Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Die Entwickelung der nationalen Idee unter den Juden
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 79 - 80 (sequence 4)
- Language
- German
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79 Elim Hcniy d'Avigdor: Die Entwickelung der nationalen Idee unter den Juden. 80 so lange müssen die Juden als eine besondere Nation existieren, gleichviel, ob über alle Welt zerstreut oder in einem Lande vereinigt. AVenn der öffentliche Gottesdienst vergessen sein wird und der Bund vom Sinai vernachlässigt, wenn die schweigenden Räume der Synagoge nicht länger von dem „Höre Israel" wiederhallen, wenn die heiligen Gesetzesrollen ungelesen in ihrem Schreine ruhen, dann und nicht früher, wird die nationale Idee aussterben und unsere Rasse von der Erde verschwinden wie die der Griechen und der Römer. Der politische und praktische Aspekt der nationalen Idee ist das Schreckgespenst, welches einige unserer besten und edelsten Philantropen und erstaunlich viele unserer Geistes-Aristokraten und Führer abschreckt. Die allgemeine Ansicht scheint zu sein, dass mit der Pflege oder Billigung der nationalen Idee eine Ermutigung der utopisehen und unausführbaren Pläne einer Wiederherstellung des Hauses Juda zur Herrschaft in Zion verbunden sei und zweitens, dass die nationale Idee voller Gefahren jeder Art wäre für die Juden von Ost-Europa und möglicherweise sogar im Westen Gefahren und Schwierigkeiten hervorrufen könne. Nun wird aber die Idee-einer Auswanderung en masse* die alle Juden nach dem heiligen Lande führen sollte mit der Absicht, dort nun sofort ein jüdisches Königreich zu etablieren, höchstens von einzelnen Fanatikern geteilt, sicherlich hat keine einzige Person unter den Führern unserer verschiedenen nationalen Gesellschaften mit solchen Phantastereien zu thun. Die nationale Idee involviert keinerlei so weit reichende Pläne, keinen allgemeinen Exodus, keine rosenfarbigen Träume einer Wiederherstellung des Tempels, keine Verwirklichung der messianischen Prophezeiungen. Wir wollen versuchen, zu zeigen, dass sie unterstützt und zur Wirklichkeit werden kann ohne politische Gefahren, sondern im Gegenteil mit der Wahrscheinlichkeit grosser, politischer Vorteile. Diese Verwirklichung ist so wenig visionär und so logisch wie der Gang der Vorsehung — oder der Natur — es immer ist. In den letzten Wochen ist ein grosser Plan veröffentlicht worden, wie viele Hunderte von jüdischen Familien aus Russland überpflanzt werden könnten nach einem freien Lande jenseits des Atlantischen Ozeans. Kolonien sollten dort gegründet werden in der vorsichtigsten Weise und unter der geschicktesten Leitung. Es ist kein Geheimnis, dass die argentinische Republik das in Aussicht genommene Land ist; und wenn reiche Fonds, fähige Leiter, eine vielfache Erfahrung und edle Absichten den Erfolg erzwingen können, so wird dieses Unternehmen ihn haben. wSo wollen wir denn einige wenige Jahre vorauseilen und annehmen, dass eine Anzahl jüdischer Kolonien errichtet worden sei, deren Mehrzahl sich bereits selbst erhält und dass Argentinien für die russischen Flüchtlinge das verheissene Land geworden sei. Ist es irgendwie wahrscheinlich oder auch nur möglich, dass diese Kolonien, wenn sie stark bevölkert und wohlhabend geworden sind, sich von einer spärlichen und gemischten Bevölkerung regieren lassen werden, die sich zu ungefähr gleichen Teilen aus bigotten spanischen Katholiken, unwissenden italienischen Arbeitern und barbarischen eingeborenen Indianern zusammensetzt? Es ist klar, dass wenn die Kolonien irgendwie erfolgreich sein, wenn sie eine jüdische Bevölkerung anziehen und sich erhalten sollen, dass sie dann vom allerersten Anfang schon eine gewisse Art von Autonomie haben müssen. Je nachdem sie wachsen und gedeihen, muss ihr Einfluss und ihr Selbstbestimmungsrecht wachsen und sie werden unvermeidlicherweise von Jahr zu Jahr einen grösseren Anteil an der Regierung des Landes beanspruchen dürfen. Schliesslich würde in nicht zu langer Zeit ein starker Komplex einer jüdischen Bevölkerung in der argentinischen Repüblick sich herausbilden und das jüdische Votum würde zu einem politischen Faktor werden, mit dem gerechnet werden müsste. Ob der nächste Schritt der sein wird, dass sich eine besondere jüdische Provinz neben den. anderen Provinzen Argentiniens herausbilden wird, oder ob die Juden nach und nach eine Mehrheit in der Landesregierung haben werden, ist eine Frage, welche nur die Zeit beantworten kann. Aber man kann mit vollständiger Sicherheit voraussagen, dass,'einen Erfolg der argentinischen Kolonisation vorausgesetzt, die jüdische nationale Idee sich wird entwickeln müssen, ebenso wie die jüdischen Gebräuche, jüdischer Ackerbau, jüdische Industrie und jüdischer Wohlstand. Es ist die unvermeidliche und logische Konsequenz der kompakten Ansiedelung einer grossen Anzahl von Juden in einem dünn bevölkerten Lande, dass sie nach und nach Einfluss gewinnen müssen und schliesslich die Verwaltung in ihre