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Ost und West · 1901-10-01 · Heft 10 (Oktober 1901) · p. Seite 759 - 760

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 10 (Oktober 1901)
Article
Jüdische Thesen
Date
1901-10-01
Page
Seite 759 - 760 (sequence 2)
Language
German
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759 Dr. Felsenthal: Jüdische Thesen. 760 8. Auf diese universalen Elemente, die, zum Teile wenigstens, heute schon unter anderen Völkern anerkannt sind, beschränkt sich das Judentum nicht. Wollte es. in die Erscheinung treten, so bedurfte es der Manifestationen nach aussen hin, — eines gewissen eigentümlichen Kultus, einiger national lestgesetzter Tage der "Weihe, einiger bestimmter nationaler Symbole und Ceremonien. Die Wahl des. siebenten Wochentages als eines geheiligten Tages der Ruhe und der Seelenerhebimg, die jüdischen Festtage, der jüdische Kalender, und dergleichen mehr, sind bloss national-jüdisch, haben keinen universalen Charakter, und es wäre mehr als thöricht, für derartiges einen Anspruch auf universale Anerkennung erheben zu wollen. 9. Wollte man aus dem Judentum alles Nationaljüdische ausscheiden, den herkömmlichen Sabbat, die überlieferten Feste, die in ganz Israel noch bestehenden gemeinsamen Elemente im Kultus u. s. w., und wollte man sich auf das beschränken, was man das Ewige, das Bleibende, das Universale im Judentum nennt, dann hätte man freilich eine Kirche oder eine Religionsgenossenschaft, die auf der Basis des Theismus ruhen und eine sehr sublime Ethik lehren und fordern würde. Dann hätte man eine Weltreligion, wie sie diejenigen anstreben, welche den Satz bestreiten, das Judentum sei zu allernächst eine Stammesgemeinschaft, und welche statt dessen es als einen Fundamentalsatz hinstellen möchten, das Judentum sei eine Religion und nichts weiter als eine Religion. 10. Aber wird man unter der Herrschaft solcher Gedankengänge nicht dazu getrieben werden, die Konsequenzen zu ziehen? — Bereits giebt es ungemein viele jüdische Stammesangehörige, die keiner jüdischen Gemeinde sich angeschlossen haben und keiner solchen sich anzuschliessen gewillt sind, oder die bereits solchen freireligiösen Genossenschaften beigetreten sind, deren Mitglieder nicht ausschliesslich dem jüdischen Stamme angehören. Hört man auf die Reden dieser, so sagen sie, es sei iür solche Juden, in deren Kreisen der Gedanke an einen Rassenzusammenhang mit den übrigen Juden gänzlich geleugnet und ein Rassenunterschied zwischen Juden und arischen Volksstämmen entschieden in Abrede gestellt wird, oder auch für solche, bei denen der nationale Gedanke gänzlich erstorben ist, auch nicht der allergeringste Grund vorhanden, die Schranken zwischen jüdischen Theisten und nichtiüdischen Theisten aufrecht zu erhalten, und man möge, ja man solle diese Schranken fallen lassen und zur Niederbrechung derselben voranschreiten. 11. Das Judentum in seiner Selbstbeschränkung und als eine Nationalkirche ruht auf einem viel vernünftigeren und gesunderen Fundamente, als es der Fall sein könnte, wenn es sich zu einer sogenannten Weltreligion ausweiten würde. In der jüdischen Nationalreligion ist die natürlich gegebene Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm das alle zusammenhaltende und einigende Band, und innerhalb derselben kann für den einzelnen die unbeschränkteste Gedanken- und Forschungsfreiheit und für die Gesamtkirche die unbeschränkteste Entwickelungsfreiheit bestehen. Es braucht innerhalb einer Nationalkirche keine Dogmenstarrheit zu existieren. Auch in der altgriechischen Nationalreligion gab es * keine erstarrte und fest formulierte Dogmatik. Auch in der altgermanischen Religion gab es kein Kredo und keinen Katechismus. Wären diese alten Nationalreligionen nicht durch die christliche Weltreligion und die sie begleitenden Dogmen verdrängt worden, so hätte die fortschreitende Kultur und die wachsende Erkenntnis auch hier befreiend gewirkt und anhaftende zeitliche Irrtümer und Unhaltbarkeiten ausgeschaltet, und auch diese alten Religionen wären zu klareren Höhen emporgestiegen. 12. Auch nichtjüdische religiöse Gemeinschaften, welche von Dogmenzwang vollkommen frei sind, werden in der Gestaltung ihrer Kulte und ihrer, sonstigen Formen sich von den geographischen und geschichtlichen Bedingungen desjenigen Volkes bestimmen lassen müssen, in dessen Mitte sie existieren. Eine solche Religionsgemeinschaft im hohen Norden wird nicht den Palmzweig, wohl aber den Tannenbaum zu kulturellen Zwecken verwerten; in einem Lande mit der Vegetation einer wärmeren Zone wird es sich umgekehrt verhalten. In Nordamerika wird man ein Herbstfest im Oktober oder November feiern, in Argentinien oder Brasilien dagegen im März oder April. In den Vereinigten Staaten wird man am 4., und in Frankreich am 14. Juli nach wie vor ein dem Gedanken der Freiheit geweihtes Fest feiern; unter den Juden dagegen, und bloss unter den Juden, am 15. Nisan. Solche verschiedene und doch innerlich verwandte freie

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