Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- Die Unterwelt
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 773 - 774 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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773 Dr. Wilhelm Perlmann: Die Unterwelt. 774 fahr. Und mit ihr er selbst. Denn er lebte in ihr. Sie ersetzte ihm die Welt, die Ehre, alles. Während ich Braine über ibr freiwillig übernommenes Pflegeamt instruierte, - rüstete sich Jankel zum Gehen. Ueber das warme Wollkamisol, das ursprünglich rot war, durch das Tragen von Mehlsäcken jedoch einen hauchigen Ueberzug von.weissem Staube -erhalten hatte, warf er einen Rock von grauem Sacktuch, während er sich vorne einen grobleinen Schurz umband, der über die Knie bis an die hohen Wasserstiefel reichte. Die Farbe dieser Stiefel, deren untere Partien so unförmlich breit wie Elefantenfüsse waren, glich genau der Erde, auf der sie tagsüber zu stehen pflegten. Ihr Besitzer hatte es wahrscheinlich schon längst aufgegeben sie zu putzen. Den Kopf bedeckte eine kleine schwarze oder vielmehr weissgraue Mütze mit einem zerbrochenen Schirm. Die Toilette vervollständigte ein grober Strick, den sich Jankel um den Leib wickelte. Jankel zog nun eine Zwanzigkopekenmünze, sein ganzes Vermögen, aus der Hosentasche hervor, legte es vor der Braine auf den Tisch und entfernte sich aus dem Zimmer. „Habt einen guten Tag!" riefen ihm alle nach. Jankel begab sich zum Bahnhof. Vielleicht gelang es ihm noch einen Passagier zu finden, der sein Gepäck in die Stadt befördern wollte. Der Platz vor dem .Hauptportal war leer und er versuchte näher zu treten. „Was suchst Du jetzt hier?", schrie ihn ein Bahngepäckträger an. „Hast Du zu wenig noch, Jude? Willst Du mir noch meinen Verdienst vor der Nase wegstehlen?u „Schrei nicht so," bat Jankel dehmutig, „Du weisst doch, dass wir Juden kein Recht haben, Passagiere auf den Perron zu begleiten, und für ein paar Schritte ein Heidengeld zu verdienen wie Du." „Aha! Wie frech die Judenfratze ist — da sagt er selbst, dass er mich beneidet." Und er fiel über ihn her. Der Schutzmann stand daneben, lächelte vergnügt über diese Szene, rührte sich aber nicht von der Stelle. Jankel Hess sich vom rohen Gepäckträger ohne Widerstreben durchkneten und bemühte sich noch gutmütig zu erscheinen, indem er immerzu rief: „Aber Herr, Herr, warum bist Du heute so lustig?"* Wie ihm aber jetzt auf dem Herzen war, hätte er den Bauernschlingel lieber an die Kehle gepackt und ihn zu Boden geschleudert und Jankel hatte die Faust dazu, allein er wusste, dass eine derartige Regung des Selbstbewusstseins ihm das Recht, am Bahnhofe Passagiere zu erwarten, und einen Tag Gefängnishaft kosten konnte. Es blieb ihm also nur übrig seine Mütze aufzuheben, die ihm während des Kampfes vom Kopfe geglitten war und sich in einer zu bedenklichen Nähe von des Herrn Schutzmanns Füssen befand. Er bückte sich vorsichtig, konnte es aber nicht verhindern, dass des Schutzmanns Herrenbein sich von seinem Rücken mächtig angezogen fühlte. Der Schutzmann schien aber bald diese Voreiligkeit zu bereuen, denn es klang etwas wie Mitteid aus seiner Stimme, als er Jankel zurief: .