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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 7 - 8

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Moses im Lichte der jüdischen Volksseele
Date
1902-01-01
Page
Seite 7 - 8 (sequence 1)
Language
German
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7 8 MOSES IM LICHTE DER JUEDISCHEN VOLKSSEELE. Von Bernhard Münz. i Hoheit und Anmtit kennzeichnen die Verse, welche l^iarie Eugenie deile Grazie in dem grosszügigen Gedichte i „Der Nil" der Bergung und derh Genius Mosis weiht, und sie verdienen weite Verbreitung. Sie läuten: Es war in der Mitte des Sommers, mit glüh'nder Hitze Quälte die feurige Sonne Menschen und Tiere. Müde und abgespannt Suchten die Tiere den Schatten, und die Menschen Stürzten sich, dem dumpfen Gemach entfliehend, Labende Kühlung suchend, in deine Flut. So nahte dir auch, Umgeben von vielen Sklavinnen, Die schöne Königstochter Aegyptens; Vergnügt mit ihrer Gespielin Im rauschenden Wasser tändelnd, schwamm sie alsbald, Die Lose haschend, nahe ans Ufer, und bog Das hohe Schilf ein wenig zur Seite; doch sieh', Da hielt sie plötzlich inne — und zog erstaunt Ein kleines, binsengeflocht nes Körbchen hervor! Auf ihr Rufen Eilte behend eine Sklavin herbei und löste Die viel verschlung'nen Knoten des Flechtwerks; Und als dies nun gescheh'n und die Königstochter Neugierig den Deckel hob, — da lag, o Wunder, Ein schwarzgelocktes Knäblein im Korb und schaute Mit grossen, klugen Aeuglein so flehend sie an, Dass ihr Erstaunen alsbald zu Mitleid, Ihr Mitleid aber zu Liebe wurde. Sanft und zärtlich Hob sie das Kind aus dem Körbchen und wiegte, Lange sinnend, es hin und her. „Ist dies nicht," frug sie zuletzt, „Ein Knäblein aus dem Volke der Juden, das seine Mutter, Zu liebend, es nach dem strengen Befehle des Königs Den Händen der Mörder zu überliefern, Und doch auch zu furchtsam, es länger zu bergen, Dem glücklichen Zufall hier preisgegeben? Und ist dem auch so," sprach sie kühn entschlossen, „Wer kö^mt' es der Tochter des Königs wehren, Dies niedjiche Kicd zu begnad'gen und grosszuziehen, Als wär's von je her ihr Eigen? Ach seht nur, seht, Wie traulichf die runden Aermchen entgegenstreckend, Der holde Knabe mich anblickt! Ja komm' an mein Herz, Mit goldgestickten, prächtigen Kissen Will ich dein ärmliches Lager vertauschen, Und liebliche Wersen singend, In süsse Träume dieh wiegen!" So sprach die schöne Tochter des Königs, lind holder, Von Thränen des Mitleids befeuchtet, Erglänzte ihr dunkles Auge. Du aber Hörtest gerührt die sanfte,Rede und trugst sie Leise murmelnd von Landau Land. Rasch zogen die Jahre dahiri; Das hilflose Kind War längst zum Knaben geworden, und dieser zum Jüngling, Der unbekümmert um Lust und Freude, Die lauten Feste des Hofes fliehend, Gedankenvoll im Schilf oft sass und träumend Den Lauf deiner Wögen verfolgte. Heisse thränen Entrollten seinem Aug' und starre Trauer Wohnte in seinen Blicken; und Du kanntest diese Thränen, galten sie doch Dem armen, gedrückten Volke, dem er entstammte, Den geknechteten, entwürdigten Juden! Du aber lächelst jetzt dieser Thränen; sahst du ihn doch In jener dunkeln Schreckensnacht, Die jede Erstgeburt getötet, Einherzieh'n an der Spitze der jubelnden, Frohlockenden Israeliten. Stolz und königlich Ragte er über die Masse des Volkes, Drohend blitzte sein Aug' und weithin Leuchtete seine bleiche Stirn'. Vor seinem Pfade Floh scheu das wilde Getier der Wüste, und bebend Teilte sich zu seinen Füssen das Meer, Das weite Meer, Die heilige Macht der Freiheit erkennend. . . . Durch Moses' ganzes Leben zieht sich wie ein roter Faden rührende Bescheidenheit. Sie erstrahlt schön" glänzend bei Beginn seiner Laufbahn. Ein anderer hätte sich hochbeglückt gefühlt, wenn Gott ihn mit der Mission, sein gedrücktes Volk zu befreien, betraut hätte, er hätte sich vor Freude nicht fassen können, mit beiden Armen zugegriffen und etwaige in ihm sich regende Bedenken damit beschwichtigt, dass Gott demjenigen, dem er ein Amt giebt, auch die hierfür erforderlichen Eigenschaften verleiht. Nicht so Moses. Er schreckt in der Wüste, wo er das Vieh seines Schwähers weidet, vor der ihm von Gott gesetzten Aufgabe zurück, er ist betroffen und bittet Gott, dessen eingedenk zu sein, dass er über die Gabe der Beredsamkeit nicht verfüge: „Ach mein Herr, ich bin kein Mann von Worten . . . denn ich habe eine schwere Sprache und eine schwere Zunge." Der Herr versichert ihn seiner Allmacht, sagt ihm, er werde mit seinem Munde sein und ihn lehren, was er reden solle. Doch dies verfängt bei ihm nicht. Moses ist von Ehrgeiz und Eitelkeit nicht im mindesten angekränkelt, Er kennt sich und seine Schwächen gut und fleht darum nochmals inständig zu Gott, er möge einen änderen zum Befreier äüsersehen. Erst als Gott in Zorn gerät, fügt er sieh: demütig in seine Erhebung und Erhöhung zum Gottesmanh; In Midian muss ihn der Herr indes nochmals auffordern, nach Aegypten zu ziehen. Und da er schon im Pharaonenlande weilt und Gott ihn zum zweitenmal zum König sendet, entringt sich seinem Munde wieder die alte Klage: „Ich habe unbeschnittene Lippen." Doch geht mit ihm im Verlaufe der Zeit eine grosse Veränderung vor sich. Nachdem die Israeliten trockenen Fusses durch das rote Meer gezogen waren und die sie verfolgenden Aegypter in ihm ihren Tod gefunden hatten, vollzieht sich an Moses ein. erstaunliches Wunder. Er ist nicht

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