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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 69 - 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Revue der Presse.
Date
1902-01-01
Page
Seite 69 - 70 (sequence 2)
Language
German
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69 Revue der Presse. 70 Litteratur" (No. 2 1902). Wir entnehmen diesem Aufsätze folgende charakteristische Stellen: „Vor wenigen Jahrzehnten noch erschien eine nationaljüdische Kunst undenkbar. Es gab bedeutende Künstler israelitischer Abstammung — ich erinnere an Israels und Liebermann —, ohne dass diese ihr Können in den Dienst ihres Volkes gestellt hätten. Aber es gährte im jüdischen Volke, die jungjüdische Bewegung brauchte nur ein äusseres Ereignis, um auf allen Gebieten ein frisches, fröhliches Schaffen zu beginnen. Diesen Anstoss gab der Zionismus. — Der Zionismus verfolgt neben seinen politischen Zwecken auch das ideelle Ziel, das Nationalgefühl der Juden zu wecken und zu stärken. Es ist interessant, zu beobachten, wie die zionistische Bewegung, die anfänglich mit einiger Ablehnung behandelt wurde, unter den Israeliten immer mehr Anhänger gewinnt und bei den Christen lebhaften Sympathien begegnet. Denn kein Unparteiischer, der für Rasseeigentümiichkeiten und ethnologische Feinheiten Verständnis hat, kann einer öden Assimilation das Wort reden. Unter den zeitgenössischen jüdischen Künstlern sind mehrere, welche die nationale Idee mit Feuer und Liebe aufgriffen. Sie sind die ersten Apostel einer hebräischen Kunst, die sich hoffentlich in der Zukunft ohne allen Zwang kräftig und eigenartig entfalten kann. Unter ihnen sind besonders markante Erscheinungen: der Bildhauer A. Nossig, der Radierer Hermann Struck, die beiden Maler Lesser-Ury und C. M. Lilien." „Der Zionismus schreitet unaufhaltsam vor und bereitet der jungjüdischen Kunst die Wege; und im jüdischen Volke glimmt das Verlangen nach Kunstschönheit wie ein heimliches Feuer, das sich still vom Vater auf den Sohn vererbt hat. Die Kunst braucht nur zu kommen und von ihrem Reiche Besitz zu ergreifen." * * * Der berühmte Dichter J. L. Perez war in jüngster Zeit das Opfer einer falschen Anklage. Es erregte bei den zahllosen Verehrern dieses Volksdichters keine geringe Aufregung, als die grössten Tagesblätter die Nachricht von seiner Verhaftung brachten. Wenige Tage nachher wurde seine Enthaftung und die Zurücknahme der Anklage gemeldet. Wir halten es für unsere Pflicht, die näheren Aufklärungen über diesen bedauerlichen Vorfall zu bringen und entnehmen der „Welt** (No. 52) darüber folgende Einzelheiten : Der gefeierte jüdische Dichter J. L. Perez in Warschau wurde vor einigen Wochen unter dem ungeheuerlichen Verdachte, an der Fälschung von Eisenbahnfrachtbriefen beteiligt zu sein, verhaftet, alsbald aber auf freien Fuss gesetzt, da sich seine vollständige Unschuld klar herausstellte. Wir erfahren über diese Angelegenheit, die in Warschau ungeheures Aufsehen erregt hat, aus absolut zuverlässiger Quelle folgende Einzelheiten: Leon Perez erteilte im Jahre 1894 aus Anlass einer Familienangelegenheit, die er bei Gericht auszutragen hatte, einem Warschauer angesehenen Rechtsanwalt namens Kirschr oth-Prawnicky eine Generalvollmacht. In jüngster Zeit gab sich nun Kirschroth mit dem Ankauf klagbarer Eisenbahnfrachtbriefe ab, auf Grund deren man gewisse Eisenbahngesellschaften auf Rückerstattung unrechtmässig erhobener Gebühren belangen kann. Da Kirschroth jedoch als vereideter Rechtsanwalt derartige übelberufene Geschäfte nicht unter seinem