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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 915 - 916

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Ein Kampf um Hellas
Date
1901-12-01
Page
Seite 915 - 916 (sequence 2)
Language
German
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915 Dr. med. Theodor Zlocisti: Ein Kampf um Hellas. 916 nur in kleinen Portionen eindrang und verarbeitet werden konnte, so lange war ihr Thatendrang der übrigen Menschheit ungefährlich. Wenn Alexander sich die persischen Satrapien unterjochte, wenn Leichenfelder, zertrümmerte Städte den Weg seines Siegeszuges zeigten: eines vergass er nie; mit Waffengewalt konnte er im Flug sich der Achämeniden Reich erkämpfen. Innerlich zusammengeschweisst konnten die Satrapieen aber erst werden, wenn der ideelle Kern des Hellenismus in ruhiger, friedlicher Arbeit zum Gemeingut seiner Unterthanen gemacht würde. So war es sein Hauptbestreben, nationale Eigenart nicht zu tangieren. Er erstrebte die innige Vermählung und Ineinanderbildung griechischen und orientalischen Wesens ohne Drangabe der einzelnen V Olksindividualitäten. Diese Anerkennung nationaler Eigenheit im Interesse der Fortentwickelung der Kultur war ein Bruch mit der Eroberungstheorie des Altertums: die autochthone Bevölkerung mit Stumpf und Stiel auszurotten oder sie zu entwurzeln und in neues Erdreich zu verpflanzen. Die Bedingungen des Aufeinandereinwirkens zweier Kulturen sind die denkbar verschlungensten. Rohe Gewalt kann niederreissen, Kulturen überpflanzen kann sie nicht. Die geistigen Anlagen, die jeder Nation immanent sind, der Volksgeist, wie ihn Hegel zuerst in die geschichtliche Betrachtung eingeführt hat, die sozial-psychologischen Probleme, die keineswegs etwa die Summe der Vorgänge des individuellen Seelenlebens darstellen — müssen dem Kulturmissionar klar sein. Das Sprichwort: „Eines schickt sich nicht für alle" darf als die platte Aufschrift jenes tiefgründigen Gedankenkomplexes gelten, den die Volkspsychologie, vor allem die Soziologie uns erschlossen hat. Was der grüblerische Geist in Retorten zusammenstellt, das macht die Natur in langsamer Arbeit. Wer neue Kombinationen schaffen will, muss die Bedingungen der einzelnen Faktoren kennen, Hinneigung und Abstossung zu einander erforscht haben. Die Materie fügt sich unbewusst aneinander, die sich der Wille eines schöpferischen Geistes bewusst beugt. Die Makkabäerkämpfe drängen uns auf die Betrachtung der Kultureinwirkungen. Nicht dem Siegeslaufe hellenischen Geisteslebens stemmte sich die Makkabäerschar entgegen. Der Hellenismus hatte in ruhiger Anlagerung auf das Judentum gewirkt. Seitdem die Freiheit Griechenlands sank und seine Sänger und Philosophen universelle Gedanken ausbauten und die Menschheit proklamierten über der nationalen Umgrenztheit, das Ewige im Wechsel der Dinge, seitdem Sokrates und Plato, Aristoteles und die Sophisten ihre Lehren in die Welt sandten, finden wir Judaismus und diesen Hellenismus in friedlicher Umarmung. Die Gedankenwelt der Juden nahm neue Anregungen in sich auf. Der Menschheitsgedanke zittert ja schon in den frühesten Produkten jüdischer Kultur, und das Ahnen der Griechen von dem Walten einer einheitlichen, einsamen Gottheit — hier war es längst krystallisiert, hier war es der Grundstein alles Denkens und Fühlens. Es bedurfte nicht des Druckes, um diese Kulturen, wie sie sich in den Jahrhunderten entwickelt hatten, ineinander zu pressen. Es war ein osmotischer Prozess, indem von selbst durch die Membran nationaler Differenz die Ideeneinheiten hinüber und herüber diffundierten. In Alexandria blühte die hellenische Weisheit