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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 925 - 926

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Das Chanukka-Fest
Date
1901-12-01
Page
Seite 925 - 926 (sequence 2)
Language
German
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925 Dr. S. Bernfeld: Das Chanukka-Fest. 926 Es war dies eine glorreiche Zeit, wie sie das jüdische Volk selten wieder gesehen hat. Man bewundert die Tapferkeit der Makkabäer, die einen geschichtlichen Ruf erlangt hat. Zur Zeit, als es sich darum handelte, die Juden in Europa zu Bürgern zu machen, erinnerten ihre Fürsprecher und Verteidiger gern an die siegreichen Makkabäer, und sie meinten, die Nachkommen dieser Helden könnten unmöglich so entartet sein, wie ihre Feinde behaupteten. Indessen haben die Juden in späteren Zeiten nicht minder todesmutig gekämpft. Man kann die Thatsache nicht genug bewundern, dass sich das winzige Judäa nicht weniger als vier Jahre mit dem mächtigen, weltbezwingenden Rom herumgeschlagen hat. Und besiegt wurde es nicht so sehr durch die Uebermacht der Feinde, wie durch Verrat und Zwietracht im eigenen Lager. Was aber die Makkabäerkämpfe so ruhmwürdig auszeichnete, das war der glückliche Umstand, dass das um. seine Freiheit ringende Volk grosse Führer im Kampfe gefunden hat. Die Erinnerungen, die das Chanukkafest in uns wachruft, sind erhebend, wie kaum andere in der Geschichte unseres Stammes'. Aber in späteren Zeiten, als der Judenheit infolge der fortgesetzten Verfolgungen und des unerhörten Druckes jede nationale Lebensfreude erlosch, verlor sich bei uns auch das Verständnis für die Chanukkafeier. Es war verhängnisvoll genug, dass die Nachkommen der ruhmreichen Hasmonäer so wenig ihren grossen Ahnen glichen; sie arteten in Herrsch- und Genusssucht aus und setzten sich bald in Widerspruch mit den nationalen Bestrebungen des Volkes. Freilich lag nicht immer die Schuld ausschliesslich auf ihrer Seite; auch die Gegner hatten ein voll gerüttelt Maass Schuld an dem baldigen Niedergang, dem das jüdische Volk einige Jahrzehnte nach den grossen Siegen anheimgefallen ist. Aber dem sei nun wie ihm wolle, die siegreiche Volkspartei (die Pharisäer), die Jahrzehnte hindurch im Kampfe gegen die Hasmonäerfamilie gestanden, trug dazu reichlich bei, dass die Erinnerung an jene Vorgänge im Volk immer mehr schwand. Das Chanukkafest hörte in der Folge auf, ein Makkabäerfest zu sein. Ein Stück Geschichte, so ruhmreich sie auch für die Judenheit sein mochte, wurde aus dem Volksbewusstsein herausgerissen. Das erste Makkabäerbuch, eins der schönsten Bücher im jüdischen Schrifttum, wurde, obwohl ursprünglich hebräisch verfasst, aus der Sammlung der religiösen Schriften entfernt. Dadurch ging im Grossen und Ganzen das historische Bewusstsein von den Makkabäerkämpfen verloren, und statt seiner erhielt sich nur eine dunkle Erinnerung an sagenhafte Dinge. Man wusste etwas von der Zeit der Gewissensnot, als der wahnwitzige Syrerkönig Antiochos die Juden zum Verlassen des väterlichen Glaubens zwingen wollte. Auch von den Siegen der muthigeh Gotteskämpfer wusste man manches. Die Chanukkafeier selbst sollte an das wunderbare Geschehnis erinnern, dass, — nach dem Siege des JudaMakkabäus, — als der Tempel von Jerusalem von dem „entsetzlichen Greuel", d. h. dem griechischen Götzenkultus, gereinigt und der Gottesdienst zu Ehren des Gottes Israels wiederhergestellt wurde, — sich wunderbarerweise im Heiligtum ein Fläschchen Oel vorgefunden, auf dem das hohepriesterliche Siegel angebracht war, was als Beweis gelten konnte, dass dies heilige Oel durch die Götzendiener nicht profaniert worden sei. Eigentlich konnte dies Fläschchen Oel nicht lange reichen, aber durch ein Wunder genügte es für die Erhaltung des Tempellichtes volle acht Tage. Daher die Lichtfeier, die acht Tage dauert. Im Laufe der Zeit blieb nur diese Erinnerung, alles andere fiel der Vergessenheit anheim. Unter den unzähligen traurigen Ereignissen der jüdischen Geschichte ist dies vielleicht das traurigste. Ein Volk, dem das ruhmreichste Blatt seiner Geschichte abhanden gekommen ist! — Das Chanukkafest blieb wohl in der Judenheit, es verlor jedoch alle Bedeutung für die nationale Geschichte. Dass es nicht an Innigkeit verlor, dass che Chanukkatage im wahren Sinne des Wortes Festtage der Judenheit wurden, dies lässt sich durch die Eigenart des jüdischen Volkscharakters erklären. In keinem andern Volke der Welt wusste man so ernst fröhlich zu sein; die Freude artete selbst bei den niedrigsten Volksschichten nicht in Ausgelassenheit aus. Man belustigte sich kaum, — man war fröhlich. * * * Das Chanukkafest hatte seine nationale und geschichtliche Bedeutung eingebüsst, aber ciafür wurde es ein Volksfest. In den acht Tagen vom 25. Kislew an, also gegen Ende des Herbstes, um die Zeit, wo der Winter in seiner vollen Strenge einsetzt, war man im Ghetto fröhlich.

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