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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 927 - 928

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Das Chanukka-Fest
Date
1901-12-01
Page
Seite 927 - 928 (sequence 3)
Language
German
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927 Dr. S. Bernfeld: Das Chanukka-Fest. 928 Und nicht nur das — man durfte in diesen Tagen lustig sein, ohne die Rüge der religiösen Behörde zu fürchten, Iji früheren Jahrhunderten lag eine -religiöse Melancholie über der Judenheit, und das bischen Lebensfreude, die ihr die nicht aufhören wollenden Plackereien rnicht raubten, wurde den Bewohnern des Ghetto durch die Sittenstrenge und die griesgrämigen „Parnassim" genommen. Am Chanukka wurde gestattet, ein wenig die Sorgen und den tiefen Lebensernst bei Seite zu schieben. Der Hausvater kam abends gehobenen Mutes und freudig erregt nach Hause. Denn in der Synagoge hatte ein {feierlicher Gottesdienst, in der Regel unter Musikbegleitung, stattgefunden. Es war dies die einzige Feier in der Synagoge, die alljährlich mit Musikbegleitung abgehalten worden ist. Zu Hause wurden die Chanukkalichter angezündet und religiöse Lieder, die eine gewisse Zuversicht in die Zukunft ausdrückten, gesungen. Alle Hausgenossen sangen fröhlich mit, und man schwelgte in der Erinnerung, dass vor vielen Jahrhunderten die bösen Judenhasser ihre verdiente Strafe erhalten haben. Der jüdische Stamm spielte in der Geschichte fast immer die Rolle des Amboss, und man konnte sich nicht genug darüber freuen, dass er einmal wenigstens den Hammer spielte und tüchtig dreinschlug. Und nun war der religiösen Weihe Genüge gethan. Man sollte an diesem Abend auch lustig sein, was man so im Ghetto lustig sein nannte. Auch nicht einen Augenblick wich die festlich-ernste Stimmung. Das Mahl, das am Chanukka-Abend eingenommen zu werden pflegte, hielt so ziemlich die Mitte zwischen Wochentags¬ und Festmahlzeit. Es zeichnete sich durch ein besonderes Gericht aus, durch die sogenannten „Latkes", die vorzüglich schmeckten. Ich bedauere, in der Kochkunst nicht die genügende Fertigkeit zu besitzen, um den verehrten Leserinnen ein Rezept dieser Speisen liefern zu können. „Latkes" am Chanukka-Abend war so etwas, was die Fische am Freitag Abend, oder das berühmte ,»Schalet" am Sonnabend bedeutete. Freilich ist letzteres durch Heinrich Heine berühmt geworden, während die „Latkes" im Stillen blühten, aber ihrem Wohlgeschmack that der Mangel an Unsterblichkeit keinen Abbruch. Nach der Mahlzeit wurde — gespielt. Es war etwas Seltenes in den jüdischen Familien, dass Karten- oder Brettspiele vorgenommen wurden. Freilich in Italien und im Orient grassierte seit jeher die Spielwut, gegen die oft seitens der Gemeindebehörden mit strengen Maassregeln eingeschritten werden musste. In Deutschland und Polen dagegen war das Kartenspiel bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts streng verpönt. Vom Brettspiel bildete nur das Schach, dieses vornehme und geistig anregende Königsspiel, eine Ausnahme. Am Chanukka-Abend spielte man „Dame" oder „Ziege und Wolf*. Und da man des seltenen Gebrauches wegen kein Damenspiel zu Hause hatte, so nahm der Hausvater einen Bogen Papier und grenzte mit dem Lineal die Felder ab; für die nötigen Figuren nahm man — Bohnen. So unterhielt man sich mit dem Nachbar oder dem zu Besuch kommenden Freund. Die jüngeren Mitglieder der Familie spielten Karten, aber beileibe keine wirklichen, sondern hebräische! Es waren dies 22 weisse Kartenblättchen, auf denen das hebräische Alphabet aufgezeichnet war. Der erste und der letzte Buchstabe waren die grössten Trümpfe, ferner bildeten der fünfte, der zehnte, der fünfzehnte und der zwanzigste Buchstabe die gewöhnlichen Trümpfe. So spielte man, und man gewann oder verlor einige Heller. Die Jugend hatte an diesem Abend ihre besondere Freude; Chanukka war überhaupt das Fest der Jugend. Man wurde an diesem Tage wohl nicht „bescheert", wie es heute heisst, aber doch beschenkt, und zwar merkwürdigerweise immer mit Geld. Kinder wohlhabender Familien sammelten am Chanukka-Abend so manches Sümmchen von den Eltern und Familienangehörigen ein. Das Geld wurde oft zu wohlthätigen Zwecken verwendet, da sich die jüdische Jugend sehr früh im Wohlthun zu üben pflegte. Indes mussten die lieben Jungen auch ihren Zeitvertreib haben, und den fanden sie im — „Dredel". Wer von den Lesern oder Leserinnen hat je ein „Dredel" gesehen? Wird ein solches in irgend einem Kunstmuseum aufbewahrt? Verdient hätte es dies gewiss, denn Jahrhunderte hindurch bildete es das grösste Ergötzen der jüdischen Jugend im Ghetto. Es war dies ein zierliches Ding, aus Blei kunstvoll gegossen. Eine Art Häuschen, nach unten zugespitzt, oben auf dem flachen Dache mit einer Stange in der Mitte versehen. An den äusseren Wänden waren die hebräischen Buchstaben angebracht: n. g. h. sch., deren Bedeutung strittig ist. Es sollen dies vielleicht die Anfangs-

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