Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Ein Kampf um Hellas
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 919 - 920 (sequence 4)
- Language
- German
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919 Dr. med. Theodor Zlocisti: Ein Kampf um Hellas. 920 nicht alle kleinlichen Gesetzeszäune respektierte und das Universelle, das Neubelebende, das Ueberragende der hellenischen Umkultur sich zu innerem Eigentum machte. Indem die Makkabäer gerade die Seele des Hellenentums, den Geist ihrer Sänger und Philosophen in ihr Judentum hineindiffundieren Hessen, wurden sie zugleich" die grimmen Bekämpfer der Sippe, die nur das Aeussere des Hellenismus nachäffte. Es ist eine alte Erfahrung, die in einer Psychologie der Massen vielleicht zum Gesetz würde, dass beim Einwirken einer neuen Kultur a*f ein Volk immer die traurigen Begleiterscheinungen als das Wesen des Neuen aufgenommen werden. Das erste, was die Indianer und Neger von der Kultur Europas begriffen, war der Alkohol und das Schiessgewear. Um wieviel mehr musste der Hellenismus für die Juden, die innerlich mit ihrer „Kirche" zerfallen waren, gefährlich werden. Bekanntlich ist nichts gefährlicher, als das Nachäffen der Schönheit, denn diese zu erreichen, nicht den melancholischen Weisen der Sappho, nicht dem Heroensang Homers zu lauschen, die Gedankenwelt Plato's, die weltumspannende Arbeit Aristoteles' nachzuleben, war ihr Ideal. So liefen denn die jüdischen Jüngelchen nackend umher in der Palästra, übten das Fünfspiel — ein trauriges Gezücht kostümloser Gigerl. Ein Manko, das ihr Körper aufwies und das sie von den Griechen auch noch unterschied, wusste eine komplizierte Operation, die uns Celsus mitteilt, wieder gut zu machen. Ungleich leichter war natürlich die Ausmerzung jüdischer Namen. Wie mit dem Beginne der Judenemanzipation aus den Itzigs die Hitzig und Hzig, aus den Moses die Moser entstanden, also ward Josua zum Jason in griechischer Zeit. Mit dieser Veraflfung der äusseren Menschen ging natürlich eine Verödung aller ethischen Qualitäten Hand in Hand. Die schmierigen Bemühungen der Griechlinge um die Hohepriesterwürde, allein in dem Verlangen nach Raub und Plünderung, seien nur kurz erwähnt. Und der sittlichen Verrohung noch vieles, wie es von den arischen Staaten grossgezogen zu werden pflegt. Freilich erklärt sich so manche Erscheinung aus den Beispielen der Griechen selbst. Der Geist der hellenischen Weltanschauung war in gewissem Sinne Allgemeingut geworden, ohne dass aber auch das griechische Volk in seiner Gesamtheit der reinste Träger jener Ideenwelt geblieben wäre. Im Gegenteil; die Freude am Geniessen des Schönen in Natur und Kunst war zur Genusssucnt geworden. Sie haben dem anschwellenden Rom die sittliche Dekadenz gebracht. Unzucht, Habgier, Servilismus bezeichnen den "Weg, den diese Kulturträger gegangen. Diese Entartungs - Reaktionen, verbunden freilich mit den schäbigsten Resten des antiken Hellenentums, finden wir kondensiert in der Gestalt des Antiochus Epiphanes. Es hat etwas ungemein Lockendes, diesen Fürsten in seine Komponenten zu zerlegen. Eine psychologische Analyse, die uns lehrt, wie grade ein bedeutendes Genie zum genialen Lumpentum sich wandelt. Von der Natur mit den trefflichsten Anlagen beschenkt, mit Ritterlichkeit und edlen Gefühlen, mit scharfem, sichtendem Verstand und ungetrübtem Fernblick, kommt er nach Rom, wo die Genussroheit der Griechen bis zum Wahnsinn gesteigert ward, ein „Römeraffe von Profession". So nennt ihn Mommsen. Mit