Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Ein jüdischer Kunstverlag
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 957 - 958 (sequence 2)
- Language
- German
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957 Aus Ost und West. 958 Symbol des Segens der Einsamkeit. Ein Symbol auch der Beziehungen des Künstlers mit seiner Kunst zur Aussenwelt. Ich habe das Gemälde und den Schöpfer seiner Zeit in den Spalten der „Gegenwart" eingehend besprochen, damals, als ich das ergreifende Werk in Ury's Atelier kennen lernte. Es mag wohl schon anderthalb Jahre her sein. In Weltflucht gemalt, in Weltflucht verborgen gehalten Jahre hindurch, taucht's nun doch in der Oeffentlichkeit auf. Ob es besser verstanden wird, als die früheren philosophischen Gemälde, als .Jerusalem", der r Mensch", das „Erste Menschenpaar14? Vom ,.U. d. Linden-Publikum" gewiss nicht. Und ich habe mich eigentlich gewundert, dass Ury es — wohl auf Drängen seiner näheren Freunde — nun doch der grossen Menge preisgiebt, die noch immer in ihm keinen Ringer und Kämpfer, dem seine Kunst alles ist, erblickt hat, sondern im besten Fall einen phantastischen Sonderling. Freilich: auch der Krittler und TsTitler, auch der Denkfaule und Empfindungsstumpfe wird sich nicht der Wirkung entziehen können, die vom „Jeremias" ausgeht. So schrieb ich damals, so wiederhole ich es jetzt. Aber — am Ende bin auch ich selbst nur ein Phantast. Uebrigens stellt Ury nicht dieses Gemälde allein aus. Zwei ganze Wände des Oberlichtsaales und einen Teil des Vorraumes nimmt er mit einer grossen Sammlung von Bildnissen, Alltagstypen und -Szenen, Landschaften ein. Und sie umfassen einen Zeitraum von nahezu 20 Jahren. Denn wir sehen hier auch eine ganze Reihe von BiLdern aus dem Beginn der 80 er Jahre, aus seiner Brüsseler und Pariser Zeit, wo er überzeugt die Wege wandelte, auf denen Liebermann und Uhde später soviel Ruhm und Ehre einheimsen konnten, die Wege einer konsequenten Freilichtmalerei im Dienste der realistischen Schilderung von Alltagsmenschen. Er malte damals alles, was ihm vorkam. Bauern auf dem Felde bei der Arbeit oder bei der Gebetsandacht, figurenbelebte Interieurs, Kaffeeliausszenen und Bildhauer oder Näherinnen bei der Arbeit, einsame Weiler, sonnenschimmernde Parks und morgen dampfen de Aecker. Manches davon ist jetzt hier zu sehen" . . „In seinen landschaftlichen Pastellstudien singt und dichtet er förmlich in Farben, weil er es nur so zum Ausdruck bringen zu können vermeint, was ihn beim Anblick der Natur bewegt" . . „Fast will es mir aber scheinen, dass man ihn allmählich auf diesem Gebiete wenigstens auch in breiteren Massen zu -verstehen beginnt, was nicht sowohl ihn, als diese ehrt. Ich habe jetzt vor manchen dieser grossen und kleinen Landschaftsausschnitte in jener bald farbenfunkelnden, bald geheimnisvoll verschleiernden, jetzt lebensfroh jauchzenden und dann elegisch träumenden Pastelltechnik, die er so meistert, ehrliche Ausrufe der Bewunderung vernommen. Tritt man näher hinzu, so zerrinnt der Zauber: breite Flecke, hingeschmierte Striche, verwischtes Gekritzel sieht man nur. Und in der richtigen Entfernung — welch entzückendes Spiel von Tönen und Farben, welch differenzierte Blosslegung des landschaftlichen Seelenlebens, welch Erfassen z. B. der feinsten Werte in den feierlichen Stunden, wo der Morgen die Nacht verdrängt, oder wo es Abend werden will. Gleichviel dabei, oh uns der Maler zu den raefernumsäumten Wasserspiegeln des Grunewalds, in