„Armer Jankel, Du hast ja schon alle JPassagierzüge versäumt; gehe nach Hause und schlafe weiter." Jankel ging aber nicht nach Hause. Er lief mehr als er ging auf den Getreidemarkt, um sich nicht auch dort zu verspäten. Denn er musste ja heute so viel verdienen. Kaum hatte .er sich an die Wand einer Seltersbude neben dem Markte-gelehnt, als thatsächlich ein Mann auf ihn zutrat und ihm drei Säcke Roggenmehl nach der Schlossgasse zu tragen gab. Jankel machte sich erfreut auf den anderthalb Werst Jangen Weg und atmete tief auf, als er die fünfzehn Kopeken in der Hand hielt. Wenn Taube doch daran dächte, jetzt eines von den Kindern zu ihm zu schicken, er hätte dann das Geld nach Hause geben können, das gerade für die seiner Frau verordnete Portion Milch und Fleisch ausreichte. Allein konnte sie, die zwischen Tod und Leben hing, daran denken? Schwerer Gram lagerte ihm ums Herz. Bei wem hatte er sie zurückgelassen? Bei seiner Mutter? Die Hess sich von Basse's Kindern, die zudem auch krank waren, nicht abreissen. Braine war immerhin nur eine Fremde, und kann eine Fremde die Geduld haben, die die Pflege einer so zarten Person erheischte? Auf die Kinder vollends, die beiden Mädchen, durfte er sich nicht verlassen, denn sie waren ja zu jung. Und er — er konnte nicht nach Hause, er durfte noch nicht. In diese Gedanken versunken, bemerkte er nicht, wie er den Weg beinahe zurückgelegt hatte, als ihn nicht weit vom Getreidemarkte ein vornehmer Herr anredete, in dem Jankel sofort den Fremden erkannte. Er erkundigte sich nach der Adresse einer stadtbekannten Pianofortefabrik-, in der er ein Klavier kaufen wollte. Wie ein Blitz durchfuhr Jankel der Gedanke, ihm seine Dienste für den Transport des Klaviers anzubieten, doch hielt er sich nicht für geschickt genug, ein so grosses Anliegen, bei dem er — wenn Gott wollte — einen ganzen Rubel verdienen konnte, unvorbereitet vorzubringen. Er hielt es deshalb für geraten, vorläufig den Herrn zur Fabrik zu begleiten und ihn durch seine Dienstfertigkeit für sich einzunehmen. Der Herr war ein stolzer Mann und schien Jankel gar nicht zu bemerken, wie er in respektvoller Entfernung hinter ihm herging und sich bemühte, mit den schweren Stiefeln so leise als möglich auf dem Strassenpllaster anzuschlagen. Jankel wagte nicht, den Herrn zu stören, und sprach kein Wort. Als sie ans Ziel gelangt waren, hielt ihm der Fremde ein Geldstück hin, Jankel schüttelte aber den Kopf, von dem er schnell die Mütze riss. „Nein, nein, das nicht, erlauchter Herr! Aber geben Sie mir das Klavier ins Hotel zu tragen." Die letzten Worte stiess er schnell hervor, gewaltsam, als fürchtete er, sie könnten ihm sonst im Halse stecken bleiben. „Du selbst wolltest ein Klavier tragen können?*6 fragte der Fremde erstaunt. Jankel gab ihm, nun mutiger geworden, auf alle Fragen Bescheid. „So komm' mal hinauf!" antwortete der Herr, „doch halt! — nein, besann er sich bald eines besseren und fuhr im Selbstgespräch fort, „wenn der Fabrikant schon jetzt merkt, dass ich kaufen will — das lohnt mir nicht." Und dann zu Jankel: „Wo trifft man Dich, mein Lieber?" „Auf dem Getreidemarkte." „Zu jeder Zeit?" „Fragen Sie, erlauchter Herr, nach Jankel. dem Träger Jedes Kind kennt mich." „Erwarte mich auf Deinem Platze. Wenn wir hier handelseins geworden, komme ich selbst zu Dir, denn ich muss gerade dort vorbei. Vorläufig jedoch nimm dies Kleingeld!14 Jankel wehrte ab und bat nur: „Vergessen Sie mich nicht, erlauchter Herr!" Der Herr nickte sehr gnädig mit dem Kopfe, lächelte sogar und beruhigte Jankel. Als er ihm den Rücken kehrte, verbeugte sich der Trägernoch einmal