Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Ein Kampf um Hellas
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 917 - 918 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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917 Dr. med. Theodor Zlocisti: Ein Kampf um Hellas. 91« L. Hirszenberg. Uriel Acosta und Spinoza. Lodz. die der griechischen Sprache mächtig, also hellenistisch gebildet waren." Diese Thatsachen eröffnen uns einen neuen Ausblick, der uns manche befremdende Erscheinung nunmehr überschauen lässt. Das Judentum hatte seit den Tagen Esra's eine ganz eigene Entwicklung genommen. Ursprünglich das Volk schlichter Bauern, lebte es auf seiner Scholle, der Arbeit hingegeben und in der Stärke seines Staates die Gewähr für seine friedliche Arbeit erblickend. Allmählich hatte sich hier, wie überall, wo Menschen zusammenwohnen, eine soziale Differenzierung herausgeprägt. Da kam das Unheil über das Land — seine Bewohner mussten ins babylonische Elend ziehen. Fern von den Stätten, wohin sie dreimal des Jahres zur Weihe ihres Gottes gezogen, eingeklemmt und von einander getrennt in einer fremden Bevölkerung, erlahmte die Spannkraft des weltlichen Prinzipes, und sie begehrten nur Sicherheit für ihren Kultus und ihre Gebräuche. An die Stelle des religiösen Lebens trat das theologische. Die Pünktlichkeit in der Befolgung der Kultusvorschriften wurde der Massstab für die Frömmigkeit. Sorgsam und peinlich die immer minutiöser werdenden Vorschriften zu erfüllen, darin erschöpfte sich die Zugehörigkeit zum Judentum. Wie weit man in diese gesteigerte Gesetzlichkeit hineingeraten war, erhellt daraus, dass es Kreise gab, die das Gebot der Sabbatruhe so streng nahmen, dass, sie sich lieber hinmorden liessen, als durch die Führung des Schwertes die Sabbatgesetze zu „verletzen". Wie tief war die grandiose sozialhygienische Institution der Sabbatruhe gesunken! Die Vertreter dieser Ueberfrommheit waren die Chassidim, die später als Pharisäer einen so umbauenden Einfluss auf die Gestaltung, d. h. die Vertheologisierung des Judentums hatten. Ihnen, sowie ihrem schärfsten Extrem, den Hellenisten ä tout prix, stand eine kleine Partei gegenüber, die, angeekelt von dem theologischen Gezänke, den nationalen Kern des Judentums herausschälte — das war die Partei der Makkabäer. Zwar traten die Frommen auf die Seite dieser Heldenschar, denn der Sieg dieser Männer gab doch die Gewähr für die ungestörte Ausübung der lawinenartig anwachsenden Kultusgesetze. Aber als der Sieg erfochten, als die späteren Makkabäer die Konsequenz ihres Nationalbewusstseins — die staatliche Organisation forderten, traten sie in schroffen Gegensatz zu ihnen. Sie konnten es eben nicht begreifen, dass man mit jeder Faser Jude sein könne, wenn man