die lauschigen Thüringer Thäler, an die Ufer des Gara^ees, in Waldesdickicht oder auf Dünensand führt — es wird ihm alles zu einem Gedicht, zu Musik. Musikalisch — ja, das ist's, so wirken sie zumeist, wie denn die Musik die Kunst ist, die in unser Inneres am tiefsten vorzudringen vermag. Unsere modernen Musik-Stimmungskünstler müssten eigentlich Ury'sche Pastelilandschaften vertonen können. Es lässt sich schön vor ihnen phantasieren und improvisieren. Nur — nur darf sich kein Ueberbrettl-Direktor dieser Idee bemächtigen, die ich so leichtsinnig hier preisgebe . . . * # * Bar-Hebraeus. — Ueber „die ergötzlichen Geschichten" des berühmten syrischen Gelehrten jüdischer Abstammung, Bar-Hebraeus, veröffentlichen „Die Grenzboten" (No. 48, 28. Nov.) einen längeren Aufsatz, dem wir folgende Einzelheiten entnehmen: In der letzten Zeit seines reichen Lebens hat Bar- Hebraeus 727 Geschichten gesammelt, die der bekannte englische Orientalist Wallis Budge zuerst 1897 zusammen mit dem syrischen Text veröffentlicht hat, und die später dann auch unter dem Titel Oriental Wit & Wisdom or the ,.Laüghable Stories" collected by Mär Gregory John Bar-Hebraeus (London, Luzac & Co., 1899) in einer Sonderausgabe des englischen Textes allein erschienen sind. Einige der ergötzlichen Geschichten aus Orientalischem Witz und Weisheit kannte man schon im achtzehnten Jahrhundert; deren sechzig hat Morales 1886 in der Zeitschrift der Deutschen morgenländischen Gesellschaft in deutscher Sprache veröffentlicht; aber erst durch Wallis Budge's Uebersetzung ins Englische wird die ganze an Weisheit und Frömmigkeit, Witz und Humor so reiche Sammlung des S}Tiers einen weiteren Leserkreis erringen. Noeldecke nennt Bar-Hebraeus einen der hervorragendsten Männer seiner Kirche und seiner Nation, und William Wright beginnt in der Encyclopaedia Britannica. Artikel Syriac Literature, die Biographie des grossen Mannes mit den Worten: „Alle Schriftsteller Syriens sind in den Schatten gestellt durch seine imposante Figur; er war einer der gelehrtesten und erfahrensten Männer, die Syrien je hervorgebracht hat." Abül-Faraj Gregorius war der Sohn eines Arztes zu Melitene, Namens Aaron. Ob Aaron Jude war oder schon zum Christentum bekehrt, ist nicht sicher; jedenfalls war er jüdischer Abkunft, weshalb sein Sohn „der Sohn des Hebraeus" hiess. Bar-Hebraeus war 1226 geboren und lernte von seiner frühesten Jugend an arabisch und griechiscb. Etwas später widmete er sich der Theologie und Philosophie und betrieb dabei unter den Auspizien seines Vaters und anderer hervorragender Aerzte praktisch die Medizin. Als um 1243 vor den anrückenden Tatarenhorden zahlreiche Bewohner von Malatiah (Melitene) nach Aleppo flohen, kam sein Vater Aaron nur durch einen glücklichen Zufall nicht dazu, sich den Fliehenden, anzuschliessen. Er hatte als Arzt einen tatarischen General zu behandeln, der ihn mitnahm und ihn auch in die Lage setzte, seinen Wohnsitz in Malatiah mit dem sicheren in Antiochia zu vertauschen. Hier vollendete Bar-Hebraeus seine Studien und trat in ein Kloster ein. Dann aber studierte er in Tripolis (natürlich nicht dem afrikanischen) unter dem Nestorianer Jakob Medizin und Rhetorik weiter; sein Ruf kam vor den Patriarchen Ignatius IT., der ihn am 12. September 1246 in seinem zwanzigsten Jahre zum Bischof von Gubos bei Melitene machte. Im Jahre 1253 kam Bar-Hebraeus nach Aleppo und erreichte 1264 die hohe kirchliche Würde eines Maphrian. Er schrieb eine unglaubliche Anzahl teil-