Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Die Seelenwanderung einer Melodie
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 51 - 52 (sequence 3)
- Language
- German
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51 J. L. Perez: Die Seelenwanderung einer Melodie; 52 Plötzlich sah er auf der Strasse ein eigentümliches Schauspiel. Stellt euch vor: an einem schönen, freundlichen Werktag hüpft eine junge Frau, feiertäglich gekleidet, über die Strasse. Auf dem Kopfe trägt sie eine buntbebänderte Haube und in der Hand hält sie einen grossen silberfarbenen Teller. Hinter ihr gehen Musikanten her und spielen, während sie tanzend ihien Weg fortsetzt. Oftmals bleibt sie vor einem Hause oder vor einem Laden stehen und beginnt einen neuen Tanz an Ort und Stelle. Die Musik lockt von überallher Menschen herbei, man drängt sich in den Thüren und an den Fenstern — Kopf an Kopf. Die Musik spielt, die junge Frau tanzt, die bunten Bänder flattern im Winde, der Teller blinkt... Die Leute -rufen „Masel tow" und werfen Münzen in den Teller, die Fiau tanzt weiter und die Münzen auf dem Teller tanzen und klingen im Takte mit . . . Was das bedeutet? — Berdyczew ist eine jüdische Stadt und hat jüdische Bräuche: so sammelt man dort „zur Brautaussteuer". Chaim'el kannte den Brauch. Er wusste auch, dass die Frauen immer neue Tänze ersinnen und P'dohzur jedesmal eine neue Melodie dazu dichtet. Das war schon sein freiwilliger Beitrag. Man kam zu ihm, erzählte ihm von der Braut, von ihrer Familie, von der Partie, von der Armut und Not. Er hörte schweigend, geschlossenen Auges zu, manchmal bedeckte er das Gesicht mit den Händen, und wenn die Erzählung zu Ende war und alles schwieg, murmelte er eine neue Melodie leise vor sich hin ... Dies alles wusste Chaim'el. Warum stand er aber denn ganz erstaunt da? Er hatte ein solches Lied noch nie gehört. Es schluchzte und jauchzte gleichzeitig, Schmerz und Freude, Heizleid und tiefes Glück klang daraus hervor; alles ineinandergemengt, wunderbar verschmolzen. Die richtige Hochzeit einer Waisenbraut. Plötzlich war Chaim'el aufgesprungen. Er hatte, was er brauchte. * * Auf dem Rückweg nach Machnowka nahm der Fuhrmann fremde Passagiere auf. Chaim'el verwehrte es ihm nicht. Und die Passagiere — es sind sangeskundige Leute — erzählen, dass, sobald sie zum Walde gekommen seien, Chaim'el angefangen habe, zu singen. Er sang P'dohzur's Brautaussteuerlied, doch war daraus schon eine ganz andere Melodie geworden. Der „Masel-Tow" des Brautaussteuertanzes war in einen echten „El mole rachamim" gefahren. Inmitten des stillen Rauschens der Bäume erzitterte eine sanfte, süsse Melodie. Und es schien, als würde sie von einem grossen, aber stillen Chor begleitet; das war das Säuseln der Wipfel . . . Leise und flehentlich klagte die Melodie, bat um Erbarmen, wie ein Kranker für sein Leben betet . . . Dann ging sie in ein abgebrochenes Seufzen über. Es war, als schlüge sich jemand inbrünstig und voll Reue an die Brust. Ist's Erew Jörn Kippur oder legt ein Sterbender sein Sündenbekenntnis ab? Immer höher schwoll die Melodie an und wurde zugleich immer abgerissener, wie von Thränen erstickt, wie von Todesqualen unterbunden . . . dann einige tiefere Seufzer, ein schriller Ausruf ... ein zweiter . . . und mit einem Male bricht das Ganze jäh ab . . . jemand ist gestorben . . . Aber