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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 913 - 914

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Ein Kampf um Hellas
Date
1901-12-01
Page
Seite 913 - 914 (sequence 1)
Language
German
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913 914 EIN KAMPF UM HELLAS. Zur Makkabäerfeier. Von Dr. med. Theodor Zlocisti, Berlin. Wir haben uns daran gewöhnt in jenen historischen Geschehnissen, weiche die Grundlage des Makkabäerfestes schufen, das Aufeinanderprallen des Hellenismus und Judentums zu sehen, den Entscheidungskampfdieser beiden Kulturgiganten um die Hegemonie. Allein diese ohne' Prüfung hingenommene und gedankenlos weitergegebene Ansicht ist eine böse Angewohnheit, die um so verhängnisvoller wird, als daraus bei der Analogie unseres heutigen Verzweiflungskampfes um die Erhaltung, Sicherung und Fortentwickelung unseres Volkstums mit den Makkabäerkämpfen, falsche Schlüsse extrahiert werden. Gerade wegen der volkserziehlichen Bedeutung, die doch die Geschichte der Hasmonäersöhne durch ihr begeisterndes Beispiel für uns Epigonen hat, müsste uns die Klärung der damals aneinanderprallenden Prinzipien von Wert sein. Es giebt nichts Neues unter der Sonne; und doch wiederholt sich nichts. Aber die Geschichte bleibt die Lehrmeisterin der Völker . . Es ist ein eigen Ding damit, Kulturinhalte eines Volkes auf eine Formel zu bringen, einmal weil der Begriff der Kultur überhaupt kein festgelegter ist. Seine Grenzen nach der Seite der Unkultur und der Ueberkultur sind fluktuierend. Dann aber, weil die Volkskultur nichts Stabiles ist. Sie wird variiert in den Jahrhunderten. Allein beharren wir bei der alten Auffassung, in der Kultur eines Volkes die Summe der . geistigen Leistungen, das Produkt aus der Einwirkung von ureignen und amalgamierten Ideen und Idealen auf die urwüchsigen Nationalanlagen zu sehen — wie stellt sich uns in der Blütezeit beider Völker, der Griechen und Juden, ihr Wesensinhalt dar? Mit den Worten von Ernst Curtius, des modernen Hellenen, wollen wir seine enthusiastische Darstellung des Griechentums wiedergeben. „Edle Körperbildung galt für den natürlichen Ausdruck eines gesunden und wohlgebildeten Geistes, und nichts schien den Griechen wunderlicher, als dass in so unedlen Formen, wie sie der Schädel des Sokrates zeigte, ein zum Göttlichen aufstrebender Geist wohnen sollte. Wie bei anderen Völkern Schönheit, so war bei den Griechen Unschönheit das Auffallende — die Ausnahme von der Regel. Darum hat sich auch nie ein Volk der Erde bestimmter und entschiedener von allen Völkern abgesondert und sich ihnen so stolz gegenübergestellt wie die Hellenen. Das Körperliche war nur ein Ausdruck des Geistigen; denn die angeborene Liebe zur Freiheit und Selbständigkeit, das lebendige Gefühl der Menschenwürde spiegelte sich in der geraden Haltung, welche den Hellenen vom Barbaren auszeichnete, und den einen zum Herrschen, den anderen zum Dienen zu bestimmen schien. . ... Mit der Freiheitsliebe hängt der ideale Zug zusammen, der durch das Wesen der Hellenen geht und sich in der Liebe zur Kunst bezeugt, die unermüdliche Wissbegierde, die Freude am geistigen Schaffen, an der Uebung aller geistigen und körperlichen Kräfte, die allgemeine Regsamkeit und die Arbeitsfreude, welche schon bei den im Norden wohnenden Völkern überraschte, wenn man von Asien herüberkam." Fassen wir den Volkscharakter in knappen Worten zusammen: die Griechen sind in klassischer Zeit das Volk der Schönheit, das Volk des genussfreudigen Idealismus. Ernster und strenger ist das Bild des Judenheit. Ein Volk von Geknechteten ziehen sie in jahrzehntelanger Wanderung durch die Wüste. Elend haben sie verlassen, Not und Entbehrung finden sie hier. Der Leidende schliesst sich an den Leidenden; der Gepeinigte sehnt sich nach dem Genossen. Die in Elend und in hartem Kampfe zum Volke Zusammengeschweissten werden die Schöpfer der Sozialgedanken. Der Knecht und die Magd im Hause, der Fremdling an den Thoren: sie sind nicht Sklaven, sie gemessen die Freiheit ihres Herrn. „Gedenke, dass Du einst Knecht warst im Lande Aegypten." Dem Schönheitsideal der Griechen steht der gesunde Wirklichkeitssinn der Juden gegenüber; der Freude an der Kunst die Freude an der Arbeit. Nur wer rüstig schafft, konnte den Gedanken der Sabbathheiligung ausdenken, den Gedanken der Allruhe. Der Grieche sah in der Arbeit etwas Knechtisches. . . Ist der Grieche der genussfreudige Idealist, so ist der Jude der schaffensfrohe Realist. Gemeinsam ist beiden, dass sie Innenkultur treiben, dass sie sich absondern von den übrigen Nationen. Kulturproselyten macht nur die verstaubte, verknöcherte Volkskultur, die sich nicht mehr allein entwickeln kann, oder wer eine neue Kultur mit neuen Ausblicken hastig in sich hineingestürzt hat. Die christliche Mission hat keine besseren Arbeiter als getaufte Juden. Und so sehen wir es auch, dass nicht die Griechen, sondern der Makedonier Alexander dem Orient mit der Spitze des Schwertes den Hellenismus einimpfen wollte. Der Spross jenes Hauses, gegen den Demosthenes einst seine flammenden Worte gedonnert, gegen dessen wilde, barbarische Scharen er die Griechen zum Schutze ihrer nationalen Güter anspornte. — Vergebens. Griechenland büsst auf dem Schlachtfeld von Chäronea seine Freiheit ein. Allein — wie Curtius sagt — „der Eintritt Griechenlands in die makedonische Herrschaft war nicht der Uebergang in eine neue Zeit, welche das Abgestorbene beseitigte und frische Keime der Entwicklung hervorrief, sondern nur Rückgang und Untergang. Der religiöse Glaube hatte längst seine Kraft verloren; der philosophische Gedanke konnte nur einzelne zu einer höheren Auffassung der menschlichen Aufgaben führen. Was sich an hochherziger Gesinnung in den letzten Zeiten gezeigt hatte, wurzelte im staatlichen Bewusstsein. Sowie also dieser Boden dem Volke entzogen, sein Vaterland vernichtet und sein Gemeinleben verkümmert wurde, mussten auch die Tugenden verfallen, welche noch aus der alten Zeit übrig waren. Darum hat die makedonische Herrschaft nur entsittlichend auf die Griechen gewirkt. Aeusserliches Wohlleben und kleinbürgerliche Behaglichkeit waren es, was die Menge sich zu schaffen suchte. Alle höheren Impulse gingen mehr und mehr aus". Hier finden wir bereits die ersten Ansätze jener sittlichen Volks erkrankung, deren Pesthauch die Makkabäer aus ihren Gauen hinauslüften wollten. Solange die Makedonier noch genug ursprüngliche Kraft besassen, um sich die anstürmende griechische Bildung so weit vom Leibe zu halten, dass sie * # *

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