Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- Die Unterwelt
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 775 - 776 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583887-2584519--00946-2584599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
775 Dr. Wilhelm Perlmann: Die Unterwelt. 776 und trat nun mit grossen, iesten Schritten, unter denen das Pflaster wie . verwundet laut aufschrie, den Rückweg an. Angelangt :vnahm er seinen Platz an der Seltersbude wieder ein und wartete. Das Schindeldach, das um einen halben Arschin über die Wand, an der er lehnte, hinaussah, gewährte ihm hinreichenden Schutz vor der Sonne und erleichterte ihm das Stehen. .Obgleich, er,wusste, dass der Fremde , noch nicht kommen konnte, vermochte er doch nicht ' seine Augen von der Richtung abzureissen, die der Herr zu ihm nehmen musste. Er wandte sich von seinen Kameraden ab, um sich nicht durch ihre Unterhaltung ablenken zu lassen. Vom nahen Kirchturm schlug es eins. Jankel kniff die Augen zusammen und blickte in die Ferne. Sein Herz schlug stürmisch gegen die Brustwand, als wollte es diese aus Neugierde zerbrechen und Jankel helfen, nach dem reichen Fremden Ausschau zu halten. Dieser aber kam nicht. Jankel seufzte schwer auf. Ja, nichts kommt einem leicht an. Warten, warten — das ist das ganze Geheimnis des Lebens. Und so wartete er weiter. Wie verwirrt doch die Ungeduld meinen Kopf, dachte bald darauf Jankel, ich glaubte, die paar Stunden, die erbestimmt hat. müssten schon vergangen sein. Thatsächlich stehe ich noch keine ganze Stunde hier, und kann man denn in einer Stunde so ein Klavier kaufen? Auch die reichen Leute wollen kein Vermögen leicht zum Fenster hinauswerfen. Und er wurde ruhiger. Eine Stunde — die verläuft schnell. Nur tüchtig aufpassen! Denn nun kann er ja wirklich jeden Augenblick kommen, und wer weiss, ob er mir nicht in diesem Gedränge entwischt. Jankel schärfte seinen Blick und sein Ohr. Es war mittlerweile dreiviertel zwei geworden. Jankel rückte seine Mütze zurecht und brachte die Schürze inOrdnung. Er malte sich das Bild aus, wie er abends nach Hause kommen und seiner Taube einen Rubel aufs Bett legen werde. Den ganzen Silberrubel. Und das wird sie erst gesund machen. Ganz bestimmt! Denn er wusste doch am besten, wie nur die Sorgen seine Frau aufzehrten, keine erbliche Krankheit, wie der Doktor sagt. Wenn sie bloss keine Armut ererbt hätte! O, wie wäre sie dann schön und gesund. Da wurde er in seinen Gedanken unterbrochen: zwei Männer baten ihn, einen Schrank zum Güterbahnhof zu tragen. .Jetzt?" rief Jankel erschrocken. „Vielleicht hat es eine halbe Stunde Geduld?" ..Wir wollen es zum Güterzuge haben." Jankel rang mühsam nach Atem. „Schon? Sie sehen, ich bin so müde — warten Sie noch eine Viertelstunde, gnädige Kaufleute." -Die Uhr ist zwei, wir dürfen keine Zeit verlieren. Wie Du willst/' Und sie schickten sich zum Gehen an. Jankel sprang schnell auf, wickelte seinen Strick ab und rief ihnen nach: ..Ich gehe, ich gehe." Die Last, die unser Gassmensch jetzt zu tragen bekam, war ein altmodischer, breiter, sehr hoher Kleiderschrank, den seine Besitzer auf der Trödelabteilung des Getreidemarktes für eine junge Wirtschaft in einem kleinen Städtchen erworben hatten, und wog dreieinhalb Pud. Jankel wand das Tau um die Mitte des Schrankes, zog es nach unten und dann auf die andere Seite hinüber und fasste die Enden des Strickes über dem Rücken nach vorn