 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583893-2585093--01339-2585164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

91 Dr. S. Bentfeld: Das Judentum und seine Geschichte. 92 J. M. Jost. H. Grätz. und in der Darstellung, sowie auch in dem warmen, olt hinreissenden Tone, der freilich dem Historiker von verschiedenen Seiten auch zum Vorwurf gemacht worden ist. Dass die Geschichte Grätz1 viel mehr und manches richtiger bringt, als das Buch von Jost, wird niemand wundernehmen. Jost selbst hat seine Arbeit als einen Versuch bezeichnet und die Erwartung ausgesprochen, dass sie dereinst eine Ergänzung und Erweiterung finden werde. Man darf nicht vergessen, dass drei Jahrzehnte zwischen dem Abschluss der ersten jüdischen Geschichte und der Inangriffnahme der zweiten liegen. Und gerade diese 30 Jahre waren für die Wissenschaft des Judentums recht segensreiche. Indessen hat Grätz' Geschichte nicht dadurch allein so viel Anklang gefunden, vielmehr in erster Reihe wohl nur deshalb, weil sie die erste jüdische Geschichte ist, die im jüdischen Geiste geschrieben ist, mit einer Begeisterung und einer grossen Wärme für die jüdische Sache. Die Darstellung Grätz' ist nicht künstlerisch abgerundet, es fehlt ihr der ruhige und sachliche Ton des unparteiischen Historikers, dafür aber ist die geschichtliche Schilderung der Leiden Israels eine furchtbare Anklage gegen seine Feinde und ein moralischer Triumph des jüdischen Stammes. In seinem Pathos hat Grätz grosse Aehnlichkeit mit Treitschke, also gerade mit demselben Historiker, bei dem er wegen seiner national-jüdischen Gesinnung so viel Anstoss erregte. Treitschke, der selber nicht ruhig geschichtliche Untersuchungen vortragen konnte, verübelte es dem jüdischen Historiker, dass er bei der Schilderung der unerhörten Verfolgungen, die das jüdische Volk durch Jahrtausende erlitten, nicht ruhig und gleichgültig bleiben konnte. Vom jüdischen Standpunkt wird man dies Grätz gewiss nicht zum Vorwurf machen; im Gegenteil ist ja gerade dieser warme Ton die Ursache der beispiellosen Verbreitung, welche dieses Geschichtswerk gefunden hat. Eher wird man es bedenklich finden, dass Grätz auch bezüglich innerjüdischer Vorgänge, wie z. B. bei der Geschichte des Karaismus, der Kabbala, der Charakterisierung der osteuropäischen Judenheit und der Schilderung der inneren Rewegung während des 19. Jahrhunderts nicht die volle Unparteilichkeit gewahrt hat. Er hat manches harte Urteii über geschichtliche Vorgänge gefällt, die sich durch den Gang der Ereignisse und die Zeitumstände zum mindesten entschuldigen lassen. Manchesmal ist das Urteil ungerecht oder verfehlt. Nichtsdestoweniger wird dieses grosse Geschichtswerk, das freilich jetzt nach 30 Jahren vielfach der Ergänzung bedarf, für absehbare Zeit tonangebend in der Judenheit sein. Mag man in vielen Tragen zu einem anderen Resultat gelangen, eine andere Darstellungsweise wird schwerlich Anklang finden. Grätz hat nicht nur eine Geschichte der Juden geschrieben, sondern auch dieser Geschichte für lange Zeit Form und Gestalt gegeben. In der Geschichte selbst wird man vieles ändern können oder gar müssen: die Form aber wird festgehalten werden. Grätz ist der einzige nationaljüdische Geschichtsschreiber, im Exil, seine Geschichte ist von dem Geiste getragen, der die historischen Schriften der Bibel beherrscht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.