wenigen "Worten sei auf die Sitten der Römer in jenen Tagen hingewiesen; sie schaffen uns das Verständnis für d;e Denkart des Antiochus Epiphanes; zugleich rücken sie die That der Makkabäer ins rechte Licht als den Kampf der jüdisch-nationalen Patrioten mit hellenischer Bildung gegen den Afterhellenismus. Seitdem die römische Macht immer grössere und fernere Gaue sich angliederte, war auch die abgeschlossene Römerart aufgelöst worden. Der Neuhellenismus, der sich als ein Weltenkönigreich über den Nationen etablierte, als der ideale Kosmopolitismus,, fand auch in Rom eine gastliche Stätte im Herzen jener Macht, die die Nationen zerriss und den Weltstaat errichtete. Allein neben den Reichtümern, die der Untergang der unterjochten Nationen in die römischen Kassen trieb, war Rom für jeden geistigen Unrat, für die gemeinsten Laster der Nationen eine weite Abladestätte geworden. Vergebens stellte Cato wieder die alten Volksideale als Rettung aus sittlichem Niedergang hin, als die sieghafte Gewähr für die Existenz der römischen Weltherrschaft. Die Bande der Ehe wurden zerrissen, und der hellenische Kult der Knabenschöne lockte die Entnervten. Der Pracht der Gewänder, des Schmuckes, der Bauten schloss sich die Ueppigkeit des Mahles an. Der Schluck in Ehren wurde zum tollen Gelage. Und ungemischten Wein aus riesigen Humpen zu leeren bis zur Sinnlosigkeit hiess congraecare: griechen. Es bildete sich eine Fresslitteratur heraus, in der mit dichterischer Phantasie gesungen ward von den seltsamsten Seefischen und Meeresgetier, die eine neue leckrige Perspektive eröffneten für neue Speisenkompositionen. Das Büd, das 150 Jahre später Ovid vom eisernen Zeitalter entwarf mit seinen auri sacra fames, dürfte in groben Zügen schon den damaligen Stand römischer Versumpfung anzeigen. In dieser Stickluft lebte Antiochus Epiphanes. Als er auf den Thron der Seleuziden berufen wurde, war seine Entwicklung abgeschlossen. Er hatte sich durch alle Konsequenzen des Genusshellenismus durchgeludert: Nichts Schmutziges war ihm fremd. Und vollgepfropft von den Idealen des Hellenismus kennt er nur ein Streben, überall den Glanz griechischer Feinkultur zu verbreiten. Aus dem Komplex seiner Volkschaften will er ein einziges Volk schmieden. Er ist noch der naive Prinzipienreiter, den die Vielheit und Verschiedenheit der Dinge schreckt. Ein Gleichmacher in seiner Art, glaubt er die Natur zurückschrauben?u können auf die Primitivverhältnisse grober undifferenzierter Urformen. Im Spiegel der griechischen und römischen Schriftsteller tritt uns diese fähige, aber verroht excentrische Natur entgegen. Renan charakterisiert ihn dergestalt: esprit brouillon, sans tenue, liberal pour moment, violent toujours et qui gatait les meilleures causes par ses intemperences et son manque de jugement. Er hatte etwas vom Uebermenschen an sich, nicht im Sinne von Nietzsche's Edelmenschen, sondern in der Auffassung blasierter Neurastheniker. Die feine Grenzlinie, die zwischen den gefürsteten Qualitäten und den angefaulten sich hinschlängelt, verstand er nicht einzuhalten. Freigebigkeit wurde Verschwendung, Leutseligkeit — Gemeinheit. Sein Kraftbewusstsein sank zur Rohheit herab, seine Energie zum Eigensinn, zum Despotismus ward die Strenge. Etwas unheimlich Lockendes lag in dieser Individuali-' tät der Superlative. Bald war ein Stab von Jünglingen der besten jüdischen Familien um ihn. Und in Palaestina selbst jubelte seinem Stern die feine und gebildete Jugend zu. Und sie jubelten ihm zu, als mit van-