Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Das Alte Testament
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 849 - 850 (sequence 1)
- Language
- German
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849 850 DAS ALTE 1 Eine Skizze von Lothar Beim Herrn Baron von Goldstein ist grosses Fest. Durch die von den elektrischen Lustres tageshell erleuchteten Räume des Schlosses wogt eine glänzende Menge. Geburts- und Geistesaristokratie geben sich ein Rendezvous bei dem liebenswürdigen Millionär. Hier tauchen die nackten Schultern einer Dame von höchstem Adel auf, dort erglänzen im Wiederscheine des Lichts die Sterne einer Offiziersuniform. Geräuschlos tragen die Diener Erfrischungen herum. Der Gastgeber eilt geschäftig umher, lächelnd und nickend, bald eine freundliche Begrüssung, bald einen Händedruck austauschend. Er ist ein Emporkömmling, hat seine jetzige Stellung nur durch schwere Arbeit langer Jahre erreicht und ist stolz darauf. Seit seiner Taufe ist er eine der Hauptstützen der konservativen Partei, welcher er durch seinen lebhaften Geist schon manche grossen Dienste . geleistet hat. Ans Heiraten hat er bis jetzt noch nicht gedacht. Zuerst hinderte ihn der Kampf ums Dasein daran, späterhin stürzte er sich in den Strudel der Politik, um sich auch äusserlich Ehre und Anerkennung zu verschaffen. So hat er denn wenig an das Weib gedacht, mit Ausnahme der üblichen Jugendliebe hat ihm bisher noch keine Frau mehr als eine konventionelle Liebenswürdigkeit abgenötigt. Jetzt aber denkt er ernstlich daran, die Früchte seiner Arbeit in der Gemütlichkeit eines eigenen Heims zu geniessen. Wer wird auch seine Bewerbung ausschlagen, die des geachteten und geehrten Finanzaristokraten? Dort nickt ihm die liebliche Tochter des Generals von Hohenheim zu. Er eilt zu ihren Diensten und ist beglückt, als sie ihm die kleine weisse Hand zum Kusse reicht. Allerlei Liebesträume durchgaukeln sein Gehirn. Und er hört nicht, wie hinter seinem Rücken ein Offizier zum andern sagt: „Was der Jud mit der kleinen Hohenheim hat." Der Kamerad zuckt verächtlich die Achseln: „Wahrscheinlich will er ihre alten Kleider kaufen." Und lachend gehen sie weiter. * * * Im Schlafzimmer des Herrii Baron hegt auf einem Seitentische verstaubt und versponnen ein Altes Testament. Jeden Abend vorm Schlafengehen wirft der Baron einen spöttischen Blick Brieger Wasservogel. darauf, gleichsam, als wolle er sich rühmen, darüber hinausgekommen zu sein. Er freut sich seines Rufes als Freidenker. Aber sein Spott verletzt die majestätische Ruhe des Buches genau so wenig, als das die überzahlreichen kritischen Untersuchungen während mehrerer Jahrtausende zu thun vermochten. Kalt und hoheitsvoll hegt der Foliant da. Kann mich der Hohn eines Zwerges verletzen, wenn ich in meinem Innern ein Heer von Riesen beherberge? Das Alte Testament träumt von Dingen, die um eine ewige Zeit rückwärts liegen. Da führt der gewaltige Moses das Volk Israel durchs Rote Meer, und Simson zerbricht krachend die Säulen des Philistertempels, dass er zusammenstürzend die Feinde unter sich begräbt. Jesaias hält seine donnernden Strafreden, und Jeremias sitzt mit zerwühltem Haupt- und Barthaar wehklagend auf den Mauern Jerusalems. Das waren grosse Zeiten, grosse Menschen! Kann man sich da wundern, wenn das Buch der kleinlichen Jetztzeit fast verächtlich gegenübersteht? Keine Brücke führt von dem Finanzhelden rückwärts zu dem auf güldenem Throne sitzenden Könige Salomo. Die neuen Menschen klettern am Inhalte der Bibel empor wie die Mücken am Eiffeltürme, und plumpsen schwerfällig zurück, nachdem sie die Grösse des Altertums mit blöden Augen angestaunt haben. Baron Goldstein bildet sich in Stunden des Selbstbewusstseins sogar etwas darauf ein, dass er kein „Reaktionär" ist, sondern ,,mit dem Strome schwimmt". Er hält seinen Glaubenswechsel für einen Fortschritt und wird vielleicht bei der nächsten Reichstagswahl für einen Antisemiten stimmen, um zu beweisen, dass er ein wahrer und überzeugter Christ ist. Der tiete Glaube der Väter hat sich bei ihm zum mild und sanft dahin fliessenden Wässerchen abgeflacht. Wenn er seinen Gefühlen in Monologen Ausdruck giebt, rauscht eine leise Verwunderung durch die Blätter des alten Buches. Dann erinnert es sich an den Urgrossvater des Herrn Barons, an den alten Hausierer, der nach mühseliger Tagesarbeit seine Abenderholung in den Büchern Mosis suchte und fand. Heute ist der Enkel besonders gut gelaunt. Er hat alle Ursache dazu, denn seine Bewerbung um das Fräulein von Hohenheim ist angenommen worden. Und in dieser glücklichen Stimmung