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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 59 - 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Die Seelenwanderung einer Melodie
Date
1902-01-01
Page
Seite 59 - 60 (sequence 7)
Language
German
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59 J. L, Perez: Die Seelenwanderung einer Alßlodie. 60 Waisenmädchens. Eine andere kennt er ja nicht. Und er stammelt und-stockt und singt. Siehe da, die Melodie ändert sich wieder von Grund aus! Sie hat schon einen Hauch von dem Duft der Thora, einen Schimmer von der Heiligkeit des Sabbath nebst Regungen der Busse eines Thorakundigen in sich aufgenommen . . . Und im Gesänge wachsen dem Gelehrten die Kräfte und er singt immer besser, immer freier. Mitten drein beginnt Rob Dowidel nach seiner Weise leise mitzusingerj, die Runde hört es und mischt sich drein, und mit der Gesellschaft kommt auch der Gelehrte in Hitze, flammt auf. Er ist schon ganz fessellos, hoch schwingt sich sein Gesang auf. Und die Melodie ergiesst sich mit einemmale wie ein Feuerstrom, lodernd und verzehrend. Immer höher und breiter züngeln die Flammen, die Stube wird der Melodie zu eng nnd sie schlägt zum Fenster hinaus, entzündet sich auf der Strasse! . . . Und ein Meer von flammender Heiligkeit flutet draussen dahin, und die Leute rufen erschrocken und erstaunt: „Die Melodie des Waisenmädchens!" Die Melodie war erlöst und mit ihr auch der Gelehrte. Ehe Reb Dowidel von dannen fuhr, rief er den Gelehrten beiseite und redete mit ihm ein paar Worte. „Gelehrter", sagte er ihm, „Du hast ein jüdisches Mädchen beschämt! Du hast den tiefen Sinn ihrer Melodie nicht erfasst! Du hast sie „frech" gescholten!" „Rabbi, sagt mir um des Himmels willen, wie soll ich das sühnen?" „Eine besondere Sühne ist da nicht nötig", sagte der selige Rabbi. „Anstatt einer Sühne übe Du lieber ein gutes Werk." „Was. für ein gutes Werk, Rabbi?" „Mach' dem Mädchen Hochzeit! Brautausstattung ist ein sehr verdienstliches Werk." * # Und nun höret den zweiten Teil der Geschichte. Einige Jahre später :— das Mädchen hatte längst schon geheiratet; ein verwitweter Thorarollenschreiber hatte sie heimgeführt — erfuhr man erst ihren Ursprung. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen eine Enkelin des alten Katzner sei. Die Sache verhielt sich nämlich so: Der Schwiegersohn des verstorbenen Katzner, eben der Kiewer, war einmal mit seiner Frau ins Theater gegangen, und just an dem Abend stahl man ihnen das einzige Kind. Aber es war nicht mehr möglich, den Eltern die Tochter zurückzugeben. Die Mutter lebte längst nicht mehr und der Vater war schon längst in Amerika. Das ewige Geheimnis* (Ans dem Jüdischen 'des Morris Rosenfeld übersetzt von Berthold Feiwel.) das wir Heben, was wir hassen, Mufs Im grofsen Vichts erblassen, haucht in die Unendlichkeit, {jHo's kein Leben gibt, kein Streben, JNiir geheime Kräfte weben Still Dein Schwelgen, 6wigkelt . Denk tcb dran, dafs der Gerechte JMufs verbluten wie der Schlechte Und das Grab vereint die Zwei, 3das das reine Licht kann trennen, Soll die JNacbt vereinen können, — Bricht wir fehler das Berz entzwei* flnftere Gedanken wecken Mir Im Berzen tiefe Schrecken, Denk Ich: HUes ift nur Schaum, ClnTer Gehn und Stehn und Bandeln, linier Ruhn und €bun und handeln 3ft ein Schatten blofs, ein /träum — O, flnftere Unendlichkeit, O, ftumme Unverftändlicbkeit, fragen ohne Glider ball! HUes tragft Du und verträgft Du, HUes fchlägft Du und erfdblägft Du, Stilles Nichte, Du ftilles HU! ♦ ♦

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