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Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. Seite 803 - 804

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
Eine völkerpsychologische Betrachtun des Judentums
Date
1901-11-01
Page
Seite 803 - 804 (sequence 2)
Language
German
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803 Bernhard Münz: Eine völkerpsychologische Betrachtung des Judentums. 804 schreitet die weltbewegenden historischen Epochen des Altertums, des Mittelalters, welches jedoch für ihn keine Zeit des geistigen und sittlichen Verfalles ist, und der neueren Zeiten. Um von den mythischen und patriarchalischen Zeiten zu schweigen, begegnen wir ihm bei den geschichtlichen Umwälzungen der grossen assyrischen, babylonischen und äeyptischen Reiche, sowie später in den Zeiten Alexander's, Casars' und des Titus; er nimmt ebenso an der philosophischen Bewegung der alexandrinischen Schule teil, wie an der Ausgestaltung römischer Recbtssysteme; er wirkt bei der Entstehung des Christentums mit, und einige Jahrhunderte später bei der des Islams; er ist bei den Kreuzzügen, bei der religiösen Reform, bei der Renaissance und bei der französischen Revolution, bald als Besiegter, bald als Bundesgenosse beteiligt. Und während all dieser wechselvollen Zeiten hört er nicht auf zu arbeiten, zu kämpfen, zu denken, stets der Menschheit und dem Volke, unter dem er sich befindet, seinen Tribut an Gedanken, an Thaten, an Thränen und an Hoffnungen darbringend. Woher kommt es nun aber, dass er der bleibende Pol in der Flucht der sich drängenden Erscheinungen ist? Und woraus besteht jener Cement, welcher die Juden zu einem festen, einheitlichen Organismus zusammenkittet? S. M. Dubnow sagt einmal sehr treffend: „Die materiellen Bande einer Nation, Territorium und Staatswesen, haben sie schon längst eingebüsst. An ihre Stelle sind nun abstrakte Prinzipien getreten, Religion und Abstammung. Zweifellos sind diese beiden Faktoren von der grössten Bedeutung; aber sind sie es ausschliesslich, die das Nationalband in der Judenheit spinnen? Nein, denn würden wir dies zugeben, so müssten wir folgerecht auch anerkennen, dass die Lockerung der religiösen Prinzipien bei den freidenkenden Juden und die Verwischung der Rasseneigentümlichkeiten in den sogenannten civilisierten Schichten des jüdischen Volkes eine entsprechende Lockerung, ja sogar eine völlige Zerrüttung seiner nationalen Grundlagen nach sich ziehen müssten, während es thatsächlich nicht der Fall ist. Wir können vielmehr beobachten, dass gewöhnlich gerade die freisinnigen Juden, die „libres penseurs" und die in religiöser Beziehung Indifferenten es sind, die bei allen unseren nationalen Bewegungen im Vordertreffen stehen. Was ist es nun, das diese Juden so mächtig zu ihrem Volke hinzieht, dem anzugehören doch in den meisten Fällen eine Heldenthat, oft sogar ein Martyrium ist? Es muss also etwas geben, das allen Juden gemeinsam und so umfassend ist, dass es sie alle trotz der verschiedenartigsten Anschauungen und Bildungsgrade zu einem festen Ganzen vereinigt. Dieses Etwas besteht nun in der Gemeinsamkeit der historischen Schicksale aller von einander getrennten Teile der jüdischen Nation. Wir sind durch unsere ruhmvolle Vergangenheit innig verbunden, von einer mächtigen Kette geschichtlicher, von unseren Vorfahren empfangener gleichartiger Eindrücke umschlossen, die im Laufe der Jahrhunderte auf die jüdische Volksseele einstürmten und in ihr einen gewissen festen Niederschlag zurückliessen. Kurz gesagt, die gesamtjüdische Idee wurzelt hauptsächlich in dem geschichtlichen Bewusstsein." Die Geschichte der Juden ist eine vergeistigte Geschichte. Israel ist von Haus aus der Bannerträger des