eigenen Namen betreiben wollte, bediente er sich zur Geltendmachung seiner Forderungen der Vollmachten einzelner seiner Klienten und missbrauchte auf diese Weise auch die Vollmacht des ahnungslosen Perez. Nun ergab es sich, dass einzelne dieser Frachtbriefe gefälscht und gestohlen waren, weswegen \iele ganz unschuldige Leute, die Kirschroth auf die angegebene Art in die AfTaire hineingezogen hatte, verhaftet wurden; unter ihnen auch Perez. (Nach den Mitteilungen unseres Gewährsmannes glaubt man in Warschau, dass Kirschroth selbst die Provenienz der betreffenden Frachtbriefe nicht gekannt habe.) Mit Mühe und Not gelang es Perez' Freunden, zu erfahren, wessen der Dichter eigentlich beschuldigt sei. Wiewohl Kirschroth einen Missbrauch ärgster Art begangen hatte, erklärte er doch, als er von der Verhaftung Perez' erfuhr, vor Zeugen, dass Perez mit den Forderungen, die er, Kirschroth, in seinem Namen erhoben hatte, nicht das allergeringste zu thun habe und auf die unschuldigste Art der Welt ins Unglück geraten sei. Auf Verlangen von Perez' Freunden setzte er diese Erklärung sogar schriftlich auf. Gleichwohl musste Perez noch einige Zeit in Haft bleiben, bis es seine Freunde durchsetzten, dass das Untersuchungsverfahren eingeleitet und Perez einvernommen werde. Der Untersuchungsrichter fand sogleich heraus, dass Perez ganz unverschuldet in die AfTaire verwickelt worden war, ordnete unverweilt die Enthaftung des Dichters an und leistete ihm sogar öffentlich Abbitte. * * * Dem „Jüdischen Volksblatt" (Wien) schreibt man aus Göttingen: „Der Protest Mommsens gegen die Besetzung der Lehrstühle nach konfessionellen Rücksichten wird von Herrn Rabbiner Dr. Jacob in einem norddeutschen Blatte wie folgt ergänzt; Aber bei aller Ehrerbietung gegen den grossen Mann und seine gelehrte Gefolgschaft wird es gestattet sein, ihre Erklärung von einem Standpunkte zu ergänzen, der bisher noch gar nicht zur Geltung gekommen ist: vom Standpunkte des Judentums. Von diesem Standpunkte erklären wir rund heraus: Juden und Judentum gegenüber ist all das hochtönende Gerede von Freiheit und Konfessionslosigkeit der Wissenschaft eine Form. Es ist landkundig, dass es für einen jüdischen Gelehrten, und wäre er der erste in seinem Fache, auf vielen Gebieten der Wissenschaft, auch solchen, die zu der Konfession des Forschers in Verbingung zu bringen, selbst dem allerchristlichsten Glaubenseifer nicht gelingen dürfte, namentlich in Preussen mit den allergrössten Schwierigkeiten verknüpft, ja meist geradezu unmöglich ist, ordentlicher Professor zu werden. Was hat z. B. die medizinische Wissenschaft mit der Konfession zu thun? Aber es ist allbekannt, dass gerade an der Berliner Universität, von der der Protest ausgegangen ist, jüdische Mediziner von Weltruf jahrzehntelang auf eine Beförderung zum ordentlichen Professor warten und so lange warten können, bis sie—Christen werden, ja ganze Fakultäten prinzipiell „judenrein" gehalten werden. Denn es ist ebenso bekannt, dass die Taufe den Juden mit einem Schlage anstellungsfähig macht. Weniger bekannt oder schon wieder vergessen ist es aber, dass gerade Professor Mommsen es gewesen ist, der in den achtziger Jahren, am Beginn der antisemitischen Bewegung, den Juden diesen Schritt angeraten hat. Wie zugestanden werden muss und von einem Mommsen nicht anders erwartet werden kann, in der wohlmeinendsten Absicht. Da doch für den gebildeten Juden das Judentum ebenso ein überwundener Standpunkt sei wie für den gebildeten Christen

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