Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Die Lage der Juden im heutigen Deutschland
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 897 - 898 (sequence 6)
- Language
- German
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897 Prof. Dr. M. Philippson: Die Lage der Juden im heutigen Deutschland. 898 geradezu unmöglich gemacht. Das Schlimmste ist die Vergiftung ihres ganzen Lebens, die oft verzweiflungsvolle Bitterkeit, mit der sich ihr Herz erfüllt, das Misstrauen, das sie in die Gesinnung eines jeden Nichtjuden setzen, der Verzicht auf die nationalen Ideale, die nirgends stärker und freudiger gewesen waren, als bei den Juden. Aber auch die Allgemeinheit hat schwer unter dem Antisemitismus zu leiden. Eine Ungerechtigkeit, auch wenn sie aus Irrtum und Unkenntnis entsteht, rächt sich stets an dem, der sie begeht. Der Antisemitismus verbreitet und steigert die natürliche Neigung zur Ungerechtigkeit, die Verbitterung der verschiedenen Volksschichten wider einander, den Hass und die Bosheit; er führt zur Auflehnung gegen Gesetz und Obrigkeit. Die traurigen Beispiele, die dies erweisen, sind in aller Erinnerung und erhalten noch täglich Bereicherung durch neue Fälle. Was haben wir Juden vornehmlich zur Bekämpfung einer Richtung im Volke zu thun, die, indem sie dieses selbst schädigt, doch uns in weit höherem Masse verderblich ist? Wir haben vor allem jedes anstössige Thun zu vermeiden, uns streng innerhalb der Grenzen der Sitte und der Rechtlichkeit zu halten. Eine kleine, sich auch durch das Aeussere unterscheidende Minderheit muss nicht ebenso gut, sondern besser sein, als die grosse Mehrheit, da die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie gerichtet ist und sie nicht nach ihren normalen Mitgliedern beurteilt, von denen niemand spricht, sondern nach den ausnahmsweisen, die ihr sofort als Regel angerechnet werden. Deshalb müssen wir zweitens unerbittlich sein gegen alles Schlechte in unserer Mitte. Wir müssen ans von solchen Elementen laut und scharf lossagen und beweisen, dass wir mit ihnen nichts zu schaffen haben. Und wären sie noch so reich und mächtig und freigebig — wir dürfen uns nicht verblenden und verlocken lassen, sondern müssen sie grundsätzlich von uns absondern. Endlich müssen wir die Kenntnis des Judentums, seiner Lehre, seiner Geschichte, seiner Aufgaben nach Kräften verbreiten und es dadurch wieder in dem Herzen und dem Geiste seiner Bekenner festigen; nicht nur durch Litteraturvereine und jüdische Logen, sondern auch durch Verbreitung und Lesen guter Bücher, die die israelitische Religion und die jüdische Wissenschaft lehren. Viel Trübes haben wir über die Lage der Juden in Deutschland, und zumal in Norddeutschland, sagen müssen. Aber wir wollen auch das Tröstliche nicht verschweigen: die Lebenskraft unserer Gemeinschaft erweist sich von neuem, indem das jüdische Bewusstsein unter all den Angriffen nicht weiter zurückgedrängt oder gar erstickt wird, sondern, im Gegenteil, sich stärker regt und entfaltet, besonders innerhalb unserer Jugend. Sie fühlt zum grossen Teile wieder jüdisch und ist entschlossen zum Widerstande gegen Unrecht und Bedrückung. Auch die beträchtliche Verbreitung, die der Zionismus unter ihr gefunden hat — obschon wir den Zionismus für eine hochherzige Utopie halten —, ist ein erfreulicher Beweis, dass die jüdische Jugend, und besonders die höchstgebildete, sich in kräftiger Reaktion gegen die Herabwürdigung ihrer Glaubens- und Stammesgemeinschaft erhebt. Nein, der uralte Baum ist noch nicht abgestorben; und wenn auch viele schwache und sogar einige anscheinend starke Zweige von ihm abbrechen, er besitzt noch genügende Kraft, um neue Aeste zu treiben und aufzublühen in frischer Gesundheit. Er wird alle diejenigen überdauern, die ihn zu ersticken versuchen oder ihn schon tot sagen; wenn ihr Gedächtnis längst verweht ist, wie die dürren Blätter des Herbstes, wird sein Laub noch über fernen Geschlechtern grünen und glänzen. /-WjCV-^r^^V^J}V^f:V^iV^-,^V.V^fj,^ Von den Lichtem der JVlenorab* Von den Lichtern der JVUnorab Sickern ftiU hryftall'ne Cropfen, Ffeifee, goldgefaßte Cbränen,' Die die ftummen flammen weinen. Und Tie fiefeern leite nieder, Und fte leuchten matt und matter, Sie erbleichen, fie erhalten, Sie erftarren--und fie fterben Hber jede tote Chräne mird zur febimmernd-'weifsen perle, Die ich mir behutfam lofe Von den Lichtern der JMenorah* Otto Abeles.