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Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 81 - 82

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Die Entwickelung der nationalen Idee unter den Juden
Date
1902-02-01
Page
Seite 81 - 82 (sequence 5)
Language
German
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81 Elim Henry d'Avigdor: Die Entwickelimg der nationalen Idee unter den Juden. 82 Hände nehmen, sei nun das Stück Land, das sie einnehmen, der Bereich eines Dorfes oder einer grossen Provinz. Diejenigen, die den Boden bearbeiten und besitzen, die in den Fabriken thätig sind, die den Handel in Händen halten, sind die natürlichen Herren des Landes. Und wenn ein ähnlicher Prozess sich in Syrien abspielen würde, so würden ähnliche Resultate ebenso unvermeidlich sein. Es ist wahr, die Verhältnisse sind einigermassen andere und die Resultate könnten sich um eine oder mehrere Generationen verzögern — aber was ist eine Generation in der Lebenszeit einer Nation wie die unsere? Das türkische Reich ist viel älter und viel mächtiger als die argentinische Republik und es wird sehr viel schwerer sein mit ihr zu unterhandeln. Aber auf der anderen Seite ist die spärliche Bevölkerung Syriens eine semitische und gewöhnt, von anderen regiert zu werden. AVenn eine Anzahl von jüdischen Kolonien östlich vom Jordan errichtet werden könnte von einer Gesellschaft, so mächtig wie die, welche sich jetzt mit der argentinischen Kolonisation befasst, so würde das Resultat sein — wie ähnliche Fälle es schon gezeigt haben — dass auch diese mit der Zeit thatsächlich autonom würden. Unter der Oberherrschaft des Sultans stehend würden sie eine Provinz oder eine Gruppe von Dörfern bilden, die der Pforte gewisse Steuern zu bezahlen und im Falle einer Invasion Soldaten zu liefern hätte, aber das Recht besässe — gleichviel ob es ihm schweigend oder durch besonderen Firman gegeben sei — sich selbst zu regieren resp. ihre inneren Angelegenheiten selbst zu ordnen. Früher oder später würden sie an Bevölkerung und Macht so wachsen, dass sie formellere Verträge und grössere Unabhängigkeit beanspruchen können. Es könnte dann die Zeit kommen, wo diese jüdische Provinz ein neutrales Grenzgebiet zwischen dem türkischen Reiche und seinen mächtigeren Nachbarn bilden könnte, ähnlich wie es jetzt mit Rumänien, Bulgarien und Serbien der Fall ist. Ebenso wie die Entwrickelung der nationalen Idee in Rumänien, die wallachischen Leibeigenen in freie Bürger ihres eigenen Landes verwandelt hat, so wie das Wachstum der nationalen Idee unter den Slaven das, Serbische Königreich zu stände brachte, so würde die Kolonisation von Argentinien oder Syrien durch Juden in der natürlichsten Weise und ohne jedes wundervolle Eingreifen himmlischer Mächte oder derer, die auf Erden Vorsehung spielen wollten, unausweichlich — wenn auch voraussichtlich unter vielen Schwierigkeiten — das Entstehen kleiner, aber homogener jüdischer Gemeinwesen zur Folge haben. Von einer Emigration en masse ist bei alledem keine Rede. Unzweifelhaft würden die Kolonien, ob sie nun im Westen oder im Osten liegen, in demselben Maasse mehr und mehr unterdrückte Juden aus allen Weltteilen anziehen, als sie an Prosperität und Macht zunehmen würden. Aber sicherlich kann ein solches Resultat nicht eine Quelle künftiger Gefahren, sondern im Gegenteil nur eine grössere Garantie künftiger Sicherheit werden. Man muss immer im Auge behalten, dass der Hauptunterschied zwischen den modernen Judenverfolgungen und denen des Mittelalters der ist, dass wir jetzt unterdrückt und vertrieben werden als Landes- und Volksfremde, während man uns früher als Ungläubige gepeinigt und misshandelt hat. Unsere Feinde haben ihren Standpunkt verschoben. Vor 300 Jahren konnte die Taufe den Juden vollständig retten, heute gilt dies nur mit grossen Einschränkungen. Man hasst ihn als einen Fremden und nicht als einen Leugner der christlichen Heilslehre. Wie unbedeutend und schwach solche jüdische Dörfergruppen oder sonstige Gemeinwesen im Anfang sein mögen, so müssten sie doch die Zukunft der Juden in anderen Ländern im günstigen Sinne ändern, Der Jude würde nicht länger ein Vagabund, ein heimatloser Fremder sein. Wenn er als Bürger seines Geburtslandes zurückgesetzt oder misshandelt würde, so hätte er doch einen Zufluchtsort, ein sicheres Asyl, wo er unter Menschen seiner eignem Rasse und Religion in Frieden die Früchte seiner Arbeit gemessen könnte. So würde indirekt die Existenz eines jüdischen Gemeinwesens die Verhältnisse und Position der Juden in den Ländern, wo sie jetzt verfolgt werden, keinesfalls schädigen können, sondern viel wahrscheinlicher verbessern müssen. In der Existenz eines solchen Gemeinwesens allein hätten wir einige Garantie, dass unser Volk nicht immer und immer wieder von diesen furchtbaren Verfolgungen zu leiden hätte, denen die Fortschritte der Civilisation nichts von ihrer Grausamkeit genommen haben. Wenn die nationale Idee nicht immer unter uns gelebt hätte, so würden die Verfolgungen der letzten Jahre sie hervorgebracht haben müssen. So lange wir in vielen Ländern als

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