Menschheitsideals, welches, trotz aller scheinbaren Niederlagen stetig und kontinuierlich die Weltumgestaltet. Die Ideen, zu deren Verkünder es berufen ward, sind einfach, wie alles wahrhaft Grosse und Bleibende, und lassen sich auf die drei folgenden zurückführen: 1. Gott, 2. das Gesetz und 3. die Gesellschaft. Aus dem Antagonismus, in welchem Israel durch diese Ideen zu der übrigen Welt trat, und aus dem Kampfe, den es für sie zu bestehen hatte, lernt man seine ganze Geschichte von den* ältesten bis herab zu den neuesten Zeiten begreifen. Aus ihnen üiesst der Glanz, der es verklärt, und zugleich alles Unheil, das sich über seinem Haupte entlud; sie bilden seinen unsterblichen Ruhm und zugleich sein endloses Martyrium. Alle Völker des Altertums suchten ihre Gottheit in den verschiedenen Naturerscheinungen, welche in irgend einer Weise ihre Sinne oder ihre Phantasie lebhaft erregten, Gefühle der Wollust oder des Schmerzes in ihnen erzeugten, sie mit Hoffnung oder mit Furcht und Schrecken erfüllten. Mit dem rohesten Fetischismus beginnend, stiegen sie allmählich die Stufenleiter der sichtbaren Schöpfung hinan und beteten nach einander oder auch abwechselnd die Elemente, die Pflanzenwelt, die Tierwelt, die Sternenwelt und endlich den Menschen selbst an. Sie gingen von der Welt mit ihren vielfältigen und widersprechenden Erscheinungen aus und gelangten derhgemäss mit Notwendigkeit zu ebenso vielfältigen und widersprechenden Gottheiten, welche in ewigem Streite miteinander lagen. Das Judentum schlug den diametral entgegengesetzten Weg ein. Von dem Einzelnen, welches ja niemals das Allgemeine zu erklären vermöchte, abstrahierend, erhob es sich über die Teile zum Ganzen, es blieb nicht bei der äusseren Welt mit ihren Widersprüchen, noch bei dem Menschen mit seiner Selbstsucht, mit seinen Trieben und Leidenschaften stehen, sondern rang sich zu dem Monotheismus empor. Gott ist unveränderlich, absolut und unbedingt, einig-einzig und unendlich. Und wie er unendlich ist an Kraft und Wesenheit, so ist er auch unendlich an Güte, an Gerechtigkeit und an Heiligkeit. Die Gottesidee schuf eine unüberbrückbare Kluft zwischen Israel und den anderen Völkern, deren Gottheiten durchwegs der Welt der Erscheinungen und den im Universum wirksamen Einzelkräften entnommen waren. Der Gegensatz wurde jedoch noch schärfer und bestimmter, sobald man von den Ideen zu ihrer Darstellung und Verbildlichung im Ritus und im Leben herabstieg. Den mannigfaltigen, sonderbaren und oft ungeheuerlichen Gottheiten der alten Völker entsprachen ebenso mannigfache, sonderbare und ungeheuerliche Gebräuche. Das ganze religiöse Leben Aegyptens war eine Verherrlichung des Tierischen, seine Mythen von Isis, Osiris, T}^phon und Hathor sind eine Apotheose der Naturkräfte und der menschlichen Leidenschaften. Desgleichen sind die Götter der kanaanitischen und der assyrisch-babylonischen Völker Personifikationen der Wollust, der zeugenden und zerstörenden Kräfte, und ihr Kultus schamlose Unzucht, grausame Menschenopfer und Kinderverbrennungen. Gegen diese Erniedrigung der Menschennatur erhebt sich das Judentum mit seinem reinen Kultus, mit der Ausprägung seiner erhabenen Gottesidee im Gesetze wie ein lebendiger Protest und ruft den Satz in die Welt hinaus: „Heilig sollet ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott!" Die Begründung des jüdischen Sittengesetzes liegt also jenseits der Sphäre des Naturlebens. Damit aber empfängt schon das Naturleben des Menschen, seine Leiblichkeit die Weihe der Heiligkeit, und indem seinem irdisch-stofflichen Wesen der Göttesgeist eingehaucht ist, wird der Mensch zum Träger des Gottesgeistes gestempelt. In diesem

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