Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Das Heine-Denkmal
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 909 - 910 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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909 Max Nordau: Das Heine-Denkmal. 910 Ruisdael. Judenfriedhof. schlimmer für seine Widersacher, wenn sie diese Mundart mit einem von spezifischem Hasse eingegebenen Schmähworte bezeichnen. Die deutsche Dichtung hat sich für immer den Heine'schen Accent angeeignet. Lyrische Gedichte sind in der Regel kein Ausfuhrartikel. Gleich gewissen köstlichen Tropenfrüchten, die das Reisen nicht vertragen und deshalb an Ort und Stelle genossen werden müssen, wollen lyrische Gedichte in der Ursprache empfunden und gewürdigt werden. Die Uebersetzung nimmt ihnen ungefähr alles, was ihren Reiz ausmacht: den duftigen Flaum, den besonderen Wohlgeschmack, den feinen Erdgeruch. Der fremde Leser hört die Obertöne nicht, die in der Seele des Einheimischen mitklingen, wenn er ein schönes Gedicht in seiner Muttersprache liest. Uebersetzte oder fremdsprachige Gedichte lösen in der Seele des Lesers die tausend Ideen- Assoziationen nicht aus, die im Geiste des Einheimischen bei jedem ahnungsschweren Worte aufblitzen und ihm ein echtkörniges Gedicht in der Muttersprache zu einem Stücke der eigenen Kindheit und Jugend, zu einem Stücke des eigenen Lebens machen. Heine verfällt diesem allgemeinen Gesetze nicht. Vielleicht Heine allein in der ganzen Weltdichtung. Er behauptet sich auch in der Uebersetzung. Sein Zauber wirkt auch auf den fremden Leser, wenn nicht volly wie auf den deutschen, doch mächtig genug, dass ihm eine dunkle Vorstellung von der Grösse des Dichters aufgeht, dass in ihm etwas wie eine leise Mignon-Sehnsucht nach dem unmittelbaren Verständnisse der Urfassung wie nach einem lernen Wunderlande erwacht. Männer, von denen niemand wird behaupten wollen, dass sie der Schönheit verschlossen waren, Barbey d'Aurevilly, Imbriani konnten angesichts des Allergrössten, des übersetzten Goethe, enttäuscht fragen: „Ist das alles?" Angesichts des übersetzten Heine hat noch niemand ausgerufen: „Was ist daran so Grosses?" Das hat zwei Gründe. Einmal hat Heine in allen gesitteten Ländern die stärksten lyrischen Talente derartig begeistert, dass sie es für eine würdige Aufgabe betrachteten, ihr bestes dichterisches Können in den Dienst der Ueber-