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Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 87 - 88

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Das Judentum und seine Geschichte
Date
1902-02-01
Page
Seite 87 - 88 (sequence 2)
Language
German
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87 lieh im Laufe der Zeit der Vergessenheit anheimgefallen wäre, durch Abraham Ibn-Daüd der Nachwelt überliefert worden ist. Seitdem hat es in der Judenheit nicht an solchen chronologischen Schriften gefehlt, die trotz ihrer Mängel für die jüdische Geschichte von unschätzbarem "Werte sind. So das Buch „Juchasin", das den als Geograph und Astronom verdienstvollen Forscher Abraham Sakuta zum Verfasser hat. Der Verfasser war ein Zeitgenosse der grossen Judenaustreibung aus Spanien (1492) und wurde mit von diesem harten Schicksal heimgesucht. Seine in vielfacher Beziehung wertvolle Schrift gab später (Konstantinopel 1566) der Arzt Samuel Sulam heraus. Eine Geschichte der Leiden und Verfolgungen Israels, mit besonderer Berücksichtigung der Ereignisse in den romanischen Staaten, gab S am u e 11 b n -Ve r g a, der ebenfalls die Vertreibung der Juden aus der. pyrenäischen Halbinsel miterlebt hat. Er benutzte Aufzeichnungen seines Grossvaters Juda Ibn-Verga; die Schrift selbst wurde vom Sohn des Verfassers, Josef Ibn-Verga, mit manchen Zusätzen und Ergänzungen unter dem Titel „Sebet-Jehuda" herausgegeben (um 1650). Etwas jünger ist das Buch des Josef ha- Kohen, der zu den Opfern der damals (1567) in Italien grassierenden Judenfeindlichkeit gehört. Als die Juden am 15. Juli 1567 aus Genua ausgewiesen wurden, wollte man zwar dem Arzt Josef ha-Kohen den weiteren Aufenthalt im Gebiete dieser Stadt gestatten, er zog es jedoch vor, das Schicksal seiner in die Verbannung ziehenden Brüder zu teilen und wanderte nach Castelletto in Monferrat aus, wo er eine freundliche Aufnahme fand. Ausser einer anderen Schrift geschichtlichen Inhalts schrieb er auch eine Geschichte der jüdischen Leiden seit der Zerstörung Jerusalems bis auf seine Zeit (70—1675) unter dem Titel „Das Jammerthal" (Emek ha-Bacha): indessen ist dieses Buch erst viel später (1852) im Druck erschienen. Minder bedeutend ist das Buch des Gedalja Ibn-Jachja, ,,Die Kette der Ueberlieferu ng;', ein kurzes Kompendium der jüdischen Geschichte, in dem kritiklos alle möglichen Nachrichten zusammengetragen worden sindlbn-Jachja, einer reichen und vornehmen jüdischen Familie in Italien entstammend, war ein jüngerer Zeitgenosse des zuvorgenannten Josef ha-Kohen. Eine ungemein bessere Leistung finden wir in dem geschichtlichen Werke des deutschen Juden David Gans (geb. in Westfalen 1541, gest. in Prag 1613), dessen „Zemach David" (eine Geschichte, die sich auch mit den Ereignissen in der nichtjüdischen Welt befasst) Jahrhunderte hindurch eine Lieblingslektüre der Juden bildete. David Gans, der neben seinen theologischen Studien f auch Interesse für profane Wissenschaiten hegte, verkehrte freundschaftlich mit Kerler und Tycho de Brahe und verfasste in hebräischer Sprache ein Buch über Astronomie und Geographie. Sein historisches Werk enthält auch eine ziemlich genaue und beachtenswerte Bi's^veiV;-,;es Erl: m^o rieht sin Westfalen. SS So verdienstvoll aber diese und ähnliche Schriften an sich auch sein mochten, so boten sie doch keineswegs eine geschichtliche Darstellung im eigentlichen Sinne des Wortes. Abgesehen davon, dass den Verfassern der genannten Bücher zumeist die Kenntnis anderer, nicht jüdischer Geschichtsquellen abging, fehlte ihnen auch der kritische Sinn, das vorhandene Material zu prüfen und zu sichten. Geschichtsschreiber nach moderner Auffassung waren sie gewiss nicht. Die erste Geschichte der Juden in der.Zerstreuung unternahm ein protestantischer Theologe zu schreiben. Es war dies Jakob Basnage. Ein Franzose von Geburt (in Rouen 1653 geboren), musste eiserne Heimat infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes im Jahre 1585 verlassen und fand in Holland freundliche Aufnahme, wo er in verschiedenen Gemeinden als Prediger wirkte und in grossem Ansehen stand. Er schrieb die erste moderne jüdische Geschichte unter dem Titel: „Histoire de la religion des Juifs depuis Jesus-Christ jusqu'ä present" in fünf Bänden (Rotterdam 1707. 5 Bde.) Bezeichnend für diese erste Geschichte des jüdischen Volkes seit der Zerstörung Jerusalems ist wohl der Titel selbst. Also nicht eine Geschichte der Juden, sondern eine Geschichte des Judentums, der jüdischen Religion. Jakob Basnage, der am eignen Leibe die Folgen der religiösen Unduldsamkeit erfahren hat, zeigt in seinem Werke vielfach grosses Mitleid und auch Bewunderung für den jüdischen Stamm. Unter den Christen war er der erste, der auf die Juden das hübsche Bild anwandte von dem „Dornbusch, der im Feuer stand und doch nicht verzehrt wurde" (2. B-uch Moses 3, 2). Er meinte, das jüdische Volk biete in der Zeit seiner Verbannung und der harten Leiden das Bild dieses Dornbusches (die geistvolle Bemerkung selbst ist älteren Datums und iindet sich im Midrasch). Im ganzen ist überhaupt diese Geschichte von grossem Wohlwollen für die Juden. Aber Basnage war ein Kind seiner Zeit und konnte die landläufigen Vorurteile gegen die Juden nicht abschütteln und los werden. Wie er eine Geschichte der jüdischen Religion schrieb, als wären die Juden sonst nicht vorhanden, so konnte er nicht den kirchlichen Standpunkt aufgeben, dass ihre Drangsale als von Gott über sie verhängte Strafe aufzufassen sei, weil ihre Vorfahren „Jesum verworfen haben". Wahrscheinlich war aber dieses harte Urteil über die Juden nur eine Konzession an die Zeitgenossen, dem edlen Sinne des Verfassers entsprach es gewiss nicht. Denn sehr oft nimmt er Gelegenheit, die Juden gegen verschiedene Anklagen, die gegen sie erhoben wurden> in Schutz zu nehmen, wobei er sich aber rechtfertigen zu müssen glaubt. Er hält den Christen all die Härten und Grausamkeiten vor, die man gegen die Juden im Laufe der Jahrhunderte verübt hat. „Nur durch ein Wunder der Vorsehung, das das Erstaunen aller Christen erregen muss, besteht diese gehasste, an allen Orten seit vielen Dr. S. Bernfeld: Das Judentum und seine Geschichte.

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