Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Die Lage der Juden im heutigen Deutschland
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 891 - 892 (sequence 3)
- Language
- German
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S<>} Prof. Dr. M. Philippson: Die Lage der Juden im heutigen Deutschland. 892 bedrohlichere geworden. Aus Ursachen, die wir hier nicht erörtern können, drängt sich die jüdische > Bevölkerung mehr und mehr in die grossen Städte zusammen. Dadurch werden die mittleren zu kleinen, die Meinen zu Zwerg-Gemeinden, die, trotz der bewundernswertesten Opfer — oft mehrere hundert Prozent der Staatssteuern! — nicht mehr im stände sind, Kultus und Religionsunterricht zu bestreiten; während in den Grossstädten sich Riesengemeinden bilden, die weit über den Rahmen einer wirksamen Gemeindeorganisation hinauswachsen. Freilich hat der Deutsch-israelitische Gemeindebund versucht, hier ausgleichend zu wirken, indem er mit den Mitteln der kräftigeren Gemeinden den allzu schwachen zu Hilfe kommt; allein eine freiwillige Organisation wird niemals im stände sein, auch nur entfernt dasjenige Maass der Wirksamkeit zu besitzen, das einer gesetzlichen Organisation von selbst zufällt. Dabei begegnen wir bei den leitenden preussischen Behörden einer konsequenten Abneigung, das Judentum als eine vom Staate überhaupt zu beachtende Religionsgemeinschaft zu betrachten: sie verweigern ihm jeden Zuschuss zu den Kultuskosten, sie verweigern seinen Religionsdienern die Beamtenqualität, sie verweigern seinem Religionsunterrichte die Aufnahme in die Schul- oder wenigstens in die Abitürientenzeugnisse. Es ist in den letzten Jahren hierin ein wenig besser geworden unter dem viel angefeindeten Kultusminister Bosse; aber das ist lediglich dem Wohlwollen und dem Gerechtigkeitssinne eines oder des anderen hohen Ministerialbeamten zu danken, und es kann jederzeit wieder eine Verschlimmerung eintreten. Selbst die gesetzliche und verfassungsmässige Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger ist thatsächlich zurückgenommen worden. Diese Thatsache ist allzu bekannt und durch neuerliche Vorgänge allzu sehr in den Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt worden, als dass wir hier in Einzelheiten einzugehen brauchten. Solche staatliche Zurücksetzung aber wirkt um so schädlicher, als sich die Erwerbsverhältnisse der deutschen Juden in den letzten Jahrzehnten offenbar verschlechtert haben. Die ganze ökonomische Richtung unserer Zeit drängt auf Ausschaltung des Zwischen- und zumal des Kleinhandels hin, der bisher der Masse der Juden einen bescheidenen, aber ausreichenden Lebensunterhalt gewährt hat. Der Antisemitismus behindert sie noch besonders in der Ausübung solcher Thätigkeit. Es ist leicht zu sagen, die Juden sollten dafür sich dem Handwerk und der Landwirtschaft widmen, als ob der Uebergang von einer seit mehr als einem Jahrtausend erblich aufgezwungenen Beschäftigungsweise, für die die Fähigkeiten eines Volksstammes sich eingerichtet haben, zu einer ganz anderen, dem Stammesgeiste fremden, sich von heute auf morgen bewerkstelligen Hesse; der äusseren Hindernisse gar nicht zu gedenken. Und doch bleibt nichts anderes übrig, als diesen Weg zu beschreiten. Nur müssten die leitenden und besitzenden Kreise der Judenheit dieser überaus wichtigen und schwierigen Kulturaufgabe ganz andere Aufmerksamkeit und thätigere Unterstützung widmen, als das bisher geschehen ist, und sich nicht mit wirkungslosen Reden und Exklamationen begnügen. Schlimmer noch als diese äusseren Schwierigkeiten und Nachteile ist die innere Zersetzung, der das deutsche Judentum verfallen ist. Wir meinen damit nicht die Spaltung in Orthodoxe und Liberale — die ist überhaupt natürlich und notwendig. Es wird stets und allerorten Menschen geben, die mehr dem Gefühle folgen, und die deshalb vor allem an den alten, lieb gewordenen Ueberlieferungen hängen, und andere, die den Vorrang dem Verstände einräumen, der nur nach dem logisch und praktisch zu Erhärtenden fragt und deshalb fortschrittlich gesinnt ist. Autoritativ denkende und organisierte Kirchengemeinschaften, wie die römisch- und die griechisch-katholische, werden solchen natürlichen Gegensatz unterdrücken; anders das Judentum, das seinem ganzen Wesen nach auf die freie Uebereinstimmung des Glaubens mit der Vernunft begründet ist, und das stets danach gerungen hat, die religiöse Ueberlieferung mit den Anforderungen des allgemeinen Zeitgeistes in Einklang zu bringen. Ein solcher Kampf ist auch gar nicht bedauerlich, denn er regt an, schafft Interesse, stärkt das innere religiöse Leben der Bekenner und seine Bethätigung nach aussen. Beide Parteien haben innerhalb der Iiis torisch notwendigen Entwicklung ihre volle Berechtigung — allerdings unter einer Bedingung: der der gegenseitigen Anerkennung und Duldung. Jeder, der sich zu dem einigeinzigen Gott bekennt, und der überzeugt ist, dass nur das Judentum den reinen Monotheismus und die aus diesem sich ergebende hohe Sittenlehre verkündet, ist ein Jude und muss als solcher angesehen werden. Nein, nicht in jenem Gegensatze, in jenem Leben bringenden Kampfe liegt die Gefahr, sondern in dem Indifferentismus, in der vollkommenen Gleichgültigkeit, ja Abneigung gegen das Judentum, die so ausgedehnte Kreise gerade unserer Intelligenz und unseres Wohlstandes ergriffen hat. Freilich die Gründe für diese bedauerliche Erscheinung sind unschwer zu finden. Unsere Zeit ist beherrscht von den wunderbaren Entdeckungen der Naturwissenschaft und den erstaunlichen Fortschritten der Technik, die aus ihr hervorgegangen sind. Naturwissenschaft und Technik beschäftigen sich aber nur mit der Materie, mit den sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen und Vorgängen. So wird das Interesse an idealen Dingen zurückgedrängt; und der immer schärfere und schwierigere Kampf um das materielle Dasein, sowie die immer raffinierteren und mannigfacheren Genüsse, die heutzutage der Reichtum verschafft, rücken die materiellen Fragen stets mehr in den Vordergrund des