Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Das Alte Testament
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 853 - 854 (sequence 3)
- Language
- German
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853 Lothar Briegei-Wasservogel: Das Alte Testament. 854 „Ich weiss, dass Du nicht glücklich bist, mein Freund. Du hast Dich vom ererbten Alten losgerissen und gierig nach dem Neuen •gegriffen, als ob Du Dich seiner für ewig bemächtigen wolltest. Aber Dein Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Du hast vergessen, dass .nur im festen Anschluss an unser Volk das Heil des Einzelnen beruht. Nun hast Du Dich dem Judentum entfremdet, ohne dafür etwas anderes gewonnen zu haben. Das andere Lager hat Dich nur äusserlich aufgenommen, in Wahrheit bist Du für sie der Abkömmling einer fremden Rasse, den sein Abfall nur verächtlich macht. Du magst thun, was Du willst, ihnen wirst Du immer „der Jude" sein und bleiben. Auch der Rückweg ist Dir versperrt, wir nehmen keinen Verräter wieder auf. Nun suchst Du Dich durch eine Heirat gewaltsam zu retten. Umsonst! Von Deiner eigenen Gattin und ihrer Familie wird Dir das Wort „Jude" immer wieder wie eine Beschimpfung ins Gesicht geschleudert werden. Und Deine Kinder, denkst Du denn gar nicht an Deine Kinder?" Der Baron antwortete nur durch ein leises Stöhnen. Der alte Foliant aber fuhr mit erhobener Stimme fort: „Welch unglückselige Zwitter wirst Du erzeugen! Sie werden Blut in sich haben von Dir und Blut von ihrer Mutter. Wie Fremdlinge werden sie sein auf dieser Welt. Sie werden wissen, wem sie das zu verdanken haben, und es Dir selbst über das Grab hinaus nicht vergessen. Wo Du Liebe säen wirst, da musst Du Hass ernten." Das Buch schwieg. Der Diener Michael brachte die Nachtlampe. Er war erstaunt, seinen Herrn mit thränenden Augen über die Blätter des Alten Testamentes gebeugt zu finden. Er fand, dass Herr Baron von Goldstein an überflüssigen Sentimentalitäten leide, und konnte sich das nur dadurch erklären, dass er von Geburt ein Jude sei. ^^^^^z^^ir^t ^X^tbr^Jti^Sit v-^^s jw/-wi$v-*^rv-^*v-^^*/^!v-il^!rv^r HUmäcbtkj durch die Gerzen ruft ♦ ♦ ♦ ( Lied des jüdischen Turnvereins „Bar Kochba"-Berlin.) Mel.: Wohlauf, die Luft geht frisch und rein. Allmächtig durch die Herzen ruft Und klingt ein neues Werde!'* Hinaus in freie Gottesluft! Auch uns gehört die Erde! Die Erde hat nicht Gräber nur Und enge Mauergrüfte, Hinaus zu Berg und Strom und Flm In frische Wälderdüfte! Die Welt geht ihren strengen Gang, Was rastet, tritt sie nieder, Was selbst nicht drängt, zermalmt der Drang, Nur Kraft gewinnt sich Brüder. Drum stark den Arm und hoch das Haupt, Nicht hin und her gesonnen! Eh' uns die Welt das Letzte raubt, Die letzte Lust zerronnen» Die Welt schlägt ihren Pendelschlag, Ein jeder klingt: zum Schaffen! In jeder Brust ist lauter Tag, So lasst auch uns nicht schlafen. Wir schliefen, lang genug die Nacht Mit bleichen, hohlen Wangen; Genug geträumt, nun aufgewacht! Vergangen ist vergangen! (Aus dem Vereinsliederbuch. Die Welt ist frei und stark und schön, Auch wir sind ihre Glieder! Die Adler auf den Bergeshöh'n, Die seien uns're Brüder. Hinaus in freie*;Gottesluft! B> Allmächtig quillt ein „Werde" Aus Feld und Strom und Wälderduft. Auch uns gehört die Erde! Israel Auerbach. S. Fussnote S. 819).