Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- Die Unterwelt
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 771 - 772 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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771 Dr. Wilhelm Perlmami: Die Unterwelt. 772 wodurch allerdings die Vergiftung der Körper eine mehr gleichmässige, darum aber noch lange nicht weniger intensive wurde. Die Feuchtigkeit der ungestrichenen Wände that noch das ihre, um die schon ohnehin träge Luftströmung noch mehr zu erschweren. Ein unheimliches Gefühl bemächtigte sich meiner bei dem Gedanken, dass in dieser selbstgeschaffenen Hölle eine Schwindsüchtige als Wirtin waltete, und fast unwillkürlich entschlüpfte mir die Frage, ob Jankel vielleicht doch, nicht eine bessere Wohnung mieten könnte. „Dieser Keller," antwortete er kleinlaut, „kostet uns schon sechzig Rubel jährlich, aber selbst das kann ich kaum zurücklegen. Allein wir sind an dies Leben gewöhnt, — wenn uns Gott bloss Gesundheit schenkte," lugte er hinzu. „Wenn Sie Ihre Frau," begann ich zögernd, wenigstens auf ein paar Wochen in eine frischere Luft bringen könnten." „Schon?!" rief Jankel erschrocken aus. Ich schwieg. „Vater, vielleicht kann man die Mutter zum Vetter Aben führen?" flüsterte die ältere Tochter Jankel zu. „Ist es weit dahin?" „Eine Meile zu Pferde." Da der Kranken bei diesem Zustande jede Bewegung gefährlich werden konnte, musste ich Jankel und mich mit der Hoffnung vertrösten, dass seine Frau nach Unterdrückung der Blutung den Aufenthalt im Freien besser würde ausnutzen können. Bis dahin erbot sich Braine, die Bohnenverkäuferin, sie zu pflegen. Taube weigerte sich zwar, das Opfer von Brainen anzunehmen, doch diese beschwichtigte sie in der Weise, dass sie ihr das Recht einräumte, sich zu revanchieren. Sie werden mir ein andermal dafür helfen," tröstete sie und wandte sich dann zu mir, um sich nochmals meine Verordnung einschärfen zu lassen. Als ich mich endlich verabschieden wollte, trat Jankel's Mutter mit einem zweijährigen Knäblein, dem Sohne Basse's, schüchtern vor und fragte, warum das Kind so blass und mutlos sei; es wolle immerzu schlafen, und sei doch im vorigen Sommer so entwickelt gewesen. „In diesem Sommer wird es sich wieder erholen," antwortete ich. „Halten Sie es nur recht fleissig an der Sonne." Ich betrachtete das abgemagerte Geschöpf mit den weichen Knochen: es schien Moderduft von ihm auszugehen. Wie sollte solch ein Kind Mut haben oder gar frisch aussehen können? Hat man denn je an einem dunkeln Orte Pflanzen mit saftigem Grün wachsen sehen? Als ich die Treppe wieder hinaufstieg, war mir der Kopf wie von einem Reif umspannt, und mir wollten die Worte des redseligen Boruch nicht aus dem Sinne: „Für uns ist selbst das Grab ein Avancement, denn wir müssen noch zu ihm ein paar Stufen hinaufgetragen werden." * „Jankel, der Gassmensch". Jankel, den wir eben in seinen häuslichen Verhältnissen kennen gelernt haben, war ein ..Gassmensch", ein ..Gassiger". Als solcher brachte er den grössten Teil seines Lebens auf der Strasse, ,.in Gass:' zu, obgleich gerade er für das wirre Treiben des öffentlichen Lebens zu zart gebaut war und von Jugend auf eine Neigung zu ruhiger Beschäftigung hatte. Wenn er morgens auf die Arbeit ging, suchte er sich den stillsten Winkel zum Stehen aus, er mied die Marktplätze und drängte sich nie vor, wenn man nach einem Träger rief. Das