Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Das Heine-Denkmal
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 911 - 912 (sequence 3)
- Language
- German
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911 Max Nordau: Das Heine-Denkmal. 912 tragung des grossen deutschen Dichters zu stellen. So kommt es, dass es ungefähr in allen gebildeten Sprachen Heine-Uebersetzungen giebt, die sich wie vorzügliche Originale lesen und beinahe an die Schönheit des Urtextes heranreichen. Zweitens aber ist die Schönheit der Heine'schen Lyrik keine blosse Formschönheit. Sic ist in ihrem innersten Wesen begründet, in der Qualität und Quantität der Empfindung, die sich in den Versen veräusserlicht. Sie erobert sich unser Gemüt auch ohne die Regimentsmusik-Begleitung von Rhythmus und Reim. Sie wird überall verstanden, denn sie ist eine der Stimmen der Natur selbst, wie Quellrieseln, "Waldrauschen und Windbrausen. Und noch ein Anderes, Besonderes tritt hinzu, um Heine zu einem der ersten unter den Weltdichtern zu machen: seine Doppelnatur. Was der grösste Erzähler aller Zeiten, Cervantes, in zwei wunderbaren Vollmenschen gestaltet hat, das vereinigte Heine in sich allein. Er ist zugleich Don Quixote und Sancho Panza. Er synthetisiert in sich den schwärmerischen, visionären Idealismus und den grotesk-nüchternen Realismus. Verblüffendes, fast unheimliches Rätsel: Er geht in seinen Schmerzen und Wonnen restlos auf und steht doch so vollständig über ihnen, dass er über die Gesten seiner eigenen Leidenschaft lächeln kann, wie nur irgend ein Zuschauer, der nichts von ihr empfindet. Freilich lächelt er nicht immer, er lacht auch manchmal schrill aul. Nur in seinen gesegnetsten Stunden hat er mild überlegenes Mitleid mit der leidenden Kreatur in ihm, und dann erhebt er sich zu den Höhen des göttlichen Humors. Weit öfter übt er grausam marternde Selbstverspottung, und dann sinkt er in die Abgrundtiefe teuflischer Ironie. Doch, ob er gottähnlich oder teuflisch sei, in beiden Fällen spüren wir in ihm etwas von der Essenz der Ewigkeit. Und deshalb gleicht Heine nicht wie so viele, auch grosse Dichter, jenen Majestäten, denen die Landesverfassung verbietet, die Grenzen ihres Reiches zu überschreiten. Er bewahrt seine Königswürde auch in der Fremde. Er reist nicht incognito, sondern mit seinen Regalien. Wenn dies noch eines Beweises bedürfte, so würde ihn die heutige Enthüllungsfeier des Grabdenkmales erbringen, das dem deutschen Dichter ein Däne, der treffliche Bildhauer Hasselriis, geschaffen, das Deutsch - Oesterreicher, begeistert für Schönheit und Geistesfreiheit, gestiftet, das Franzosen mit vornehmer Gastlichkeit in ihre Hut übernommen haben, eine Welthuldigung für den Weltdichter. Meine Zuhörer! Wir stehen hier auf Menschheitshöhen. Dieses Dichtergrab ist ein Gipfel. In den Thälern wogen die Nebel, in den Tiefen lagert die Nacht, und aus der Finsternis hallt wüstes Getöse herauf. Hier oben ist es hell von den Strahlen der Sonne, die noch unter dem Horizonte liegt. Sie wird aufgehen, sie wird steigen, bis der grosse Mittag erreicht ist. Dann wird das Licht auch über den Niederungen glänzen. <H^^^ Qdacbt auf, ihr Schläfer in tiefer flacht! Wacht auf, ihr Schläfer in tiefer Nacht! Die Schritte der Jungen erdröhnen. Es wogt und braust wie Sturm und Schlacht: Das Volk der Juden ist erwacht Und ruft nach seinen Söhnen. Nicht länger hülle dich, Zion in Nacht! Und warfen die Feinde dich nieder, Und ward zu Trümmern die Königspracht Wir bauen dich auf mit starker Macht Und bauen schöner dich wieder. Es flammt der Tag. Vorbei die Nacht! Sie kommen, mein Volk, dich erretten! Ihr Arm ist kraftvoll, ihr Auge lacht, Mut ist die Waffe und Stolz ihre Tracht, Es bersten zersplittert die Ketten. Bundeslied der jüd.-akademischen Ferialverb. „Achivah" (TJng.-Hradisch). Wacht auf, ihr Schläfer in tiefer Nacht! Die Schritte der Jungen erdröhnen. Es wogt und braust wie Sturm und Schlacht: Das Volk der Juden ist erwacht Und ruft nach seinen Söhnen. Berthold Feiwel.