Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Die Seelenwanderung einer Melodie
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 49 - 50 (sequence 2)
- Language
- German
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49 J. L. Perez: Die Seelenwanderimg einer Melodie. 50 die Stimmen der Natur wie ein Netz einfängt, wie ein Schwamm aufsaugt ... Aber eine Menge von Tönen macht noch lange keine Melodie, ein Haufen Ziegel bildet noch lange kein Haus. Das ist erst der Körper der Melodie, es fehlt ihr noch die Seele. Die Seele der Melodie aber ist das Gemüt des Sängers: seine Liebe, sein Zorn, seine Heiterkeit, seine Herzenssehnsucht, seine Reue, seine Betrübnis. Dies alles kann der Sänger seinem Gesänge einhauchen, und das Lied ist beseelt, es lebt. Denn ich glaube, meine Brüder, dass dasjenige, was mich belebt, selbst ein Leben haben muss. Wie könnte es mir sonst Leben eingeben! Und dann: versucht doch einmal eine Melodie zu zerpflücken! Singt sie von rückwärts! Habt ihr da noch eine Melodie? Ihr habt ja alle Töne, nicht ein einziger Akkord fehlt, aber die Seele ist dahin. Ihr habt eine weisse Taube geschlachtet, und unter dem Messer entfloh euch das reine Seelchen. Die Melodie ist gestorben, nun habt ihr eine Sangesleiche. In Talno gilt es als sonnenklar, dass eine Melodie ein lebendes Wesen ist! Wahrhaftig, eine Melodie lebt und stirbt. Dann wird sie vergessen, wie man einen Verstorbenen vergisst. Einst war sie jung, schön und begehrt gewesen. Nach und nach verblühte sie, ward siech und alt. Und eines Tages hauchte sie ihren letzten Seufzer aus und war tot. Aber eine Melodie kann auch auferstehen. Ein alter Sang lebt plötzlich wieder. Unwillkürlich haucht man ihm ein neues Gefühl, eine neue Seele ein und hat dann fast eine neue Melodie. Das ist die Seelenwanderung der Melodie . . . Ihr versteht mich nicht recht? Redet einem Blinden von Licht! Wisst Ihr was? Geschichten hört ihr doch gern. Ich werde Euch also eine Geschichte erzählen. * * * Drei, vier Meilen hinter Berdyczew, bald nach dem Wald, liegt ein kleines Städtchen namens Machnowka. In diesem Städtchen gab's eine recht gute jüdische Musikkapelle. Der Kapellmeister, Reb Chaim'el hiess er, war ein wundervoller Musiker, ein Schüler P'dohzur Berdyczewers. Zwar war er kein selbständiger Komponist, aber eine Melodie durchführen, erklären, verständlich machen, ihr gewissermassen ein Herz eingeben, darin war er Meister. Seinem Aeusseren nach war er dünn und unscheinbar. Kaum fing er jedoch zu spielen an. war er ein ganz anderer. Die allezeit gesenkten Brauen noben sich allmählich, und aus den stilleti, tiefen Augen fiel ein Schein von Durchgeistigung auf das fahle Gesicht. Man sah förmlich, dass sein Geist im Augenblicke abwesend war, irgendwo hoch oben auf Flügeln des Gesanges schwebte. Seine Hände führten den Bogen mechanisch. Manchmal vergass er sich und sang auch zur Musik. Und er hatte eine Stimme — wie der Ton eines Silberglöckleins, sanft und rein . . . Wäre Chaim'el kein frommer, einfältiger Jude gewesen, so hätte er sich mit seinen acht Kindern nicht in Machnowka geplackt. Er hätte schon längst irgendwo in einem Theater gespielt oder wäre ein neumodischer Kantor in Berlin oder Paris gewesen. So aber sass Chaim'el daheim