Metier des Gassmenschen ist nämlich das Tragen von Lasten und Gepäcken. Aber gerade durch diese Bescheidenheit, durch die beinahe vornehme Ruhe zog sich Jankel bald das Vertrauen aller zu, und manche Hausfrau trug selbst ihre Einkäufe ein Stückchen Weges an allen schreienden Gassmenschen vorbei, um dann dem abseits vom Markte postierten Jankel die Bürde zu übergeben, denn sie wusste, dass er nicht wie seine Kameraden mit jeder Gabe unzufrieden sein werde. Er legte gewöhnlich sein Päckchen hin, wo man ihm befahl, nahm die fünf oder zehn Kopeken, die man ihm gab, verneigte sich immer gleich ehrfurchtsvoll und entfernte sich schweigend. Er verkehrte auch wenig mit seinen Berufsgenossen, weil ihn ihr gewöhnliches Wesen abstiess. Du musst nämlich wissen, Leser, dass Jankel von „Jichus"' (vornehmer Herkunft) war. Sein Vater war ein Lerner, konnte hebräisch und ernährte sich und seine Familie kümmerlich mit dem Schreiben von „Mesuses". Die Erziehung der Kinder hielt er für „Weibersache", und während er tagein tagaus über den Pergamentschnitzeln kauerte und die hebräischen Lettern zirkelte, wuchsen seine Kinder auf, ohne dass er sich die Mühe nahm, ihnen selbst von seinem jüdischen Wissen etwas mehr als das Notdürftigste beizubringen. Die Kinder aber verehrten den Vater wie einen Heiligen und konnten sich, als er ihnen durch den Tod entrissen wurde, aus Respekt vor seinem Namen zu keinem einfachen Handwerk entschliessen. Jankel wurde Laufbursche in einem kleinen Heringsladen, Berzik trug Gebäck aus. Als aber Jankel, wie jeder rechtschaffene Jude, heiraten wollte, musste er daran denken, sich selbständig zu machen. Taube hatte ihm ein paar hundert Rubel versprochen, und was wäre da natürlicher gewesen, als ebenfalls einen Heringsladen aufzumachen. Allein hier machte ihm das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Just zur selben Zeit, wo er in seiner Taube immer mehr Schätze zu entdecken begann und dadurch seine Liebe wuchs, machte er auch die andere, folgenschwerere Erfahrung, dass nämlich die dreihundert Rubel nur im Kopfe und auf der Zunge seiner Schwiegermutter existierten. Er versöhnte sich aber schnell mit seinem Schiksale und behielt nur gegen seine Schwiegermutter einen geheimen Groll zurück. Und er grollte ihr nicht so sehr wegen der Mitgift, als wegen der Schlauheit, mit der sie ihn langsam, für ihn selbst kaum merklich, aber konsequent von seinem hohen Streben in ihre schmutzige, niedrige Sphäre hinabzog und zu dem machte, was er jetzt war, zum Gassmenschen — vom Kaufmann zum Gassmenschen. Sie dachte freilich nicht, ihn dadurch zu erniedrigen, denn ihr Mann, der Gassinensch Benjamin, war immer ein ..feiner Mann", in ganz Wilna einer4, wie sie überzeugt war, und verdiente zum Leben genug. Das aber war nach ihrer Meinung die Hauptsache, und hast Du, Leser, schon je eine Schwiegermutter gesehen, die ihre Meinung nicht durchgesetzt hätte? Vielleicht irgendwo als Ausnahme. In Littauen jedoch, wo die Frau die Eischis Chajil und meistens sehr energisch ist, wo sie selbst Geschäfte führt und der Mann ihr nur zum Putz in der Wirtschaft dient, sonst aber für etwas Halbes, für einen „Bruch" oder gar für einen Narren gilt, — in Littauen, kann ich beteuern, ist selbst eine solche Ausnahme ein Unding. Doch diese Kämpfe lagen schon weit zurück und heute dachte Jankel am allerwenigsten daran. Heute hatte er nur einen Gedanken: seine Frau war in Ge-