Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- Die Unterwelt
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 769 - 770 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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769 Dr. Wilhelm Perlmann: Die Unterwelt. 770 treue Schilderung und verzeiht nichts weniger als eine Scjypälerung der ^^hrheit. Ich muss also;nachtragen, j dassA noch ein Holzbett in diesem Keller vorhanden war, und zwar an der Westwand, in dem die glückliche Basse allein schlief, wenn ihr Mann im Einfahrhaus übernachten musste. Neben dem Holzbett stand ein; viereckiger; ujagefärbter Tisch, unter den zwei gelbe Schemel geschoben waren. Wie ich eintrat, zog Jankel geschäftig einen Sessel hervor, breitete ein Handtuch aus grobem Sackleinen über ihn und lud mich zum Sitzen ein. ..Gott erhalte Sie, bester Herr Doktor," Hess sich eine schwache Stimme von der Nordwand her vernehmen, „dass Sie sich so früh zu uns bemüht haben/ „Sie sind also die Kranke?u wandte ich mich an die Sprecherin, in der ich Jankel's Frau, Taube, erkannte. Doch Jankel winkte ihr zu schweigen und erzählte mir, wie sie die ganze Nacht hindurch kein Auge zugemacht und aus einer Ohnmacht in die andere gefallen sei. Sie hätten sich aber daraus nichts gemacht, bis gegen Morgen etwas ganz Besonderes sich ereignete: als Taube nämlich hustete und sich dabei anstrengen musste, stürzte ihr Blut in breitem Strahle aus dem Halse hervor. Alle ergriff ein jäher Schreck und Jankel verlor sich am meisten. Doch Boruch, der ..Batchen", besorgte schnell ein Glas Salzwasser und schickte Jankel zu mir. Jankel schwieg und folgte ängstlich jeder Bewegung von mir, als wolle er aus ihnen meine Prognose erraten. Die Kranke selbst war leichenblass, grosse Schweisstropfen glänzten ihr auf Stirn und Nase, sie atmete häufig und tief, während sich ihre grossen dunklen Augen bald auf die Umgebung, bald auf mich helteten „Ach, ich sterbe, bester Herrele, ich bin so schwach", brachte sie mühsam hervor. Jankel wandte sich ab und fuhr mit dem Aermel über die Augen. Das gab das Signal zu einem allgemeinen Aufruhr; die älteren Töchter JankeFs, Mädchen von 14 und 13 Jahren, stürzten mit lautem Weinen aus dem Keller und weckten dadurch die anderen Nachbarn aus dem Schlafe. " Im Nu sprang Boruch vom Ofen und rief sie zur Ruhe. Dann schritt er auf Jankel zu und schüttelte ihn ordentlich durch. „Narr Du, Jüdene (Weib), was weinst Du? Hat Dir denn schon der beste Herr Doktor etwas gesagt?" Und dann mit einer Verbeugung zu mir: „Ich habe ihr ein Glas Salzwasser eingegeben und seitdem speit sie kein Blut mehr. Nicht wahr, Wirtin?" Sie nickte still mit dem Kopfe. „Der beste Herr Doktor ist ein guter, grosser Doktor, er wird Sie gesund machen", fuhr Boruch fort und half mir bei der Untersuchung der Kranken, indem er sie vorsichtig aufsetzte, mir mit einem Talglicht leuchtete, als ich ihren Puls zählte. „Teilen Sie Ihre Verordnung nur mir mit, Herr Doktor, denn diese sind ja Narren. Das ist ja die Herkulose, wenn man Blut speit, Herr Doktor", fügte er mit einer gewissen Würde hinzu. „Was ist das, die Herkulose?" fragte ihn Jankel mit leiser, zitternder Stimme. „Schweig jetzt!" fertigte ihn Boruch ab. Er hatte recht, der Batchen. Taube hatte eine weit vorgeschrittene Lungenschwindsucht, Tuberkulose, und derartige Blutungen waren eigentlich keine Seltenheit bei ihr. Sie hustete beständig und Blut spie sie jedesmal, wenn sie schwanger war oder stillte. Bisher hat ihr „zuerst