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Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. Seite 807 - 808

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
Eine völkerpsychologische Betrachtun des Judentums
Date
1901-11-01
Page
Seite 807 - 808 (sequence 4)
Language
German
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807 Bernhard Münz: Eine volkerpsychologische Betrachtung des Judentums. 808 niemals fehlen wird, mit der Vorschrift der Wohlthätigkeit in Verbindung gesetzt. Sie hat damit den fortwährenden Kampf der Liebe gegen das Leiden zur Pflicht gemacht. Aus dem Geiste dieser Moral heraus gestaltet das Judentum das menschliche Leben nach seinen Beziehungen als Einzelleben, als Leben in der Gattung, in der Familie, in der Gesellschaft, im Staate. Für alle diese Verhältnisse ist die Entstehung des Menschengeschlechtes, wie die Bibel sie darstellt, besonders bezeichnend. Es wurde nur ein einziges Menschenpaar geschaffen und nicht mehrere auf demselben Punkte oder auf verschiedenen Punkten der Erde, auf welchen Umstand der Talmud mit dem Bemerken hinweist, dass alle Menschen, ohne Unterschied des Glaubens und des Volkstums als Angehörige einer Familie sich betrachten und im Bewusstsein dieser Einheit des Menschengeschlechtes die Verträglichkeit, den Frieden, die Rechtsgleichheit und Brüderlichkeit unter sich pflegen sollen Und zum Danke dafür, dass der Talmud einen höheren und breiteren sittlichen Standpunkt einnimmt als der göttliche Plato, welcher mit seinen nach Kalokagathie lechzenden Konnationalen die Nichtgriechen chauvinistisch als Barbaren brandmarkte, gefällt man sich darin, ihn zu verlästern und zu beschimpfen. Unter den eigentümlichen Grundzügen, welche das Menschengeschlecht als solches kennzeichnen, ist keiner so tief gewurzelt, keiner so unwiderstehlich wie das Bedürfnis nach Einheit und Gleichheit. Was wir Kostbares für Zeit und Ewigkeit besitzen, vor allem die Freiheit, ist unmittelbar aus dieser Quelle geschöpft. Ja, die Behauptung ist gewiss nicht gewagt, dass sich der grosse Entwickelungsgang der menschlichen Kultur von ihrem Beginne bis zum heutigen Tage in seinen entscheidenden Wendepunkten immer der Schwungkraft und dem Flügelschlage der erwähnten Genien angepasst hat. Die ganze Weltgeschichte legt davon das unzweideutigste Zeugnis ab. Die Einheit ist der Odem, welcher sie belebt, die Macht, welche alle ihre Verwickelungen zur Lösung führt. Die Folgerung liegt demnach auf der Hand, dass das Gesetz der Einheit das höchste ist, welchem unser Geschlecht inmitten aller möglichen Schwankungen, Abweichungen, Erschütterungen und Umwälzungen mit stets zunehmendem Bewusstsein gehorcht. Die V erwirklichung der Einheit als des allumfassenden Prinzips durch Mittel, welche theoretisch und praktisch immer mehr und mehr den höchsten Anforderungen Genüge thun, ist demgemäss die Aufgabe, welcher es seine besten und edelsten Kräfte widmet. Unter den Völkern, welche im Laufe der Jahrhunderte das Ihrige zur Erreichung dieses erhabenen Zieles beigetragen haben, stehen die Israeliten in vorderster Reihe. Durch sie erhielt das grosse Prinzip der Einheit und Gleichheit zu allererst eine mächtige religiös - sittliche Grundlage, welche durch keine Spaltung oder Trennung je untergraben werden konnte. Trotz aller Zerstreuung war und blieb für jeden Israeliten, wo immer er sich auf der weiten Welt befinden mochte, der Tempel in Jerusalem das einzig wahre, über alles teure Heiligtum. Dorthin strömten dreimal im Jahre Wallfahrer von nah und fern zur Feier der grossen Jahresfeste zusammen. Die Tempelsteuer wurde aus allen Ländern gewissenhafter als später der Peterspfennig eingebracht. Auf