Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- Die Unterwelt
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 767 - 768 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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767 768 DIE UNTERWELT. Bilder aus meiner Praxis. Von Dr. Wilhelm Perlmann (Wilna). „Unten". Unschlüssig blieb ich stehen. Ich fürchtete mich hinabzusteigen. Allein mein Führer bat mich in flehendem Tone, ihm schnell zu folgen, und ich stellte meinen Fuss schüchtern auf die vom Regen durchnässte Treppe, deren Stuien sich im Dunkel eines Abgrundes verloren. Noch einmal sah ich zum Himmel empor und sättigte mich am Sonnenlichte, dann zog ich tief Atem, um mich gleichsam mit einem genügenden Luftvorrat für die Reise zu versorgen, und bückte mich hinab, um mich in der Finsternis, die zu meinen Füssen ausgebreitet lag, zurechtzufinden. Mein linker Fuss war in dem aufgeweichten, graugelben Schlamme, der das Holz der Stufen zolldick überzog, festgeklebt, und es kostete mich Mühe, ihn zu befreien. Während ich nun das rechte Bein in die Tiefe senkte und mit der Hand eine Stütze am Geländer suchte, geriet dies und mit ihm mein Körper ins Schwanken, und ich fiel mehr als ich ging eine halbe Elle tiefer in den Abgrund. Ich sah nichts mehr, es wurde Nacht um mich. Da fühlte ich, wie jemand noch rechtzeitig meinen linken Arm umklammerte und mich ebensosehr stützte als kräftig nach unten zog. Ich sprang mit Jankel, meinem Führer, von einer Stufe zur anderen oder vielmehr von einer zur dritten, denn zwischen zwei ganze schob sich eine halbverfaulte, zerbrochene Stufe ein, und spürte nach einigen "Windungen, die mein Körper zu machen hatte, festen Boden unter mir. Ich rieb mir die Augen und suchte mich zu orientieren. „Hier, hier, Herrele," rief Jankel und stiess eine Thür auf, die gleich einem Betrunkenen kreischend an der Diele hinscharrte und dabei einigemal vorwärts un<l rückwärts pendelte, ehe sie wie zum Trotze auf halbem Wege stehen blieb und nicht weiter wollte. Diese Unbotmässigkeit der in ihren Angeln unsicheren Thüre hatte zur Folge, dass nur ein schmaler Lichtstreifen die paar Schritte beleuchtete, die ich noch bis zur Wohnung Jankel's zurückzulegen hatte. Jankel's Wohnung oder „Keller", wie er sie selbst richtiger charakterisierte, war wegen der frühen Morgenstunde, in die mein Besuch fiel, noch nicht aufgeräumt, das heisst, es waren noch alle Insassen zu Hause und zum Teil noch in den Federn. Da schlief neben der Thür Awrom, der Krüppel, auf einem „Holzrahmen", mit einem zerrissenen Pelzrock bedeckt, und da der „Rahmen" für ihnjzu lang war — Awrom hatte man die Unterschenkel amputiert und „er lebte davon" —, hatte man ihm zu Füssen, wenn man sich so von einem Menschen, der keine Füsse mehr hat, ausdrücken darf, die drei kleinsten Kinder Jankel's zu Bett gelegt. Unter Awrom's Schlafstelle ruhte auf einem Strohsacke sein treuer Begleiter, seine „beseelten Beine", Chaim, der Blinde. Chaim der Blinde und Awrom der Krüppel gehörten zusammen, sie bildeten beide ein Ganzes wie die Siamesischen Zwillinge, bloss mit dem Unterschiede, dass diese vor dem Schlafe sich nicht in der eben beschriebenen Weise zu trennen pflegten. Da ich kein Herz habe, sie jetzt in ihrer wohlverdienten Ruhe zu stören, will ich sie dem Leser erst vorstellen, wenn