Gott und dann der Herr Doktor" immer geholfen, heute jedoch fühlte sie sich zu ermattet, um noch auf Genesung zu hoffen. „Ein Jammer um meine armen Kinder, retten Sie mich, bester Herr Doktor!" flehte sie in leisem Tone, aus dem mehr Entsagung und Bedürfnis nach Ruhe, als .Lebensfreude sprach. Sie hielt, jetzt die Augen geschlossen, während der Kopf, in seiner Muskulatur erschlafft, leicht nach links zurückfiel. Die rechte Hand hatte sie auf der Decke weitab vom Körper regungslos liegen. Nur um die Lippen zuckte es bisweilen schmerzlich, wenn das unterdrückte Schluchzen der Kinder an ihr Bett drang. „Meine Kinder, meine Kinder!" seufzte sie. Mir wurde es schwer ums Herz. Wissen ist Macht, sagt man, doch welch eine Macht, zu retten, gab mir meine Wissenschaft hier. Was konnte ich als Arzt bei diesem Elend nützen? Durfte ich so grausam sein, dem armen Jankel, dessen Verzweiflung sich in stummem Händeringen äusserte, die letzte Hoffnung zu rauben, indem ich die Genesung seiner Frau an Bedingungen, knüpfte, die für ihn unerfüllbar waren? Wohl konnte ich ein Rezept verschreiben, wusste ich doch, dass jedes wohlthätige Institut, jede Apotheke mein „p. p." respektieren würde, allein Luft und Licht, durfte ich diese Worte hier aussprechen? Luft und Licht! Giebt es wohl noch etwas Wohlfeileres auf der Welt? Vierzehn Stunden täglich stand in diesem Monat die Sonne am Himmel, sie leuchtete Menschen und Tieren, Pflanzen und Steinen, ja, es war die Zeit, wo ihre Liebe zu der Erde und den Erdenkindern im Steigen begriffen war und die zartesten Geschöpfe, von ihr geküsst, sangesfroh auflebten, und von diesem Licht fiel dem armen Jankel und seiner kranken Frau nur ein schmaler Streifen zu, der sich kaum durchs kleine Fenster, das unter dem Niveau des Trottoirs lag, hindurchstahl, aber vom kalten Hauch des Kellers getötet, in der Mitte des Zimmers erlosch. Und wäre ihnen wenigstens dies bisschen Licht vom neidischen Schicksale ganz gegönnt wordeu. Allein alles hatte sich gegen sie verschworen. Fiel es einem Spaziergänger ein, die Stiefel auf der Strasse ein wenig säubern zu wollen, so kratzte er sie an den paar Eisenstäben ab, die um das Fenster herumliefen, und der Schmutz blieb am Glase kleben. In diesem Augenblicke dachte er natürlich nicht daran, dass er durch diese Hand voll Erde eigentlich nur das Grab verschütten half, in dem ehrliche Menschen zu leben verurteilt waren. Ebenso rücksichtslos war der Hausdiener, wenn er die Strasse reinigte; er goss und spritzte den Kot auf dies Fenster, dass es ihnen unten das Herz zerriss. Kein Wunder also, dass das Glas mit der Zeit seinen Glanz und seine Glätte verlor und der an ihm haftende Schmutz das Licht seiner blendenden Weisse beraubte, ehe es in Jankel's Keller drang. Ein rötlichgelber Schein beleuchtete matt die eine Hälfte des Kellers, die andere Hälfte erhielt von einem im Ofen brennenden Holzscheite Licht. Und nun gar die Luft! Die Wohnung Jankel's mass acht Schritte in der Länge, sechs in der Breite, und war zweieinhalb Meter hoch. In diesem Räume atmeten elf Stunden lang zwanzig Personen, und die Luft konnte nur erneuert werden, indem man die Thür, die in den Kellerflur mündete, öffnete. In diesen engen Kellerflur mündeten jedoch vier Wohnungen, in denen man ebenso dicht gedrängt lebte wie bei Jankel's. Es fand also, richtiger gesagt, keine Erneuerung der verbrauchten, mit verschiedenen Gasen gesättigten Luft statt, sondern nur ein Austausch der einen Kellerluft gegen die andere,