der Insel Kos erbeutete einstmals nach der Angabe des Josephus Flavius (Antiq. lud. XIV. 12) der politische König Mithradates eine zu diesem Zwecke bestimmte Summe von 800 Talenten. Ohne Uebertreibung konnte daher Phüo (ad. Gai. p. 587) rühmend sagen: „Jerusalem ist nicht die Hauptstadt Judäas allein, sondern fast der ganzen Welt", oder (de mon. p. 821): „Es giebt nur einen Gott und deshalb auch nur einen Tempel". Als später dieser Mittelpunkt zerfiel, nachdem Jerusalem durch Titus zerstört, durch Hadrian in eine römische Müitärkolonie umgewandelt, durch Konstantin endlich zur heiligen Stadt der Christenheit erhoben worden war, vereinigten sich die Israeliten in dem felsenfesten Glauben an den Gott der Gnade und des Erbarmens, in der Hoffnung auf die zukünftige Einheit des. Menschengeschlechtes in der Gotteserkenntnis, welche Jesaias so idyllisch ausgemalt hat, in der Hingabe an die Bibel, welche das Buch der Bücher, das Buch der ganzen Welt, der Geistes- und Sittlichkeitsqueli der gesamten civilisierten Menschheit geworden ist, und in den von einem entschiedenen Altruismus getragenen, lediglich von der Rücksicht auf das Gemeinwohl eingegebenen Gebeten, welche durchwegs auf den Akkord gestimmt sind: „Herr, erhöre unsere Stimme, sei schonend, milde und barmherzig gegen uns". Sie fanden überdies ein neues Einigungsband in dem Verstand und Gemüt speisenden Talmud, welcher die genaueste Erläuterung des Gesetzes für alle möglichen Einzelheiten von Lehre, Leben und Glauben in sich fasst. Die rastlose Arbeit im Dienste der Verwirklichung jener messianischen Hoffnung, welche die reifste und reichste Frucht ihrer Kultur, die kostbarste Perle an der Krone ihrer Verdienste geworden ist, blieb der Rettungsanker für den im Schiffbruche der Zeiten zerschlagenen Nachen des Volkes Israel; sie hat das erstaunliche Wunder gewirkt, dass mitten unter den Völkern unerschütterlich ein altes Volk steht, aufgelöst und in alle Windrichtungen zerstreut und doch eine Einheit bildend, ein unzerstörbares Gebäude des grauen Altertums. Wie kleinlich und dürftig nehmen sich neben der in Israel waltenden und von innen heraus sprossenden Solidarität die von den militärischen Weltreichen dem Einheits- und Gleichheitsprinzipe geleisteten Dienste aus! In Asien erreichte das System der Weltherrschaft seine Mittagshöhe durch Persien, das seine Arme über drei Weltteile ausbreitete. Aber ebensowenig als Aegypten, Babylonien, Assyrien und Medien gelang es Persien, die innere Kraft mit der äusseren Macht ins Gleichgewicht zu bringen; es verstand meisterhaft die grosse Kunst des Siegens und des Eroberns, nicht die noch grössere des Regierens und Organisierens. Der Militärdespotismus suchte zu ausschliesslich sein höchstes Ziel in physischer und numerischer Ueberlegenheit und unterlag daher einem einzigen wohlgeführten Stosse. Unter den Flügeln Macedoniens wurden in noch grösserem Umfange und mit noch dauerhafteren Folgen Orient und Occident zu einem Ganzen verbunden, durch 'den belebenden Einüuss der griechischen Staatsprinzipien, der griechischen Kunst und Wissenschaft die Kluft zwischen den Nationen der damaligen Welt ausgefüllt. Von weit grösserer Bedeutung, als das gnechisch-macedonische Reich für den Orient gewesen war, wurde für den Occident das römische, in dem das System der Weltherrschaft sich zum höchsten Gipfel der Vollkommenheit, deren es fähig war, emporrang. Das römische Reich ruhte auf der Grundlage tief durchdachter Politik, daher sein Umfang, seine Kraftfülle und Dauer, welche ihresgleichen nicht haben; es gelang ihm unübertrefflich, die unterjochten Völker als Glieder eines fest ab-

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