sie auf die Arbeit gehen, und ihn vorläufig mit den andern Bewohnern des Kellers bekannt machen. Neben Chaim kauerte ein schwarzer, struppiger Köter, der, wie ich gleich verraten will, vor drei Jahren dem Tode durch Erschiessen entkommen war und hier Unterkunft gefunden hatte. " Er verachtete die Welt, verliess nie sein Asyl und diente den Kindern Jankers und seiner Aftermieter zum Gespielen. Er war der einzige „Nichtjude" in der ganzen Behausung und auch der einzige, der zuweilen in Wut geriet; Jankel's Mutter redete ihn daher immer polnisch oder russisch an. Den Ehrenplatz an der linken Seite des breiten, russischen Ofens nahm das eiserne Bett derjenigen Person ein, deren Existenz gewissermassen von der Laune dieses breitbauchigen Lehmkolosses abhing: Braine,' die Verkäuferin heisser Bohnen. Von der ganzen Gesellschaft bekümmerte sie sich allein ums Heizmaterial für den Ofen, und alle fanden es daher nur für recht und billig, wenn sie den wärmsten Winkel für sich in Anspruch nahm. Braine's Schlafstelle zeichnete sich bereits durch einen gewissen Komfort aus. Das eiserne Bett hatte an der Lehne zwei Bronzeknöpfe, auch unterschied ich deutlich eine dunkle Decke und zwei Kissen in ihm. Sie war schon auf und machte sich am Ofen zu schaffen. Auf dem Ofen entdeckte ich eine Figur, die mir schon von früher her bekannt war. Er, der immer gewohnt war, vom hohen Podium herab die Welt zu belehren und zu erheitern, Boruch, der „Batchen" (Coupletsänger), hatte sich auch hier den höchsten Punkt zur Ruhestätte ausgesucht. Er war aber auch grossmütig genug, Welwel, den Eishändler, neben sich zu dulden. Sie verhüllten beide ihr Gesicht, als sie mich eintreten sahen. Längs der Ostwand waren zwei Strohsäcke ausgebreitet. Auf dem ersten fand eine junge Familie Raum: Berzik, der Hausierer, nebst Frau und einem kleinen Jungen von anderthalb Jahren, der gleichsam als Hüter des Anstand es in der Mitte lag und so den Vater von der Mutter isolierte. Der zweite Strohsack war für die alte ..Muhme", wie die Mutter JankeFs von allen betitelt wurde, reserviert. Sie gönnte sich aber nicht den Luxus, allein zu schlafen. Sie hatte eine Tochter Basse, die eine Glückspartie gemacht. Der Schwiegersohn war nämlich das Faktotum in einem armseligen Einfahrhaus und verdiente bis 15 Rubel monatlich. Kein Wunder also, dass sie auf ihn und ihre Tochter nicht wenig eingebildet war und deren zwei Kinder ganz besonders liebte. Diese lagen nun zu beiden Seiten neben ihr. An der Nordwand endlich zog sich eine breite Bank, einer Schlafbank ähnlich, hin. Diese war das Lager von Jankel's Frau, Taube, dessen Ausstattung man schon als luxuriös bezeichnen durfte. Taube lag auf einem breiten Pfühl, das von einem Laken halb bedeckt wurde; ihr Kopf ruhte auf zwei grossen Kissen und ihre rotbraune Decke verriet sich sogar als eine wattierte, denn überall hingen schmutzige Wattefetzen an ihr. Taube war auf dies Bettzeug, stolz, denn sie hatte es ihrem Manne zur Mitgift in die Ehe gebracht, und es hielt sich schon an die fünfzehn Jahre, wie wir eben gesehen haben, in gutem Zustande, obgleich es nicht nur von ihr allein, sondern zugleich auch von ihren beiden älteren Töchtern benutzt wurde. Heute waren diese infolge ganz besonderer Umstände bereits aufgestanden. Der moderne Mensch verlangt vor allem nalur-