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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 47 - 48

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Die Seelenwanderung einer Melodie
Date
1902-01-01
Page
Seite 47 - 48 (sequence 1)
Language
German
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47 48 DIE SEELENWANDERUNG EINER MELODIE. Aus den Erzählungen eines Tainoer Chassid. Von J. L. Perez. Aus dem Jüdischen übersetzt von Moritz Zobel. Ihr wollt eine echte Tainoer Melodie hören? Das scheint wohl auf den ersten Blick eine Kleinigkeit zu sein: man greift irgend eine Melodie, die bei der dritten Sabbatmahlzeit von Tainoer Chassidim angestimmt wird, heraus und singt sie nach. So einfach ist die Sache aber doch nicht. Die Tainoer Melodie muss im Chore angestimmt werden, eine Runde muss sie singen. Begleiten wollt ihr mich? Nein, Brüder; eine Tainoer Melodie lässt sich nicht in Begleitung polnischer Chassidim singen. Glaubt mir, ihr wisst gar nicht, was singen heisst. Ich höre doch eure Musikanten, eure Chasonim. Da wird gefiedelt, nicht gespielt. Und beim Singen quiekt ihr und schüttelt euch wie Hühner, denen man die Flügel stutzt. Selbst die sanften Sinai-Melodien klingen bei euch eigentümlich johlend . . . Gar eure Märsche und Kosakentänze! Die sind noch ungezügelter als eure Gebärden und Mienen. Ihr sagt, das sei Chassidim-Art? Bei uns giebt's andere Chassidim! Wo wir die Sangeskunst her haben? Ich weiss es nicht. Vielleicht haben wir sie von unseren Vätern ererbt. Vielleicht auch liegt es an der Gegend. In unserer Kiewer Gegend giebt es kein Haus ohne Geige. Ein Kind aus gutem Hause, ein Bürgerssohn, muss eine Geige sein eigen nennen, muss spielen können. Wollt ihr wissen, wie viel Männer in einer Familie sind, so blicket die Wände hinauf. Wie viel Geigen, so viel Männer. Ein jeder spielt. Es spielt der Grossvater, es spielt der Vater, es spielt der Sohn. Schade nur, dass jede Generation anders spielt, ihre besonderen Melodien hat. Der alte Grossvater spielt Sinai-Melodien oder einfach synagogale Weisen: einen Kol-Nidrei, einen „Schoschanath Jakob", einen „G'di K'schur Jadajim" und was dergleichen mehr ist. Der Vater, ein Mann mit chassidäischen Neigungen, ergeht sich in einer fröhlich-jüdischen Weise. Der Sohn hinwieder spielt schon nach Noten. Oft hört man ihn sogar Lieder aus dem Theater spielen. Wie das Zeitalter, so der Sang. * * * Was fangen Chassidim an, wenn ein Schluck Branntwein fehlt? — Sie reden von Branntwein. Ganz allein, ohne Gesellschaft, ohne rechte Begleitung zu singen, vermag ich nicht. Also will ich von der Sangeskunst reden. Ihr müsst wissen, es ist eine grosse Sache um den rechten Sang. Ganz Talno war auf die Sabbatausgangsmahlzeiten gestellt, und die Hauptsache an dem Sabbatausgangsmahl war der Gesang. Es handelt sich nur darum, wer da singt und was er singt. Mit denselben Ziegeln lässt sich eine Synagoge und ein Kloster, ein Palast und ein Gefängnis erbauen, auch ein Hospital. In den nämlichen Buchstaben kann man die heiligsten Mysterien der Thora und die grössten Ketzereien niederschreiben. Und mit den gleichen Tönen ist es möglich, sich zur höchsten Stufe der Beseeligung und Gottesnähe emporzuschwingen oder in die tiefsten Höllengründe hinabzusinken und sich dort wie ein Wurm im Moraste zu wälzen. Der Inhalt eines Briefes hängt von der Betonung ab; die Beschaffenheit einer Melodie von der Art des Sanges. Nehmen wir zum Beispiel einen „Fröhlichen". Da haben wir eine erlesene Tainoer Sabbatausgangs- Melodie — den Frohsinn der Gesetzesbeobachtung und der guten Werke; da haben wir aber auch die unbändige Freude des übermütigen Genussmenschen in einer Welt ohne Schranken . . . Was eine rechte Melodie ist, das glüht — „das Innere voll Liebesglut", wie die Schrift sagt. Allein Liebe ist etwas gar Verschiedenartiges: es giebt eine Liebe zu Gott, eine Liebe zu den Menschen, eine Liebe zu All-Israel. Gar mancher hat aber nur sich selbst lieb oder hegt sonst eine sträfliche Liebe . . . Was eine rechte Melodie ist, das schluchzt und klagt. Aber in der einen Melodie schluchzt die Klage ob der Erbsünde, ob des verlorenen Paradieses, in der zweiten — ob der Flucht der Gottesherrlichkeit, ob der Zerstörung des Tempels, ob unserer Erniedrigung und Entwürdigung. „Sieh, wie wir dastehen ..." klingt's aus ihr mit den klagenden Worten des Gebets . . . Dann giebt es aber auch eine Melodie, aus der die Trauer ob der Treulosigkeit irgend einer Schönen seufzt . . . Es giebt Melodien voll tiefer Sehnsucht. Aber was ist das für eine Sehnsucht, die aus der schwermutvollen Weise strömt? Es sehnt sich eine fromme Seele zu ihrem Urquell zurück, und es sehnt sich ein alter Narr nach jungen Jahren mit junger Sündenlust! . . . Nehmen wir beispielsweise das Lied: „Einst wohnte Reb Dowid in Wassilkow — in Wassilkow Und heut wohnt er in Talno--—" Es wird von Talnoern und wird von Wassilkowern gesungen. Allein, wenn es die Tainoer singen, glüht und loht die Freude, der Frohmut darin. Singen es jedoch die Wassilkower, so ist es randvoll mit Wehmut und Betrübnis. Alles hängt nämlich von der Beseelung der Melodie ab. Ihr müsst wissen: die Melodie Ist eine Summe von Tönen, oder wie „Jene" sagen, von Akkorden. An Tönen fehlt es nicht in der Natur; sie brauchen nicht erst erfunden zu werden. In Gottes grosser Welt hat alles seinen eigenen Ton, wenn nicht gar seine eigene Melodie. Es singen die Himmelssphären, wie uns überliefert worden ist. Der Tag und die Nacht — so kündet uns die Schrift — singen die Allmacht Gottes. Menschen und Vögel singen, von den übrigen Lebewesen hat gleichfalls ein jedes seinen besonderen Sang. Stein schlägt an Stein, Metall giebt einen Klang, Wasser plätschert im Lauf. Gar erst der Wald! Regt sich auch nur das leiseste Lüftchen, so rauscht er sein mächtiges Lied, einen echten, stillen, süssen „Wallach". Und die Eisenbahn, das wilde Tier mit den rotflammenden Augen, betäubt Euch ihr Lied nicht, wenn sie an Euch vorbeisaust? Selbst den stummen Fischen, las ich einst in einem frommen Buche, entringt sich bisweilen ein singender Ton. Ja, ja, man muss nur das richtige Ohr haben, das

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