Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Moses im Lichte der jüdischen Volksseele
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 2)
- Language
- German
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9 Bernhard Münz: Moses im Lichte .der jüdischen Volksseele. 10 wiederzuerkennen. Glaube und Frömmigkeit versetzen Berge. Sie verwandeln Moses in einen Dichter, einen Moschel,*) wie die jüdische Volksseele den Poeten in richtiger Würdigung dessen dass er einen Zug ins Grosse, einen überschauenden, zusammenfassenden Blick haben, von weiten Gesichtspunkten getragen sein, fernliegende Dinge vergleichen, dem Verschiedenen das Verwandte, Gemeinsame, Einheitliche ablauschen und aus ihm herauskristallisieren muss, charakteristisch und plastisch benennt. Sie verwandeln Moses in einen gewaltigen Sänger der göttlichen Allmacht, aus dessen Mund glatt die Rede sich ergiesst, wie im Meer die Woge die Woge, die Welle die Welle drängt. Er wird ausserordentlich beredt und singt das Freiheitslied, in dem das Motiv nachzittert : Wen Er behütet, der kann lachen, Denn wer ist herrlich so wie Er? Der Herr ist mächtig in den Schwachen, Schickt seinen Sieg vor ihnen her! Die Bibel zeigt uns Moses als Rhapsoden; seines Bruders Ahron, den Gott ihm, um ihn zu beruhigen, bei der Berufung als Sprecher zur Seite gestellt hat, wird in diesem Zusammenhange nicht gedacht. Und nach Ahron's Tod trieft im Deuteronomium seine Lehre wie der Regen und seine Rede fliesst wie der Tau. Sie erreicht den Höhepunkt ihrer Schönheit und Kraft in der markigen Dichtung, in der er Himmel und Erde als Zeugen wider Israel anruft, und in dem Segen, mit dem er von ihm scheidet. Hand in Hand mit seiner Bescheidenheit geht seine Milde, Sanftheit und Geduld. Alles begreifen heisst alles verzeihen. Und er begreift es, dass seinem Volke infolge seines Jangen Aufenthaltes unter den götzendienerischen Aegyptern naturgemäss viele Schlacken anhaften und dass es von diesen nur langsam und allmählich gereinigt werden kann. Wahrhaft frei, wie er ist, meistert er seine Affekte und nimmt Bedacht darauf, dass Völker wie Individuen Kinderkrankheiten unterworfen sind, zumal getretene, geknechtete Völker, deren Herrenvölker ihnen stets mit bösem Beispiele voranleuchteten. Er ist ein echter Weiser, bei dem zwischen Geist und Gemüt voll- W. von Kaulbach. Moses. *) Der Moschel ist dem Komponisten im ursprünglichen Sinne des Wortes äquivalent. kommene Harmonie waltet, Kopi und Herz einen innigen Bund geschlossen haben. Es wirft ein bemerkenswertes Licht auf die jüdische Volksseele, dass sie für den Weisen einen Ausdruck geprägt hat, wie ihn der Sprachschatz keiner anderen Nation aufzuweisen hat — den Ausdruck: Chacham-lew, Herzensweiser. Dieser Terminus ist allerdings, wie aus zahlreichen Stellen des Exodus (31, 6; 35, 35; 36, 1, 2, 8, 31) erhellt, ursprünglich auf den sinnigen, begeisterten Jünger der Kunst gemünzt, er hat aber bei ihm nicht Halt gemacht. Als ein vollwertiger "Weiser, ein Herzensweiser, fleht Moses selbst in den eklatantesten Ungehorsamsfällen die Gnade und das Erbarmen Gottes auf Israel herab. Freilich est modus in rebus, sunt certi denique fines. Unmut übermannt ihn erst, als das Volk, das er physisch und psychisch befreit, dem er einen einig-einzigen Gott und nach jeglicher Richtung hin erhabene Satzungen geoffenbart hat, sich so weit vergisst, dass es einem goldenen Kalbe göttliche Ehren erweist. Diesen Moment hat Michel Angelo in der gewaltigen Moses-Statue festgehalten. Kongenial ist dieses Kunstwerk von dem poetischen Genius Wiens, von der bereits genannten Dichterin M. E. delle Grazie in den „Italischen Vignetten" also nachempfunden: Noch flammt die Stirne dir von Sinai's Wettern, Noch weht um dich Jehovahs myst'scher Hauch — Da horch! metall'ner Becken gelles Schmettern — Da sieh! das goldne Kalb, den Opferrauch, Der schnöd gefall'nen Menschlein wüsten Reigen Ums Tier — ach, um ihr ewiges Symbol! Zu ihnen wolltest du herniedersteigen, Begeistert — weltentrückt — des Gottes voll? Für sie hast du die schlummerlosen Nächte Durchträumt? Für sie dein Antlitz bleich gehärmt? Für diese Brut rangst du des Himmels Mächte Hernieder? Für dies Aas hast du geschwärmt? Ihm wolltest du Prophet sein und Erretter, Ihm Weisheit bringen, die von Gott entstammt — Ihm? — hörst du nicht der Becken Hohngeschmetterj Den Schrei der Bestie, brünstig, wahnentflammt? Und seine Kiefer knirschen — in die Mähne Des Bartes wühlt sich die ergrimmte Hand, Die blutgeschwellte Ader wird zur Sehne Und Stein der Leib, den Wut. und Schmerz gebannt! Die mächt'ge Brust allein scheint aufzuwogen,