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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 959 - 960

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Ein jüdischer Kunstverlag
Date
1901-12-01
Page
Seite 959 - 960 (sequence 3)
Language
German
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959 Aus Ost und West. 960 weise ganz bedeutender Werke, theologische und grammatikalische — und diese letzten übertreffen für den Europäer an Wert alles andere von Bar-Hebraeus geschriebene —, philosophische, historische und naturwissenschaftliche. Aristoteles, Hippokrates, Galen, Euklid und Ptolemaeus hat er bearbeitet und kommentiert, astronomische, medizinische und zoologische Werke hat er verfasst. Auch der Poesie war er nicht fremd, und Renan hat seine Dichtung bona lex sed melior philosophia für die Publikation wohl würdig erklärt. Dabei war er der beste Lenker und Vater seiner Diözese, und Griechen wie Armenier und Nestorianer verehrten ihn gleichmässig. Als er 1286 starb, war allgemeine Trauer; als man ihn zu Grabe trug, ruhten alle Geschäfte zu Maragdah, und alle Läden waren Synagoge der Juden von Coehin. geschlossen. Sein Grab wurde in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts noch im Mar-Mattaikloster nordöstlich von Mossul von dem englischen Reisenden Badger gesehen. Einige von den kleinsten der in 20 Kapitel eingeteilten 727 Geschichten des Bar-Hebraeus lassen wir hier zur Illustration folgen: Ein gewisser Philosoph passierte einst eine Stadt und sah den Kriegshauptmann, der sich im Felde noch nie ausgezeichnet hatte, mit dem Arzte zusammen stehen. Da sagte der Philosoph zu den Stadtbewohnern: „Schade, dass der Kriegshauptmann nicht der Arzt und der Arzt nicht euer Kriegshauptmann ist. Dieser nimmt sich so sehr in acht, einen Menschen zu töten, und der Arzt hat doch so grosse Erfahrung im Menschenmord." - Ist ein Ross noch so flink, braucht es doch die Peitsche; mag ein Weib noch so keusch sein, muss ihr Mann ein rechter Mann sein, und wenn ein Mann noch so weise ist, so kann ein Rat von andern ihm nicht schaden. — Weise Männer sind die, die in ihrer Seele das Leid empfinden; die Narren leiden mit ihrem Körper. t— Sechs Dinge sind es, die nicht stand halten: die Schatten einer Wolke, die Freundschaft eines Thoren, die Liebe der Weiber, Reichtum im Uebermaass, tein tyrannischer Fürst und lügnerisches Lob. Ein jüdischer Weiser sagte: „Für einen König schickt es sich nicht, seine Rache zu beeilen; kann er sich doch immer rächen, wenn er Lust hat." — Ein anderer: „Verlass dich nicht auf einen Freund, der leicht in Zorn gerät, mag er sonst mit noch so viel Güte . ausgestattet sein." — Noch einer sagte: „Die Regierung eines Volkes muss zuerst ihr eigenes Verhalten in Ordnung gebracht haben und kann erst dann daran denken, an dem Volk dies zu unternehmen. Anderenfalls würde es ihr gehen wie einem Manne, der den Schatten eines Gegenstandes regeln wollte, bevor er den Gegenstand, zu dem der Schatten gehört, in Ordnung gesetzt hat." — Ein weiser Jude sagte: „Ich habe oft bereut, dass ich gesprochen habe, aber niemals, dass ich den Mund hielt/ Einer der Brüder meinte: „Geh in ein Mönchskloster, und wenn du in der That ein vollendeter Christ sein willst, so komm mit den Brüdern dort aus," womit er sagen wollte, dass man leichter mit wilden Tieren als mit Mönchen zusammenleben könne. Ein Asket sah einen König von seiner Leibwache streng bewacht. Da sagte er: „Hätte er den Menschen nie Unrecht gethan, brauchte er sie nicht zu fürchten." Ein Maler gab seine Profession auf und wurde Arzt. Auf die Frage, warum er dies gethan habe, antwortete er: „Fehler im Zeichnen und Malen kann jeder sehen und kritisieren; aber die Irrtümer der ärztlichen Kunst bedeckt die Erde." — Eine Ziege stand auf einem Dach und schmähte einen Wolf. Der Wolf sagte: „Nicht du bist es, die mich schmäht, sondern dein Standort." — Ein Hund verfolgte eine Gazelle. Diese rief ihm zu: „Du wirst mich doch nicht kriegen." „Warum?" fragte der Hund. Sie sagte: „Ich laufe für mein Leben; du für deinen Herrn, den Jäger." Ein Schauspieler wollte seine Frau los werden und fing an, mit -ihr zu streiten. Da sagte das Weib: „Denke doch daran, wie lange wir schon zusammen gelebt nahen." Da antwortete er: „Das ist das thörichtste, was du mir vorhalten konntest. Denn gerade darum bin ich deiner satt." — Ein Weib fragte seine Nachbarin: „Woher kommt es, dass ein Mann das Recht hat, sich ein Kebsweib zu kaufen und mit ihr zu treiben, was er Lust hat, während eine Frau so etwas nicht — frei und offen thun darf?" Die Nachbarin antwortete: „Weil Könige, Richter, Gesetzgeber alle männlichen Geschlechts sind; sie waren Sachwalter ihres eigenen Vorteils, haben nur an sich gedacht und die Weiber zurückgesetzt." (Wallis Budge macht in der Einleitung der syrischen Textausgabe darauf aufmerksam, dass man diese Begründung auch in Frauenversammlungen unserer Zeit oft genug höre. In Deutschland haben die auf Frauen bezüglichen Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuchs auch nicht wenig oft dieselbe Dialektik ertragen müssen.) — Ein Schauspieler hatte ein recht hässliches Weib, das an einem trüben und regnerischen Tage zu ihm sagte: „Was kann man an einem solchen Tag rechtes thun?" Er antwortete: „Sich scheiden lassen I" (Angesichts der deutschen Statistik über die Häufigkeit der geschiedenen Schauspielerehen zeigt sich, dass in diesem Stand Jahrhunderte, Klima, Religion und Land nichts ausmachen.) —

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