Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Das Heine-Denkmal
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 907 - 908 (sequence 1)
- Language
- German
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907 908 DAS HEINE-DENKMAL. Von Max Nordau. Rede, gehalten auf dem Montmartre-Friedhofe am 24. November 1901. Mit Genehmigung des Autors. (Nach der „Neuen Freien Presse", Wien.) „Wo wird einst des Wand ermüden letzte Ruhestätte sein? Unter Palmen in dem Süden? Unter Linden an dem Rhein?" Diese sehnsuchtsbange Frage, die der Künstler in den Marmor von Heine's Denkmal eingegraben hat, ist längst beantwortet. Nicht unter rauschenden Linden, nicht unter nickenden Palmen, unter den ernsten Kirchhofbäumen von Montmartre ruht der grosse Dichter, in dieser Pariser Erde, wo alle Keime üppiger spriessen, alle Gärungen heftiger einsetzen und stürmischer verlaufen. Heine hat aus freier Wahl die besten Jahre seines Lebens in Paris verbracht, weil die Luft der Heimat für sein starkes Atembedürfnis zu seiner Zeit nicht sauerstoffreich genug war. Er ist hier genügend heimisch geworden, um es nicht als Schicksalshärte zu empfinden, dass ein französischer Boden seine Gebeine aufnehmen werde, wir brauchen ihn deshalb nicht zu beklagen, dass er den ewigen Schlaf in einer Fremde schläft, die gegen ihn gütig und liebevoll gewesen ist, wie eine. Pflegemutter. Heine hat . sich in seinen Werken selbst ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Gleichwohl wollte die Bewunderung der Nachgeborenen, in erster Reihe der freisinnigen Deutsch-Oesterreicher, ihm auch noch dieses Marmordenkmal errichten, nicht so sehr um ihn zu ehren, als um sich selbst von einer drückenden Dankesschuld zu entlasten, und um ihre Gesinnungen vor aller Welt monumental zu bezeigen. Diese schöne Bewegung erweckte Widerstände von seltsamer Heftigkeit. Um den Dichter tobte ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode der Kampf grimmiger als zur Zeit, da er, ein Lebender, äusserst Lebender, mitten im heissesten Schlachtgewühl stand und gewaltige Streiche versetzte und erhielt. Ich kenne keine schmeichelhaftere Form des Fortlebens nach dem Tode. Heine könnte heute von sich sagen: „Ich werde begeifert und beschimpft, folglich bin ich." Increpor, vituperor, ergo sum. Sieben Städte rühmten sich einst, die Wiege Homer's gehegt zu haben. Sieben Städte können sich heute rühmen, Heine's Grabdenkmal nicht gewollt zu haben. So wird einst, in Jahrhunderten oder Jahrtausenden, die Legende des deutschen Dichters die parodistische Umkehrung der Legende des hellenischen Dichters scheinen, und man wird den Eindruck haben: Heine's Lebensgeschichte schliesst mit einem echt Heine'schen Witze. Doch wozu noch länger bei einem Zwischenfalle verweilen, der für den Wert wie für den Ruhm des Dichters gleich unerheblich ist. Heine hat in der Unsterblichkeit einen Platz, den ihm nichts und niemand mehr streitig machen kann. Man verweigere ihm nur immer eine Geviert-Elle Erde für einen Denkmalsockel! Er lagert sich breit hin im Denken eines jeden Gesittungsmenschen, und der Platz, den er da einnimmt, ist mit der schönste im Geistesleben. Man weise ihn nur immer aus der deutschen Gemeinschaft hinaus! Die Felsenufer des Rheins werden nie mehr aufhören, vom Sange der Loreley widerzutönen, und deutsche Jünglinge, deutsche Jungfrauen werden den Wonnen und Qualen ihrer ersten Liebe immer nur noch in den Worten Heine's Ausdruck verleihen. Man schimpfe ihn nur immer vaterlandslos! Heine hat für sein Vaterland Grosses, Ewiges gethan, was noch nachwirken wird, wenn die Werke von Fürsten, Heerführern, selbst Gelehrten, längst erstorben, zerfallen, vergessen sein werden. Was er dem deutschen Volke selbst geworden ist, darauf habe ich eben hingewiesen. Aber auch nach aussen sind seine Verdienste ausserordentlich. Er ist der lyrische Botschafter Deutschlands bei den fremden Völkern. Wenn heute unzählige Ausländer die deutsche Sprache als eine klassische anerkennen, deren Beherrschung ein Teil des humanistischen Wissens der Gebildeten ausmacht, so gebührt neben Goethe das Hauptverdienst daran Heine. Er ist einer von denen, die fortwährend ungezählte Millionen Geister auf dem ganzen Erdenrund mit Bewunderung und Ehrfurcht vor dem deutschen Schrifttum und mittelbar vor Deutschland selbst erfüllen. Er ist einer von denen, die das deutsche Wort geadelt haben. Es hilft seinen verbissenen Leugnern nichts, dass sie seinen Einfluss bekämpfen, ja sogar bestreiten wollen, dass er überhaupt einen solchen ausübt. Heine .hat der deutschen Lyrik seine Eigenart aufgeprägt. Sie wird seine Züge unverwischbar bewahren. Er hat die deutsche Lyrik seine Mundart sprechen gelehrt. Um so