in der liebevoll sorgsamen Pflege der Juden fort. Weit vor den Makkabäerkämpfen. In späterer Zeit baut Philo die Gedankenwelt Plato's aus, in der er die Urcffenbarung der höchsten Ideen des Theismus wiederzufinden glaubte. Das ganze Mittelalter hindurch sieht die Juden als die Pioniere der hellenistischen Geistesthätigkeiten. Der Hellenismus, soweit er Kultur war, hatte auch in Palästina seine Stätte. Ein Kranz griechischer Städte im Lande, Gaza, Samaria, Gerasa, schuf die Bindebrücken zwischen Griechentum und Judentum im Stammland, die einen friedlichen Austausch materieller und geistiger Güter zeitigten. Und diese befruchtende Wechselwirkung haben die Makkabäer nicht ausschalten wollen. Im Gegenteil. Die Makkabäer waren jüdisch-nationale Hellenisten. Ich feiere sie als die Männer, die in grauer Vorzeit zuerst die Bedeutung des modernen Nationalismus erkannt und verfochten haben, der nicht identisch ist mit dem Chauvinismus, dieser Kinderkrankheit der Nationen. Sie sind für die Erhaltung nationaler Eigenart eingetreten, für den Ausbau der eigenen Kultur, und doch für die Aufsaugung aller der kulturellen Momente, die andere Völker schufen, und für deren organische Assimilierung in die jüdische Kultur. Sie thaten bewusst, was unbewusst die Hellenen einst aus den phönizischen, die Italer aus den frühhellenischen Wesensinhalten sich zu Geist von ihrem Geiste gemacht hatten. Eine intimere Betrachtung der Litteraturdenkmale jener Zeit hat helles Licht über die Makkabäerkämpfe gegossen. Freudenthal hat in seinen „Hellenistischen Studien 1875" diese Thatsache erkannt. Auf Grund feinsinniger linguistischer Ueberlegungen konnte er feststellen, dass Eupolemos, ein trefflicher Kenner der hebräischen Litteratur und des griechischen Schrifttums, mit jenem Gesandten identisch ist, den Juda, der Makkabäer, an die Römer gesandt hat. Es muss ein guter jüdischer Patriot gewesen sein, zugleich aber auch ein im Geiste seiner Zeit feingebildeter (d. h. hellenistischer) Mann, den ein Makkabäer mit dieser historisch nunmehr erwiesenen wichtigen politischen Mission betraut hat. „Dass aber im zweiten Jahrhundert ein palästinischer Hellenist Gegensätze wie die geschilderten in sich vereinigen konnte, dass es Hellenisten gab, deren willkürliche Behandlung der Bibelwörter gleichkam ihrer Liebe für ihr Volk und dessen Geschichte, dass ein und derselbe Mann eine Vertrauensperson Judas des Makkabäers und Verfasser der hier besprochenen Schrift sein konnte, das sind Thatsachen, die für Geschichte und Litteratur des jüdischen Hellenismus von Wichtigkeit sind. Dass es Männer gegeben haben muss, die trotz ihrer Kenntnis griechischer Litteratur und ihrer Vorliebe für hellenistische Studien mit unverbrüchlicher Treue ihrer Nation und ihrer Religion anhingen, ist aus vielen Anzeichen ersichtlich." Ich muss es mir versagen, die philologischen Gründe hier näher auszuführen. Nur das Schlussergebnis Freudenthal's sei hier wiedergegeben: „Es muss in Palästina eine politische Partei national und religiös gesinnter Hellenisten gegeben haben. Denn die Litteratur ist nur das idealisierte Spiegelbild der Wirklichkeit, und es kann keine litterarischen Erscheinungen geben, 'denen nicht eine richtunggebende Strömung im Volksleben selbst entspräche. Und dass dies hier der Fall ist, dass es in Palästina Männer genug gab, die Hellenisten wie Eupolemos, doch der Patriotenpartei mit Ueberzeugung angehörten, beweisen die zahlreichen Gesandtschaften, welche im Dienste der nationalen Sache an griechisch sprechende Fürsten und Völker gingen, und welche Mittelpersonen voraussetzen,

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