zusammen. Er neigte sich tief zur Erde, und der Schrank lag ihm auf dem Rücken. Langsam bewegte er sich zur Bahn und alle, selbst die, die schon gewohnt waren, die Jüdischen;,Gassmenschen massive ^Gegenstände tragen zu sehenP blieben für einen Moment stehen und schauten ihm nach. Und in der That machte der kolossale Schrank, unter dem der Träger vollständig verschwand, wie er so langsam auf dem Fahrdamm sich hinschleppte, einen unheimlichen Eindruck; er erinnerte an die. römischen Mauerbrecher, die in ähnlicher Weise von * einem ganzen Soldatentrupp fortbewegt wurden. Allein diese machten Roma um Städte und Provinzen ' reicher, Jankel aber brachte seine Last nur — fünfundzwanzig Kopeken ein. Er feilschte aber nicht, er liebte nicht zu feilschen und hatte ja auch keine Zeit dazu. Denn er musste so schnell als möglich wieder auf seinem Platze an der Seltersbude sein. Welch ein Unglück, dass er gerade jetzt seinen Posten hatte verlassen müssen, aber durfte er eine sichere Einnahme für eine Hoffnung austauschen? Mit diesen fünfundzwanzig hatte ihm der heutige Tag nur . vierzig Kopeken eingetragen. Und es war bereits gegen vier. Er redete jetzt zum erstenmal heute den langen Josse!, einen durch seine Hünengestalt stadtbekannten Gassmenschen, an. „Hat vielleicht ein Herr in meiner Abwesenheit nach mir gefragt?" ..Was für ein Herr?" ..Ein feiner, vornehmer Herr." „Wann kommt e'n feiner, vornehmer Herr auf den Getreidemarkt? Und wenn er käme, wie sollte er nach Dir fragen? Du bist verdreht, Kleiner," höhnte ihn Jossei, und alle Gassmenschen lachten aus vollem Halse. Jankel zog sich schweigend auf seinen Posten zurück. Ein dumpfer Schmerz presste ihm die Brust zusammen. Die Hände waren ihm wie zerbrochen und anstatt der Füsse, schien ihm, habe er jetzt zwei schwere Klötze, die er nicht bewegen könne. Das Auge war zwar noch immer auf dieselbe Strasse gerichtet, wie heute morgen, allein es starrte ohne Teilnahme, müde in die Leere. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wind, der Staub wirbelte hoch auf, weit und breit hörte man das Anschlagen von Thürschildern und Läden, und gleich darauf platzte es vom Himmel in breitem Wasserstrahle herab, :— der erste Frühlingsregen in diesem Jahre. Alles stob auseinander. Im Nu war der Markt leer und auch die-Gassmenschen liefen davon. Nur Jankel stand unter dem Dache der Seltersbude, die Hände ineinander geschoben, mit aufgeschlagenem Rockkragen. Er verspürte zwar Hunger, denn er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, und wäre.gern, wie die anderen, nach Hause gegangen, allein es Hess ihn von diesem Orte noch nicht fort. Vielleicht doch, vielleicht doch noch — nach dem Regen! Es war ja noch weit bis zum Abend, obgleich die Sonne ebenso wie die Menschen, vor dem Regen und den vielen Wolken, die noch am Himmel standen, entflohen war. Trotz des Schutzes, den das Dach ihm gewährte, waren seine Kleider ganz durchnässt und lagen ihm so schwer auf dem Leibe, dass er sich wie zur Erde hinabgezogen fühlte. Er stützte sich fester an die Wand und schloss die Augen. . . . Niemand: störte seinen Schlaf. Nur wie aus weiter Ferne klang zu ihm das Rollen der daheim ziehenden Lastwagen hinüber, und ihm schien der Regen aufgehört zu haben. Hoch in der Luft hing die Sonnenkugel und warf ihre sengenden Strahlen zur Erde nieder. Jankel aber spannte sein gestern gekauftes Pferd zum ersten Male ein — vor einen säubern Lastwagen, und seine Kinder