Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- Jüdische Thesen
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 757 - 758 (sequence 1)
- Language
- German
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757 758 JUEDISCHE THESEN. Von Rabbiner Dr. Felsentlial, Chicago. 1. „Judentum" und „jüdische Religion" sind nicht gleichwertige Begriffe. „Judentum" ist viel umfassender als „jüdische Religion", und die jüdische Religion ist bloss ein Teil des Judentums. „Judentum" ist die Zusammenfassung des gesamten Denkens, Empfindens und Strebens des jüdischen Volkes. Mit anderen Worten: Judentum ist die Summe aller volkspsychologischen Eigentümlichkeiten, die in der jüdisch - nationalen Geistesveranlagung ihre Wurzeln haben. 2. Die jüdische Religion ist, wie gesagt, nur ein Teil des Judentums, aber allerdings ist sie ein sehr überwiegender Teil desselben/ Bei keinem Volke der Erde nahm je die Religion einen solchen breiten und tiefgehenden Raum im geistigen Leben ein, wie es bei den Juden der Fall war. Doch neben der Religion gab es und giebt es noch andere Elemente im Judentum. 3. Wäre „Judentum" bloss so viel als „jüdische Religion" und nichts mehr, und wäre der Begriff „Jude" bloss dahin zu fassen, dass er ein Bekenner der jüdischen Religion sei, und dass ihn weiter nichts als seine Religion von den Nichtjuden scheide, dann hätte kein Geschichtschreiber des Judentums als solcher das Recht, die reiche mittelalterliche Litteratur der Juden über Medizin, Astronomie, Mathematik, Schachspiel u. s. w. zum Gegenstand seiner Forschungen und seiner litterarischen Behandlung zu machen. Süsskind von Trimberg. würde, unter dieser Voraussetzung, ebensowenig in einer Geschichte des Judentums einen Platz verdienen, wie Walther von der Vogelweide in einer Geschichte der christlichen Religion oder der christlichen Kirche. In irgend einem Werke über Juden und Judentum dürfte dann der Bildhauer Antokolsky ebensowenig genannt werden, wie der Bildhauer Thorwaldsen in einem Werke über Christentum und Kirche, und es wäre selbst fraglich, ob man berechtigt wäre, Moses ben Maimons Milloth ha- Higgajon oder die von einem unbekannten Mathematiker herrührende und aus dem neunten oder zehnten Jahrhundert stammende geometrische Schrift Mischnath ha-Middoth in einer jüdischen Literaturgeschichte zu nennen. 4. Und wieso kämen — wenn es richtig wäre, dass die Juden bloss eine Religionsgenossenschaft oder eine Kirche bildeten, und nicht in erster Linie ein Volk, einen Stamm, oder eine Nation, oder wie man es sonst heissen wolle — wieso kamen die Juden, die m der Geschichte der Entdeckung von Amerika genannt werden, oder, die in der neueren Zeit als Staatsmänner sich Ruf und Namen erworben haben, oder die als Musiker oder als ausgezeichnet auf anderen künstlerischen und wissenschaftlichen Gebieten Ruhm sich errangen, in eine Geschichte der Juden und des Judentums? Und mit welchem Rechte könnten unsere modernen jüdischen Zeitschriften so laut und so nachdrücklich und mit solchen Jubelfanfaren es verkünden, dass ein Monarch irgend einem jüdischen Industriellen einen Orden vierter Klasse verliehen habe? oder dass er geruht habe, kund zu thun, dass irgend ein greiser und hochverdienter jüdischer Gelehrter mit dem Titel Professor bezeichnet werden dürfe? oder dass in irgend einer Stadt in den Vereinigten Staaten wieder einmal „einer von unsern Leuten" zum Bürgermeister erwählt wurde? Was hat denn solches mit der jüdischen Religion zu thun? 5. Das iüdische Volk, der jüdische Stamm ist das Gegebene, das Bleibende, das notwendige Substrat, der substanzielle Kern. Die jüdische Religion ist ein diesem Kerne Anhaftendes, Eigenschaftliches;— ein Accidens, wie es die Logiker heissen. Der Begriff Judentum — in seinem engern Sinne, als Religion gefasst — erhält daher eine vollkommen richtige und adäquate Definition, wenn man sagt: Judentum, in diesem engern Sinn, ist die Religion der Juden. Der nähere Inhalt dieser Religion — das ist eine andere Frage. 6. Das Judentum ist nicht eine Universalreligion; es ist, richtig verstanden, eine Nationalreligion. Ohne Juden giebt's kein Judentum. 7. Aber das Judentum enthält gewisse universale Elemente, gewisse absolute und ewige Wahrheiten. Es behauptet, dass gewisse Teile der unter dem jüdischen Volke zum Ausspruch und zur Herrschaft gelangten metaphysischen Sätze und gewisse ethische Prinzipien desselben zum Gemeingut der Welt bestimmt seien, und es hofft, class sie einst Gemeinbesitz aller Völker sein werden.