Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Die Seelenwanderung einer Melodie
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 57 - 58 (sequence 6)
- Language
- German
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57 J. L. Perez: Die Seelenwatiderüng einer Melodie. 58 raubt, mich ausgenützt und weggeworfen, wie man eine entleerte Nussschale wegwirft. Erbarmen mit einem armen, armen Kinde!" Und noch weiter fleht das Lied: „Es ist kalt und ich gehe entblösst. Hunger leid ich auch. Und ein Kissen, wo ich den armen Kopf zur Ruhe legen könnte, hab ich nicht. . . Und blind bin ich dazu!" So bat und flehte die Melodie. Das war ihre erste Stufe aufwärts. Man übte durch sie Werke der Liebe. * In Radziwill gabs einen jüdischen Talmudgelehrten. Er war keineswegs ein Gegner des chassidischen Wesens, ein Feind schon ganz und gar nicht. Aber er hatte einfach keine Zeit, zu einem Zaddik zu fahren. Er klappte sein Talmudbuch niemals zu. Sein Gewissen litt nicht, dass er auch nur für kurze Zeit das Studium unterbreche. Damit er im Beth-Hamidrasch nicht gestört werde, sass er und lernte den ganzen Tag daheim. Die Frau war tagsüber im Laden, die Kinder im Cheder. Manchmal ging ihm der Gedanke durch, den Kopf: Sollte ich nicht doch einmal irgendwo hinfahren? Das flüsterte ihm wohl der „gute Trieb" zu. Was that nun aber der „böse Trieb"? Er verkleidete sich in die Gestalt des guten Triebs und meinte: „Ja, freilich, gewiss sollte ich einmal fahren. Aber es hat noch Zeit. Erst muss ich den Tiaktat zu Ende lernen, jenen Traktat." Und so weiter durch Monate und Jahre. Im Himmel scheint man jedoch darauf hingearbeitet zu haben, dass der Gelehrte zu Reb Dowidel fahre. Da fügte es sich so: Einmal sass der Gelehrte über seinem Buche und lernte. Da hörte er vor seiner Thüre singen. Und er ärgerte sich über sich selbst. Wenn man beim Lernen sitzt, darf man nicht hören, was auf der Gasse, was vor der Thür vorgeht! Man muss ganz in der Thora aufgehen! Allein er hörte doch weiter. Er stopfte sich die Ohren zu, aber die Melodie stahl sich unter seinen Fingern hinein. Da ärgerte er sich noch mehr, griff zornig nach seinem langen Bart, presste ihn zwischen die Zähne und lernte weiter. Gewaltsam lernte er. Aber die Melodie wollte nicht aufhören Er hörte sie immer deutlicher. Plötzlich wurde er inne, dass es eine Frauenstimme sei. Ein Mädchen singt! Und aufgebracht schrie er hinaus: „Freches Weib! Hinweg von meiner Schwelle!" Die Melodie entfernte sich. Aber — Spiel des Satans: es sang schon niemand, und doch hörte er singen. Die Melodie sang sich selbst, drang dem Gelehrten ins Ohr, in die Seele hinein. Mit aller Kraft schaute er ins Buch, mit aller Kraft vertiefte er sich in das Thema —es ging nicht! Die Seele füllte sich ihm immer mehr und mehr mit der Melodie . . . Er. schlug das Buch zu und schickte sich an, das Abendgebet zu verrichten, Aber es giDg nicht, weder lernen noch beten konnte er! Wie ein Silberglöcklein tönte die Melodie in ihm. Es war unerträglich, zum Verzweifeln. Es verging ein Tag, ein zweiter, ein dritter —. Der Gelehrte verfiel schier in Schwermut. Er legte sich Fasten auf, es hall nicht. Er konnte die Melodie nicht los werden, sie weckte ihn des nachts aus dem Schlafe! Und das war ein Mann, der sein Lebtag niemals in der Synagoge vorgebetet hatte, den man niemals den leisesten Ton hatte singen hören. Am Sabbath pflegte er die Tischgesänge nur so abzuleiern und lernte statt des Gesanges ein Blatt Talmud. Da musste er doch einsehen, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. „Satanswerk", sagte er sich und war ganz verzagt. „Nun muss ich doch wohl fahren!" Meinte aber der „böse Trieb": Hm, fahren — aber wohin? Zaddikim giebt es ja so viele. Welcher aber ist der richtige? Bei welchem kann man etwas erwirken? So grübelte der Gelehrte. Da bekam er einen Wink von oben. Es fügte sich nämlich, dass Reb Dowidel Tolnoer flüchten musste und durch Radziwill reiste. Die Geschichte von der Denunziation kennt Ihr gewiss. Ich sage Euch aber, dass es eine göttliche Strafe war. Es war ein Unrecht, dass man Reb Dowidel von Wassilkow entführt und nach Talno gebracht hatte. Es war ein Unrecht, dass man eine Stadt beschämt hatte. Und herabgekommmen ist dieses Wassilkow seitdem — es ist ein Jammer! Die Gasthäuser mussten geschlossen werden, die Schankwirtschaften in der ganzen Umgebung lösten sich auf. An den Bettelstab sind die Leute gekommen . . . Das forderte Sühne! Man denunzierte — und auch Talno ging zu Grunde. Reb Dowidel hatte nämlich einen goldenen Stuhl, an dem der Spruch angebracht war: „David, König Israels lebt beständig." Daraus machten Denunzianten Politik, und es verfing in Petersburg. Freilich, wir wissen, dass dies im Sinne des Ausspruches: „Könige — das sind die Rabbinen" gemeint war. Aber geh und erkläre das den Generälen in Petersburg! Kurz und gut: Reb Dowidel musste flüchten. Da blieb er auf der Durchreise über den Sabbath in Radziwill, und unser Radziwiller Gelehrter ging glücklicherweise zu seiner dritten Sabbathmahlzeit. Der „böse Trieb" gab sich aber noch nicht gefangen. Der Gelehrte kam in die Stube hinein und sah ein kleines, winziges Jüdlein, das obenan am Tische sass. Man sah nichts weiter von ihm, als eine grosse Pelzmütze mit silbernen Haaren, die ihm ins Gesicht hinabfielen. Schweigend sass die Runde um ihn, keine Thoraworte wurden gesprochen. Da ward der Gelehrte ganz mutlos. „Das also ist alles?" dachte er. Aber Reb Dowidel hatte ihn schon erblickt und rief ihm zu: „Setz Dich, Gelehrter." In diesem Augenblicke lebte der Gelehrte auch schon auf. Er hatte schon einen Blick von Reb Dowidel aufgefangen, und der lief ihm heiss über die Seele. Ihr habt sicher schon von des Tainoers Augen gehört. In seinem Blicke lag sowohl Hoheit wie Heiligkeit und Kraft. Was ihr wollt, lag in seinem Blick! Und da Reb Dowidel sagte: „Setz Dich," machte man dem Gelehrten geschwind Platz. Er setzte sich nun und wartete ab. Da sagte plötzlich Reb Dowidel: „Man beehrt sich, den Gelehrten zu einem Gesang aufzufordern." Dem Gelehrten schwanden die Sinne. Er — und ein Gesang! Doch jemand zupfte ihn schon am Aermel. Wenn Reb Dowidel befiehlt, singt man. Was ist da zu thun? Er muss singen. Und der Arme beginnt mit stockender Stimme und bringt kaum die ersten Töne einer Melodie heraus. Was könnte er wohl singen? Sicher die Melodie des