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Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. Seite 805 - 806

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
Eine völkerpsychologische Betrachtun des Judentums
Date
1901-11-01
Page
Seite 805 - 806 (sequence 3)
Language
German
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805 Bernhard Münz: Eine völkerpsychologische Betrachtung des Judentums. 806 Verkleinerung der farbigen Einbanddecke zu „Ost und West" (nach einem Entwurf von E. M. Lilien). ethischen Sinne fasst das Judentum den Menschen als Mikrokosmos auf, als ein Wesen, welches die Welt, Gott und die sittliche Weltordnung in sich selbst im Kleinen abspiegelt. Aus dieser Anschauung ergiebt sich mit zwingender Notwendigkeit die Willensfreiheit des Menschen, ohne welche er nicht gottebenbildlich wäre. Diese Ebenbildlichkeit erheischt es, dass er nach höchster moralischer Vollkommenheit strebe, um sich immer mehr seinem Ideale, seinem göttlichen Vorbilde zu nähern. Er soll sich immer mehr von den endlichen und materiellen Dingen unabhängig machen, seine Sinnlichkeit beherrschen und sie zu edler Harmonie mit dem Geiste erziehen. Er soll sie durchaus nicht etwa abtöten und vernichten, sondern regulieren, das Reis der Sittlichkeit auf sie pfropfen, mit einem Worte sie idealisieren. Dieser Standpunkt ist für das Sittengesetz des Judentums einzig und allein entscheidend. Ueberall, wo die sinnliche Willensregung im Menschen auftritt und ihn in ihren Bann zu ziehen droht, tritt ihr der höhere sittliche Wille der göttlichen Vernunft reinigend und läuternd entgegen. Es wäre sicherlich nur zu begreiflich, wenn im Herzen eines Israeliten gegen einen Aegypter oder Edomiter keine freundliche Teilnahme sich regen würde; es wäre sogar erklärlich, wenn ein gehässiges Gefühl gegen die Angehörigen dieser Völker sich in ihm festsetzte. Doch die Heilige Schrift hält es für menschenunwürdig, sich zu rächen und Groll nachzutragen, und schärft darum den Bekennern des Judentums ein: „Du sollst den Edomiter nicht verabscheuen, denn er ist dein Bruder, und verabscheue nicht den Aegypter, denn du weiltest einst als Fremdling in seinem Lande." Dieses letztere „denn" sagt mehr als eine ganze Charakterschilderung. Die Heilige Schrift macht es ferner zur Pflicht, aller Abneigung zum Trotze auch dem Feinde Gutes zu thun und Böses mit Gutem zu vergelten. So zieht sie den Fall in Betracht, dass jemand das Nutztier seines Feindes auf dem Felde herumirrend antrifft. In diesem Falle, in welchem selbst ein stoischer Philosoph für einen Augenblick sich der Schadenfreude nicht erwehren könnte, keineswegs aber sich veranlasst fühlen würde, das Tier einzufangen und es seinem Besitzer zuzuführen, gebietet sie: „Du sollst es ihm zurückbringen." Das ist der hohe kategorische Imperativ des jüdischen Moralgesetzes und darin spiegelt sich die Wahrheit des von Schiller gethanen Ausspruches: „Der Mensch in seinem physischen Zustand erleidet bloss die Macht der Natur; er entledigt sich dieser Macht in dem ästhetischen Zustand und er beherrscht sie in dem moralischen." In dem allgemein menschlichen Charakter der jüdischen Ethik liegt der Schlüssel zu der in ihrer Schlichtheit und Klarheit so überaus ansprechenden . Theodicee des Judentums, welche von der theosophischen Spekulation des Apostels Paulus und dgs Kirchenvaters Augustinus, an die sich die kirchlichen Lehrbestimmungen zum grossen Teile mehr oder minder genau anschlössen, wohlthätig absticht. Sie betrachtet das Uebel in sinniger Weise als ein wesentliches Element der erhöhten Sittlichkeit, sofern aus ihm die duftige Blume der Liebe und des Wohlwollens hervorspriesst, sofern es die edelsten Formen des Daseins zeitigt, der werkthätigen ethischen Gesinnung Grund und Gelegenheit zu hervorragender Entfaltung bietet. Leiden und Liebe gehören zusammen; Liebe gilt vor allem dem Leidenden, das Leiden weckt und ruft die Liebe. Die Heilige Schrift hat im Deuteronomium die Thatsache, dass es in der menschlichen Gesellschaft an Hilfsbedürftigen

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