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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 895 - 896

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Die Lage der Juden im heutigen Deutschland
Date
1901-12-01
Page
Seite 895 - 896 (sequence 5)
Language
German
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895 Prof. Dr. M. Philippson: Die Lage der Juden im heutigen Deutschland. 896 reifer Mensch aus äusserlichen Gründen ein Bekenntnis ablegt, das seiner innersten Ueberzeugung — dem Teuersten und Heiligsten, was der Mann besitzt — schnurstracks zuwider läuft? Viele ehrenhafte, obwohl indifferente Männer jüdischen Stammes sehen das auch heute ein. Sie bleiben innerhalb der angeborenen Gemeinschaft und entziehen dieser nur ihre Kinder, die damit ja noch keiner Unehrenhaftigkeit schuldig werden. Aber um so schlimmer ist das Verhalten solcher Eltern selbst. Das, was sie iür falsch, für vernunftwidrig, für unmöglich erkannt haben, halten sie für gut genug für ihre Kinder. Was sollen sie den Kindern antworten, wenn diese sie fragen: Wenn Ihr das Christentum für uns vorzieht, weshalb bleibt Ihr ihm fremd? So wird der Zwiespalt in die Familien getragen. Es ist Leichtsinn oder absichtliche Verblendung, wenn solche Eltern vorgeben: „Es ist ja ganz gleich, ob wir unsere Kinder als Juden oder Christen erziehen, sie werden ja doch „aufgeklärt" denken." Beachtet ihr denn nicht, dass sie in Deutschland dem christlichen Religions¬ und Konfirmationsunterricht unterzogen werden? dass sie da lernen, das Bekenntnis ihrer Eltern zu verachten, sich ihrer Abstammung zu schämen? dass sie, wenn der Lehrer ein gläubiger, ehrlicher Christ ist, erfahren, dass ihre Eltern Verworfene, zu ewigen Höllenstrafen verdammt sind? Wie viele solcher getaufter Judenkinder sind nicht später die unduldsamsten, zelotischsten, bigottesten Mitglieder ihrer neuen Gemeinschaft geworden! Und wenn das Gegenteil eintritt, wenn die Kinder zur Einsicht kommen und erkennen, dass ihre Eltern sie einem Irrtume in die Arme geworfen haben, dann bedeutet das für sie eine schwere Schädigung nicht nur an der Achtung vor den Eltern, sondern auch an dem eigenen Charakter und der eigenen Ehrenhaftigkeit. Nur derjenige Jude kann die Taufe seiner Kinder vornehmen lassen, der die Hauptaufgabe der Eltern nicht in der Erziehung der Kinder zu edlen, sittlichen, harmonisch gebildeten Menschen sieht, sondern darin, ihnen die Wege des Lebens möglichst zu ebnen, sei es auch auf Kosten ihres Charakters und ihrer Tüchtigkeit. Eine klägliche Affenliebe, wie sie sich leider nur allzu häufig bei jüdischen Eltern findet. Es sei denn, dass der Beweggrund ein noch viel schlimmerer, rein egoistischer ist: der Wunsch, sich bei den christlichen Freunden, Geschäftsverbindungen,Kollegen einzuschmeicheln, ihnen durch das Kindesopfer die Vergebung für die eigene Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft abzubetteln. Alle diese Uebelstände sind durch die nunmehr ein volles Vierteljahrhundert andauernde antisemitische Bewegung gesteigert worden — eine Bewegung, die jetzt zumeist ihren akuten Charakter verloren hat, aber nur deshalb, weil sie erreicht -hat, was sie zumeist anstrebte: die Ausstossung der Juden aus dem sozialen Leben des deutschen Volkes. Es wäre thöricht, dem Antisemitismus, der schon lange währt, so Bedeutendes erlangt und sich über den grössten Teil Europas verbreitet hat, jede thatsächliche Begründung abzusprechen; ohne solche wäre er längst wirkungslos verschwunden. Nein, gewisse Anhaltspunkte besitzt er. Zunächt etwas Aeusserliches. Wir Juden sind ein Stamm des Südens, und deshalb schneller, beweglicher, leidenschaftlicher als die phlegmatischen Völker des Nordens. An sich ist das nichts Schlimmes, wie wir denn den Italienern und Südfranzosen im Aeussern und im Benehmen ganz genau gleichen. Allein in den Ländern des Nordens fällt dieser Rassenunterschied unangenehm auf und verbreitet Missstimmung gegen uns. Und dann etwas Wesentlicheres. Die jahrtausendlange Knechtschaft ist nicht ohne üble Nachwirkung für uns geblieben; man kann nicht jemanden immer und immer wieder als ehrlosen Paria behandeln, ohne dass schliesslich sein Ehrgefühl darunter leidet. Freilich ist es zu bewundern und höchlichst zu pi eisen, dass die fluchwürdige Sklaverei, in der man uns so lange gehalten, dennoch so zahlreiche treffliche und zukunftsreiche Eigenschaften dem jüdischen Stamme belassen hat; allein, es ist nicht zu leugnen, dass in vielen unserer Brüder, zumal unter denjenigen des Ostens, die noch heute, unter den Fusstritten der Unduldsamkeit schier erliegen, das persönliche Ehrgefühl abgeschwächt ist. Einsicht und Gerechtigkeit würden erfordern, dass man diesen Schaden nicht durch neue Misshandlungen verstärkte, sondern durch das einzig aussichtsvolle Mittel heilte: durch Gewährung voller Freiheit, voller Gleichheit, freundlich ermunternder Behandlung. Einsicht und Gerechtigkeit würden verlangen, auch die mannigfachen Vorzüge des Judentums anzuerkennen. Aber der Antisemitismus, selbst wo er aufrichtig und selbstlos ist, wie bei den von ihm verblendeten Massen, übersieht das alles in blinder Gehässigkeit. Seine Führer aber werden zumeist vom Geschäftssinn, dem Wunsche schnellen und leichten Verdienstes und der Verachtung jüdischen Wettbewerbes geleitet oder von dem Ehrgeiz, durch Berufung an die schlimmsten Instinkte der Menge sich Macht, Ansehen und Namen zu verschaffen. Die Folgen des Antisemitismus waren selbstverständlich zunächst für die Juden, gegen die er sich richtet, unheilvoll. Sie fanden sich von der Gemeinschaft des deutschen Volkes, der sie doch nach Sprache, Bildung, Gesittung angehörten, thatsächlich ausgeschlossen. Sie begegneten Abneigung und Feindschaft da, wohin sie naturgemäss neigten. Sie mussten innerlich verarmen, da der befruchtende Strom des nationalen Lebens von ihnen abgedämmt wurde. Sie sahen sich von den staatlichen Aemtern, zu denen Vorbildung, Befähigung und innerer Beruf sie bestimmten, sowie häufig genug von den öffentlichen Vertrauensstellungen und Ehrenämtern fern gehalten. In manchen kleineren Orten wird ihnen die Existenz

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