wieder lebt die Melodie auf und erhebt sich zu leidenschaftlicher, heisser Wehklage. Trostloses Schluchzen, verzweiflungsvolle Jammerausbrüche, fassungsloses Händeringen — wie bei einem Begräbnis. Und aus all dem Wehgeschrei löst sich eine zarte, kindliche Stimme, thränenfeucht, bebend und erschrocken . . . Kaddisch sagt ein Waisenkind . . . Dann geht die Melodie wieder in eine andere Tonart über. Wehmutsvolle Klänge, stille Töne liebenden Gedenkens, und bald schwingen zärtliche, schmeichelnde, süss flötende Akkorde mit . . . Gütiges Zureden, sanfte Trostesworte . . . Und all das mit einer Innigkeit, mit einer Beredtsamkeit, mit einer Glaubenskraft vorgebracht, dass alles wieder gut wird und die Lebensfreude wiederkehrt. Ja, ja, man will wieder leben, will wieder hoffen . . . Die Leute vergingen schier vor Ergriffenheit. Was für eine Melodie ist das? fragten sie. „Ein El mole rachamim," antwortete Chaim, rfür die Hochzeit bei Katzners." „Die sind es gar nicht wert," meinten die Leute, „eine Sünde ist's, denen ein solches Lied zu singen. Immerhin, das Publikum werdet Ihr ergreifen, Reb Chaim'el, die Kiewer Gäste werden hingerissen sein!" « * * Die Kiewer Gäste waren nicht hingerissen. Bei Katzners gab's nämlich keine altjüdische Hochzeit mehr . . . Der „El mole rachamim" gefiel den neumodischen Festgästen nicht. Die Kiewer Leute möchten lieber mit Damen tanzen. Was sollte ihnen ein jüdischer Steiger, ..moralische Lieder?" Und ausserdem, wem galt der „El mole rachamim?" Dem alten Geizhals? Hätte der alte Geizhals noch gelebt, so würde die Braut auch nicht die Hälfte ihrer jetzigen Mitgift bekommen haben. Eine Aussteuer schon ganz und gar nicht. Wäre er heute auferstanden und hätte das weisse Atlaskleid mit Spitzen gesehen und die Weine, die Torten, die Fisch- und Fleischgerichte, unter deren Last die Tische schier zusammenbrachen — er wäre ohne Zweifel noch einmal gestorben, und zwar nicht eines so leichten Todes wie das erstemal. Ueberdies, was sollte die ganze altfränkische Ceremonie, das „Bedecken"? Sinnlose alte Narreteien! „Rascher!" schrieen die Kiewer Gäste. Der arme Chaim'el! Er hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben. Sein ganzes Herz hatte er in das Spiel gelegt. Die Augen der einfachen frommjüdischen Gäste feuchteten sich schon, einem Teil von ihnen liefen sogar schon die hellen Thränen über die Wangen. Da schrie plötzlich einer der Kiewer Gäste in den Saal: „Was giebt's hier eigentlich? Eine Hochzeit oder ein Begräbnis?" Und als ihn Chaim'el nicht beachtete und die Melodie weiter spielte, da begann der Kiewer zu pfeifen. Pfeifen konnte er nun ausgezeichnet. Er hatte die Melodie schon heraus und pfiff sie nach allen Regeln der Kunst. Und immer rascher, immer wilder, immer,, übermütiger gellten die schrillen Pfiffe, die mit dem Spiel der Musikkapelle wetteiferten und sie zu übertönen suchten. Schliesslich blieb die Kapelle still, und nur Chaim'els moralische Fiedel setzte den Kampf mit dem frechen Pfeifen des Kiewers fort . . . Und das Pfeifen siegte! Es kriegte die Geige unter. Sie weinte nicht mehr, sondern stöhnte zuerst, um dann gleichfalls in tolles Lachen auszubrechen. Plötzlich unterbrach sich Chaim ... Mit verbissenen Lippen und wild rollenden Augen zog er eine andere Saite auf und fing an, noch rascher, noch toller zu spielen. Einen Vorsprung