Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Moses im Lichte der jüdischen Volksseele
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 11- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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11 Bernhard Münz: Möses im Lichte der jüdischen Volksseele. 12 Und diese" Brust, sie ringt nach einem Schrei — Ja, stoss ihn aus, Titan, den sie betrogen, Die Zwerge dort, auf-dass er dich befrei'! Ein Sinai braus' hernieder in- Gewittern Und Gottes Tafeln i-r. wirf sie unter sie! Denn würdiger ist's, ein gottlich Werk zersplittern, Als es beschmutzt, zertreten sehn vom Vieh! Nachdem Möses seinem Zorn wirksam Luft gemacht, die . zwei Gesetzestafeln zerbrochen und das entartete Volk exemplarisch "bestraft hat, legt er für dasselbe wieder eindringlich Fürbitte bei dem Herrn ein: „Wenn du ihnen doch ihre Sünde vergeben wolltest! "Wo aber nicht, so tilge auch mich aus dem Buche, das du geschrieben hast." Er ist nicht empfindlich, trägt es seinen Geschwistern nicht nach, dass sie sich über ihn wegen seiner Frau ungünstig geäussert haben, und interveniert für Mirjam bei Gott, . der über sie wegen ihres losen Mundes eine Strafe verhängte. Da Eldad und Medas im Lager weissagen und sein Diener Josua es ihm meldet und an ihn appelliert, es ihnen zu wehren, ist er nichts weniger als eifersüchtig, sondern schilt den Josua und ruft aus: „Wollte Gott, dass das ganze Volk weissagte und der Herr ihm seinen Geist mitteilte!" Nach alledem ist Moses Gott und den Menschen genehm. Er kennt nur eine Triebfeder, eine Direktive, das Pflichtgefühl gegenüber Gott und den Menschen. Gott ist sein „Anteil und Erbgut44. Für diese seine Selbstlosigkeit, für sein vollständiges Aufgehen in seiner ohne Beispiel dastehenden Mission erntet er eine Gloriole, wie sie seither keinen Menschen umgeben hat. Die Bibel, welche bei aller Naivität die edelste, heiligste Offenbarung einer Volksseele ist, stellt ihm das Zeugnis aus: „Der Ewige unterredete sich mit Moses von . Angesicht , zu Angesicht, wie ein Mensch sich mit seinem Freunde unterredet." Moses' Bescheidenheit macht ihn auch tolerant. Wie ihm nichts Menschliches fremd ist, so ist er auch gegen Selbstüberhebung gefeit. . Fern von jedem Chauvinismus, der ja auch grell davon abstechen würde, dass Gott auch Heiden, wie Bileam, mit seiner Inspiration begnadet, unterscheidet er nicht zwischen Juden und Barbären und er steht auch nicht an, von Nichtjuden Rat und Belehrung anzunehmen. Er. verschliesst sich nicht der Einsicht seines Schwiegervaters Jethro, eines heidnischen Priesters, da er ihm nahelegt, sich das Regieren zu erleichtern, es gewissermassen zu decentralisieren und sich nur die wichtigen, schwierigen Angelegenheiten zur Rechtsprechung vorzubehalten. Jethro's Rat erhält später durch Gott gleichsam die Weihe, indem Gott Moses, der darüber klagt, dass er allein dem ganzen Volke nicht gewachsen sei, befiehlt, 70 erprobte Männer unter den Aeltesten in Israel um sich zu scharen und auf sie einen Teil seiner Last abzuwälzen. .Und ein zärtlicher Vater seines Volkes, dem dessen Wohl über alles geht, fordert Moses seinen Schwager Chowaw auf, mit den Israeliten gemeinsame Sache zu machen und ihnen irr der Wüste als „Auge" zu dienen. Er lässt sich durch seine Ablehnung nicht beirren,'redet ihm gütlich zu, verspricht ihm, alles Gute, das der Herr ihnen nach seihör Verheissung erweisen werde, mit ihm zu teilen, und ruht nicht eher, als bis er seine Einwilligung giebt. Ergreifend ist Moses' Friedensliebe. So Hess er dem König von Edom seinen brüderlichen Gruss entbieten, ersuchte ihn, Israel; den Durchzug durch sein Land zu gestatten, und versicherte ihm feierlich, dass sie nicht den geringsten Schaden anstiften, sondern sich auf der Heerstrasse bewegen und weder rechts noch links von ihr abbiegen werden. Der König verweigerte in schroffer Weise die Erlaubnis und drohte mit brutaler Gewalt. Moses. Hess ihm aufs neue vorstellen, dass sein Volk nur gewinnen würde, da die Kinder Israels selbst das Trinkwasser bezahlen würden, allein die Vorstellungen fruchteten nichts. Der Edomite machte seine Drohungen wahr und zog Israel mit einem mächtigen Heere entgegen. Moses will es aber aufs Blutvergiessen nicht ankommenlassen, er umgeht das Gebiet des Brudervolkes, so beschwerlich es auch ist, und verbietet den Israeliten noch obendrein, dies die Edomiter entgelten zu lassen, es ihnen nachzutragen. Er schont nur dann kein Mensch enleben,. wenn ihn die eherne, unerbittliche Notwendigkeit, die Rücksicht auf die physische oder aber auch die psychische Selbsterhaltung Israels dazu zwingt. Der beste Mensch kann eben nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Moses sendet z. B. an den König der Emoriter dieselbe freundliche Botschaft, wie nach Edom, und der Bescheid darauf ist ein Angriff. Der Krieg soll nach Moses überhaupt erst dann in seine Rechte treten, wenn alle Versuche einer friedlichen Beilegung gescheitert sind: „Wenn du vor eine Stadt ziehst, sie zu bekämpfen, so musst du ihr zuerst den Frieden anbieten44 (Deuteronom.. 20, 10). Wie schwer bei Moses ein Menschenleben in die Wagschale fällt und welch ein Hort der Unschuld er ist, bezeugt die im Deuteronomium (4, 41 ff.) verzeichnete Thatsache, dass er die Pause zwischen der schwungvollen Einleitung und der Spezifizierung der göttlichen Lehren dazu benutzt, um auf der Morgenseite des Jordans drei Freistädte für diejenigen auszusondern, welche unversehens einen Totschlag begehen und ihren Opfern vorher nicht feihdseHg gesinnt waren. Eine wunderbare, bei keinem führenden Geiste der Weltgeschichte anzutreffende Feinfühligkeit verrät Moses' Vorschrift, dass die Amtsleute-diejenigen vom Kriegsdienste dispensieren sollen, welche ein neues Haus gebaut und es noch nicht eingeweiht haben, welche einen Weinberg gepflanzt und die" erste Weinlese noch nicht gehalten haben, welche sich -verlobt und das Mädchen ihrer Wahl noch nicht heimgeführt haben (Deuteronom. 20, 5 ff.). Ein sein Müieu erstaunlich überragender und seiner Zeit ungeheuer weit