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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 55 - 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Die Seelenwanderung einer Melodie
Date
1902-01-01
Page
Seite 55 - 56 (sequence 5)
Language
German
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55 J. L. Perez: Die Seelenwanderuug einer Melodie. 56 wollte er dem Pfeifen abgewinnen. Nein, nein — das war schon kein Spiel mehr. Die Fiedel gab wüste, heisere, krächzende Töne von sich. Und das sauste und brauste wild daher, wie ein ungebärdiger Wirbelwind. Alles im Saale schien sich im Kreise zu drehen, die Musikkapelle, die Gäste, die Braut auf dem Stuhle, Chaim'el selbst mit seiner Fiedel . . . Es war kein „El mole rachamim", überhaupt kein Spielen mehr, sondern eine tanzende Raserei . . . Und es dauerte so lange, bis die Saite platzte. „Bravo, Chaim'el, bravo!" riefen die Kiewer Gäste. Ob sie wohl damit dem alten toten Geizhals einen Dienst erwiesen hatten? Der würde sich bedankt haben. * « * Einige Jahre später wanderte die Melodie, wahrscheinlich durch einen der iKiewer Leute, ins Theater. Was ist ein Theater? Alte Maskilim pflegten zu sagen, das Theater sei besser als ein moralisches Erbauungsbuch, besser als der Reschith Chochmah. Ihr sagt gewiss, das Theater sei sündhaft wie der Genuss von Schweinefleisch, Bei uns jedoch sagt man, alles hänge davon ab, was man im Theater spielt. Die Geschichte spielt in Warschau. Das Theater ist gedrängt voll, die Leute sitzen und stehen Kopf an Kopf. Die Musik beginnt zu spielen. Was spielt die Musik? ---Ein wildes Rauschen, ein Gepolter, eine babylonische Stimmenverwirrung. Chaim'els „El mole rachamim", aber an Stelle des „Wallach" eine wilde Jagd. Die Instrumente jagen einander, überstürzen sich. Es schmettert, es dröhnt, es knattert. Nicht etwa ein Donnerwetter oder ein Häusereinsturz, sondern einfach ein ohrenbetäubendes Getöse. Gleiten wohl böse Dämonen auf dem Eismeer dahin, oder sind tausend Höllenhunde ausgerissen und erheben ein Freudengeheul? Ein Gellen durchzuckt das Theater. Plötzlich fällt brummend der Bass ein. Als ob er zornig wäre. Er ärgert sich — was ist denn los? Doch nein! Es war nur erkünstelt. Man fühlt, dass sein Zorn nicht echt ist. Und ein seltsam schrilles Pfeifchen setzt ein. Es schiesst wie der Zickzack eines Blitzstrahles durch die Lüfte mit dem schallenden, höhnischen Gelächter eines Hanswursts. Ha-haha! Hi-hi-hi! Die Klarinette eilt hinterdrein. Und Possen treibt sie, die Klarinette, aller Welt zum Aergernis. Man fühlt förmlich ihre Absicht, Aergernis zu erregen. Und jetzt erst heben sich drei — vier Geigen heraus. Und sie spielen eigentümlich süss, die Geigen. Teuflisch süss, wie die Sünde selbst. Wie die leibhaftige böse Begier, wenn ihr Mund von Honig überfliesst. Und das Spiel schmeichelt sich bethörend in aller Herzen ein, ergiesst sich sanft und glatt wie Oel und berauscht wie alter, süsser Wein. Das Theater-Publikum erglüht heiss. Der Mund ist weit aufgerissen, die Augen blitzen . . . Nun erst geht der Vorhang auf und es erscheint TExu und „Sie": ein Prinz und eine Prinzessin. Und sie singen. Sie singen flammende Worte. Wie zischende Schlangen ringeln sich die Worte aus ihrem Mund. Und die Hölle brennt auf ihren Angesichtern. Wie die Waldteufel springen sie einander entgegen. Und die