Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Das Alte Testament
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 851 - 852 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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851 Lothar B rieger-Wasserrogel: Das Alte Testament. 852 lässt er sich sogar zu einem Gespräch mit dem alten Erbfolianten herab. „Na, was sagst Du zu meiner Verlobung, Alter?" fragt er vergnügt. Das Buch liegt schweigend da. Der Baron aber ist zu glücklich, als dass er es mit irgend jemandem verderben möchte. „Ich kann mir denken, dass es Dir nicht passt," fährt er gemütlich fort. „Du gehörst noch ins Altertum zu den sog. überzeugungstreuen Menschen. Wir Modernen sind längst anders geworden." „Glaubst Du wirklich, was Du da sprichst?" antwortet das Buch ernst. „Ei gewiss!" „Das wäre dann sehr traurig. Sieh' einmal an, ich bin so alt geworden und habe eine ganze Menge Menschen gesehen. Als Dein Urgrossvater Schmul Goldstein, der mit allerlei Dingen auf den Dörfern hausieren ging, mich gegen ein paar messingene Ohrringe gewann, war ich schon kein Jüngling mehr. Ich habe viele kennen gelernt, Juden und Christen. Sie haben beide harte Schädel und keiner will sich ducken. Oeffentlich leben sie dahin wie Brüder, und im Geheimen fügen sie sich Böses zu. Der eine würde den andern verkaufen für ein Gericht Linsen. Und alle, so geträumt haben von einer innigen Freundschaft zwischen Ariern und Semiten, waren Phantasten." „x\ber was soll mir das?" fällt der Baron unruhig ein. „Ich bin längst aus der Reihe der Juden ausgeschieden und ein überzeugter Christ geworden. Jeden Sonntag gehe ich in die Kirche. Der Konsistorialrat ist mein guter Freund. Ueberall nimmt man mich mit offenen Armen auf. Ich sehne mich keineswegs mehr nach der Zeit zurück, wo ich ein Jude war." „Wozu willst Du Dich selbst belügen?" fragt das Alte Testament. „Erinnerst Du Dich nicht mehr, dass auf dem Grabe Deines Vaters die verschlungenen Hände des Köllen abgebildet sind? Willst Du leugnen, dass Du heimlich nach dem Synagogenfriedhof schleichst und dort heisse Thränen vergiesst? Ich sehe Dir durch die äussere Hülle tief in die Seele, und dieser Anblick erfreut mich nicht." Der Baron wagt nicht zu antworten. Die Stimme des Buches wird mitfühlend und weich. Govaert Flinck. Der Uriasbrief.