Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Revue der Presse.
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 67 - 68 (sequence 1)
- Language
- German
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6'7 m REVUE DER PRESSE. Der fünfte Zionisten-Kongress zu Basel stand naturge'mäss im Mittelpunkt der Diskussion der gesamten jüdischen Presse. Auch alle bedeutenden Tagesblätter brachten ausführliche Berichte. Eine Ausnahme bilden nur jene österreichischen und deutschen Journale, deren Herausgeber und Redakteure ausschliesslich — Juden sind. Der Kongress war vornehmlich dem Ausbau der Organisation und der Stärkung der Fonds gewidmet. Der „Jüdische Nationalfonds der schon seit dem ersten Kongresse vorbereitet worden war, wurde offiziell konstituiert. Ueberraschend gross war die Zahl der Delegierten (fast 300, darunter solche aus Amerika, Süd-Afrika und Ost-Sibirien), bewundernswert ihr Fleiss und Arbeitswille. Manche Sitzungen dauerten bis in die frühen Morgenstunden. Die ausführlichen Berichte werden dem Kongress-Protokolle zu entnehmen sein, das in einigen Wochen erscheint. Wir müssen uns damit begnügen, unseren Lesern die Eröffnungsrede des Präsidenten des Kongresses, Dr. Theodor Herzl, zu bieten, die manche lehrreiche Aufklärungen über die Zwecke der zionistischen Bewegung giebt. Am 25. Dezember fand in Berlin eine Versammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden statt. Der Vorsitzende, Herr J. Simon, bemerkte, der „Israelitischen Rundschau" zufolge, in seiner Ansprache, dass der Hilfsverein in weiten Kreisen der Berliner Judenschaft sympathische Aufnahme gefunden hat. Die Zahl der Mitglieder in Berlin betrage nahezu 1200 mit ungefähi 10 000 Jahresbeiträgen; ferner sind an einmaligen Zuwendungen rund 60 000 Mark eingegangen. Auch in der Provinz bekunde sich das lebhafteste Interesse für den Verein. Alsdann nahm der Referent, Herr Dr. Paul Nathan, das Wort, um die Ziele des Hilfsvereins darzulegen. Bisher seien es in Deutschland nur Spezialkomitees, wie das Russische und das Rumänische Komitee gewesen, die sich die Aufgabe gestellt hätten, die Notlage der Glaubensgenossen im Auslande in einzelnen besonderen Fällen zu lindern. Diese Komitees hätten infolge ihrer eiligen Zusammensetzung und ihres provisorischen Charakters nicht so eingreifend wirken können, wie es die Verhältnisse erfordert hätten. Daher sei eine dauernde Organisation in dem Hilfsverein der deutschen Juden geschaffen worden. Die Aufgaben desselben in den verschiedenen Ländern würden sich stets nach den lokalen Bedürfnissen richten müssen. Für die notleidenden Glaubensgenossen in Galizien komme vor allem die Schaffung respektive Förderung von Hausindustrie, für Rumänien die Errichtung von Vorschusskassen in Betracht. Im Orient, vor allem in Kleinasien und Anatolien, sollen den Bedürfnissen der dortigen, deutschsprechenden jüdischen Bevölkerung gemäss deutsche Schulen errichtet werden. Durch Hebung der Juden im Osten wird man gleichzeitig den allgemeinen Kulturbestrebungen dienen. Nach der darauf folgenden Diskussion nahm Herr Justizrat- Cassel das Schlusswort. Derselbe führte u. a. aus: „Uns deutsche Juden hat der Antisemitismus wieder einander näher gebracht; so werden wir alle auch unseren Brüdern im Osten näher sein. In diesem Sinne der Humanität müssen wir die Solidarität der Juden verstehen, welche hervorgegangen ist aus der gemeinsamen Abstammung und dem gemeinsamen Glauben.- Wenn wir zur Hebung des geistigen und materiellen Niveaus unserer Brüder thätig sind, ist jeder Eingriff in ihre religiösen Anschauungen vollkommen ausgeschlossen. Im Gegenteil muss sorgfältig darauf geachtet werden, dass bei allem, was wir thun, die religiösen Gefühle derjenigen, denen unsere Hilfe gilt, berücksichtigt werden." * * * Ein jüdisches Kreditinstitut. Wie vorbildlich das „Kreditinstitut für jüdische Gewerbetreibende und Beamte" wirkt, zeigt der Brief, der dem Mainzer „Israelit" von Herrn Henry Cahn-Dreyfus, Baumwollwaren-Manufaktur in Strass-. burg zugeht: „Die Errichtung eines solchen Instituts wäre der Errichtung mancher Wohlthätigkeits-Anstalt vorzuziehen, denn nicht allein, dass viele Handwerker den nötigen Kredit fänden, um ihr Geschäft zu vergrössern und zu verbessern, sondern auch > manchen ehrlichen, kleinen Geschäftsleuten könnte durch ein derartiges Institut zum Wohlstand verholfen werden. Die Sache ist auch ausführbar, es würde sich nur darum handeln, ein gewisses Kapital zusammenzubringen; es braucht nicht allzu gross sein und eine Gesellschaft müsstegegründet werden, deren Hauptsitz z. B. in Frankfurt a. M.. wäre. Dann müsste man Filialen in allen grösseren Provinz- und Industrie-Städten errichten, z. B. für Elsass in Strassbürg,. Colmar und Mülhausen: und wenn einmal die Sache ihren Anfang genommen, würde sie sich schon von selbst weiterentwickeln.". * * * Vor einigen Tagen hielt Fritz Stahl, der Kunstkritiker des „Berl. Tagebl.", einen Vortrag „Ueber das Verhältnis des Judentums zur bildenden Kunst". Im Laufe seines Vortrages behandelte Herr . Stahl auch die Frage einer national-jüdischen Kirnst und sprach es aus, dass die gegenwärtige, in gleichem Maasse moderne wie konservative Elemente umfassende national-jüdische Bewegung wohl die Möglichkeit des Entstehens einer jüdischen Kunst enthalte, als deren bedeutendsten Repräsentanten er Lesser-Ury nennt. Dasselbe Thema behandelt auch ein Artikel einer christlichen Schriftstellerin (Frl. Dolorosa) im „Magazin für-