und nahm monatelang in allen Lebensmittelhandlungen Waren auf Borg, welche man ihm auf Rechnung einer Hochzeitsfeier in einem besseren Hause, — die doch einmal stattfindenmusste, — kreditierte. Einmal sollte eine reiche Hochzeit in einer sehr vornehmen Familie sein: bei Berl Katzners Witwe. Der alte Berl Katzner — mag er mich immerhin würgen kommen — war ein grosser Wucherer und ein noch grösserer Geizhals gewesen. Den Bissen im eigenen Munde hatte er sich nicht vergönnt. Ein steinernes Herz hat er gehabt. Knapp vor seinem Tode Hess er seinen ältesten Sohn rufen und sich die Geschäftsbücher reichen. Mit zuckendem, braunblauem Finger wies er auf die Posten hin, bei denen noch keine Raten gezahlt worden waren . . . „Um Gottes willen, nicht prolongieren!" rief er mit ersterbender Stimme. „Hörst Du? Ich befehle Dir's, kraft meiner väterlichen Autorität!" Dann rief er seine Frau und befahl ihr, die Kupfergeräte, die an der Wand hingen, zu verbergen. „Schliesse ich einmal die Augen" — sagte er — „so ist alles herrenloses Gut." Und mit diesen Worten hauchte er die Seele aus. Er hinterliess eine halbe Million . . . Nun verheiratete die Witwe ihre Tochter, und sie beeilte sich damit, weil sie selber heiraten wollte. Da Chaim'el, der Musikant, gleichfalls eine heiratsfähige Tochter hatte, lässt es sich denken, dass er die Hochzeit sehnsüchtig erwartete. Da bekam aber die Witwe den unglückseligen Einfall, P'dohzur aus Berdyczew holen lassen zu wollen. Es würden Kiewer Verwandte, Kiewer Sachverständige bei der Hochzeit sein, meinte sie, und da wolle sie einen neuen „El mole rachamim", nicht eine „abgedroschene Weidenrute". Es koste ohnehin Geld genug, da würde es auf die Kleinigkeit mehr nicht ankommen, und die Kiewer sollen schon was sehen. Chaim'el verzweifelte schier. In der Stadt gab's auch einen Lärm. Man hatte Chaim'el sehr lieb. Und auch ohnedies hätte man sich des blutarmen Juden angenommen. Man suchte also mit der Brautmutter einen Vergleich anzubahnen, und schliesslich kam man überein, dass Chaim'el mit seiner Kapelle wohl bei der Hochzeit spielen, dass er aber vorher auf Kosten der Witwe' nach Berdyczew fahren und einen neuen „El mole rachamim" von P'dohzur mitbringen sollte. Chaim'el bekam einige Rubel, Hess die grössere Hälfte davon seiner Frau zurück, mietete einen Wagen und fuhr nach Berdyczew. Und da beginnt eigentlich die Geschichte von der Seelenwanderung der Melodie. Wie sagt doch das Sprichwort: Ein armer Mann hat Glück. In dem Augenblicke, da Chaim'el in Berdyczew anlangte, fuhr P'dohzur am entgegengesetzten Stadtende von Berdyczew ab. Man hatte ihn nach Talno zu einer Sabbathausgangsmahlzeit geladen. Der selige Tainoer Zaddik, müsst ihr wissen, hielt auf P'dohzur grosse Stücke. „Mysterien der Thora", pflegte er zu sagen, „sind in seinen Melodien verborgen. Es ist nur schade, dass er selbst sie nicht kennt." Nun irrte Chaim'el ratlos in den Gassen umher. Was sollte er thun? Ohne einen „El mole rachamim" nach Hause reisen, durfte er nicht. Dem P'dohzur nachfahren oder abwarten, bis er zurückkehren würde, konnte er nicht. Er hatte die Reisespesen knapp. Seine Auftraggeberin hatte ihm wenig Geld gegeben und er hatte seiner Frau viel zurückgelassen. Er war in schmerzlicher Verzweiflung.