Umarmungen und die Küsse, das Singen und das Springen wird immer leidenschaftlicher, immer rasender, immer toller. Die wilde Glut teilt sich dem ganzen Publikum mit. Alle Galerien sind eine grosse Flamme und das ganze Theater singt. Ein Meer von glühender Leidenschaft hat sich ergossen, eine Hölle ist in Brand geraten. Böse Geister führen einen wildbewegten Tanz auf, strafende Dämonen kreisen strudelnd um ein feuriges Rad . . . Das war aus P'dohzur's Brautaussteuerlied, aus Chaim'ePs „El mole rachamim", mit Hilfe des Kiewers geworden ... * * * Dem Falle ist keine Grenze gesetzt. Was einmal gesunken ist, das sinkt immer tiefer. Das jüdische Theater löste sich auf. Die Prinzen wurden wieder Schuster und Schneider. Die Prinzessinnen nahmen wieder ihre Stelle am Herd ein. Und unsere Melodie fuhr in einen Leierkasten. Sie ist kaum mehr kenntlich. Ein zerschlissener Divan steht in einem Hofraum. Zwei Männer in Komödiantenkostüm produzieren ihre Künste im Vereine mit einem abgemagerten bleichen Mädchen, das sie irgendwo gestohlen haben. Der eine balanziert eine Leiter auf Zähnen. Hurtig klettert das Mädchen zur höchsten Staffel empört und springt von dort auf die Schulter des zweiten Komödianten. Sie schlägt einige Purzelbäume in der Luft, stellt sich dann in Positur, streckt einen Teller vor sich hin und geht absammeln. Das ist auch ein Theater, aber eines für die untersten Gesellschaftsschichten, für männliche und weibliche Dienstboten. Man spielt unter dem freien Himmel, weil es da billiger ist. Löst man keine Karten, so wirft man in den Sammelteller einen Zweier oder Dreier. Und sie macht ihre Sache so kunstvoll, das dürre, blasse Mädchen . . . Dicke Schweisstropfen laufen ihr die rotgeschminkten Wangen hinab, in dem eingefallenen Auge brennt ein tiefer Schmerz — das verehrte Publikum sieht das nicht. Sie ringt schwer nach Atem — das hört es nicht. Es sieht nur die schönen Künste, hört nur die liebliche Musik des Leierkastens. Und die Seele in dem dürren Leib des gestohlenen Kindes, wie die arme Melodie im Leier-, kästen ■— beide ächzen und stöhnen, beide flehen um Erlösung. -* * ♦ Allein es war vorher bestimmt, dass P'dohzur's Brautaussteuerlied wieder aufgerichtet werde. Auf ihren Kreuz- und Querzügen durch Stadt und Land schleppten die Komödianten das arme Kind so lange mit, bis es krank wurde. Die Truppe war eben in Radziwill, an der Landesgrenze. Dort Hessen sie das Kind unter eine Hecke zurück und zogen über die Grenze. Lauf dem Wind auf dem Felde nach! Halbnackt, mit blauen Striemen am Leibe, lag die Arme in Fieberglut. Barmherzige Leute lasen sie auf und trugen sie ins Judenspital. Dort lag sie an Typhus darnieder und verHess das Spital an beiden Augen erblindet. Nun bettelt das arme Kind. Es geht von Haus zu Haus, von Thür zu Thür — und spricht kein Wort. Mit Worten zu betteln, das bringt die Arme nicht fertig. Sie stellt sich irgendwo an und wartet. Sieht man sie nicht, so fängt sie an, ihr Lied zu singen, dass man sie höre. Und das Lied ist das?om Leierkasten. Aber was ist jetzt sein Inhalt? Eine Bitte. Es bittet um Erbarmen, um Barmherzigkeit für ein unglückliches Kind ... „Böse Menschen haben mich einem guten Vater, einer liebenden Mutter, einem warmen, trauten Heim entrissen, gestohlen. Man hat mich alles Guten be-

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