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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 893 - 894

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Die Lage der Juden im heutigen Deutschland
Date
1901-12-01
Page
Seite 893 - 894 (sequence 4)
Language
German
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«93 Prof. Dr. M. Pbilippsöh: Die Lage der Juden im heutigen Deutschland. 894 öffentlichen wie des individuellen Denkens und Strebens. Darunter leidet selbstverständlich vor allem die Religiosität. Ist dies eine allgemeine Erscheinung, so tritt sie besonders bei den Juden hervor, infolge des kritischen Geistes, des scharfen Verstandes, der Abneigung gegen jede Unterwerfung unter eine Autorität, die diesem Stamme eigen sind. Der Jude wahrt gern seine persönliche Selbständigkeit und liebt es nicht, sich von aussen kommenden Lehren und Geboten zu unterwerfen. Man begreift, in wie hohem Grade eine solche Denkweise die Irreligiosität fördern muss, wenn sie ohnehin in der Luft liegt. Dazu kommt ein falsch verstandener Patriotismus. Man sagt: wir wollen vor allem Deutsche sein; die Religion der Ungeheuern Mehrheit der Deutschen ist die christliche; also müssen wir das Judentum von uns abstreifen. Allerdings, ein sehr irriger Schluss! Sind die streng gläubigen Katholiken in ihrem Denken und Empfinden nicht unendlich verschiedener von den liberalen Protestanten, als ein liberaler Jude? und gilt nicht dennoch der streng gläubige Katholik als ebenso guter und voll berechtigter Deutscher, wie der liberale Protestant? Weshalb in aller Welt soll also das Judentum unverträglicher mit dem Deutschtum sein, als Katholizismus oder Protestantismus? Noch dazu, da der Jude nicht, wie der Katholik, das Oberhaupt seiner Religionsgemeinschaft in einem nichtdeutschen Lande und Volke hat. Wahrlich, die Tausende jüdischer Jünglinge und Männer, die seit 1813 begeistert in die Kriege für des Vaterlandes Freiheit und Grösse zogen, die Hunderte von ihnen, die dafür ihr Blut vergossen, die zahlreichen jüdischen Schriftsteller, Dichter und Politiker Deutschlands — sie alle hab.en bewiesen, dass man ein guter Jude sein kann und zugleich ein guter Deutscher! Ein weiterer Grund für den Indifferentismus ist die Geringschätzung, mit der der Jude seine Religion behandelt sieht. Von Kindheit an muss er hören, dass der Name „Jude" als ein Schimpfwort gilt; er muss sich von seinen Lehrern sagen lassen, er liest in Hunderten von Büchern, selbst hervorragender Gelehrter und Schriftsteller, dass das Judentum veraltet und abgethan ist durch seine angeblich edlere und vollkommenere Tochter, die christliche Religion; er wird vom Staate, von seinen Mitbürgern wegen seines Judentums zurückgesetzt und benachteiligt. Dagegen weiss er meistens wenig oder nichts von dem wahren Inhalte und von der rührend grossartigen Geschichte seiner Religion. Ist es da ein Wunder, wenn er selber lernt, das Judentum zu verachten, es nur als eine Fessel, als ein Unglück für sich und die Seinen anzusehen? Um so mehr, als er wahrnehmen muss, dass die Juden sich ducken und beugen, dass sie nicht das Selbstgefühl und den Mut freier und kühner Abwehr besitzen, dass sie aus Angst vor Missdeutung nicht wagen, sich zum Kample mit geöffnetem Visier zu organisieren, sondern nur ängstlich nach andersgläubigen Beschützern rufen! Durch Eitelkeit, Seibstsucht,Strebertum angeregt, schreitet der Indifferentismus zur lauten Verleugnung des Judentums, zur Taufe. Man ist häufig geneigt, sich über den um sich greifenden Abfall zu trösten, indem man sagt, es seien nur laule, kranke Zweige, die von dem uralten Baume abbröckeln. — Allein das ist leider unrichtig; vielmehr verlassen uns zahlreiche geistig und materiell potente, sogar sonst sittlich hochstehende Elemente. Nichtsdestoweniger ist der Glaubenswechsel, wenn er nicht aus wahrer, tiefer Ueberzeugung hervorgeht, eine schwere sittliche Verirrung. Er umfasst eine Verleugnung der eigenen Abstammung, der Vorfahren und der Eltern, diejman noch im Grabe verschmäht und lästert. Er bedeutet eine traurige Feigheit, eine klägliche Desertion, indem man di e kleine und bedrängte Schaar der Seinen verlässt, um in der ungeheuren Menge der Gegner Sicherheit und Vorteil zu finden. Er macht den Uebertretenden zum Genossen des Unrechtes, indem er der Unduldsamkeit huldigt, sich einem vernunftwidrigen Dogmatismus unterwirft, die Fahne der Gewissensfreiheit mit dem Banner der Unterdrückung vertauscht. Gerade deshalb haben grosse christliche Gelehrte und Denker, wie Alexander v.Humboldt, wie Berner, wieBarthelmey St. Hilaire, die Apostasie der Juden als ein schweres Uebel und Unrecht bezeichnet. Dieser Glaubens Wechsel ist endlich eine ungeheuerliche Lüge und Heuchelei. Denn wie soll man es anders bezeichnen, wenn ein denkender und Prof. Dr. Martin Philippson (Berlin).

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