Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1901-09-01 · Heft 9 (September 1901) · p. Seite 685 - 686

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 9 (September 1901)
Article
Blütenfall
Date
1901-09-01
Page
Seite 685 - 686 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583876-2583886-2584377--00838-2584463
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

685 Israel Abrahamsohn: Blütenfall. 686 Allmählich aber sehen sie, wie die Kommerziell stehen. Die Backen und die Augen fangen ihnen an zu glühen, sie betrachten sich stumm. Wer wird es sein? Schliesslich gehen doch mehr rein, als ich angenommen hatte. Es sind noch 10 Plätze frei, und 26 Personen stehen an Bord, davon 20 Kinder. Die drei Ehepaare, denen die Kinder gehören, sind zwischen 25 und 30 Jahren und so ausgehungert und ausgemergelt, dass man ihnen nicht ein Kind hätte zutrauen mögen; von den Kindern ist noch keins 10 Jahre alt. Ich musste nun ein Wort reden. „Leute", sag' ich, und mauschele dabei, so viel ich kann, ,,Leute. Alle könnt Ihr leider nicht mitkommen. Wir haben noch Platz tür 10 Erwachsene. Ihr aber seid mit Euren Kindern 2b, und wenn wir Euch alle aufnehmen, müssen wir alle ertrinken. Es giebt nur ein Mittel. Ihr müsst losen, wer von Euch mit ins Boot darf'4. Leicht wurde es mir nicht, das zu sagen. Das können Sie mir glauben. Aber Mitleid dart man in solch verantwortlicher Situation nicht haben. Die Weiber weinten und streckten die Hände zum Himmel, die Kinder, die noch nicht recht wussten, was vorging, lamentierten trotzdem; im Boot fingen alle an zu schluchzen und zu stöhnen, so etwa oi, oi, na schön war anders. Der Kapitän stand abgewandt, unter seiner Brusttasche zeichneten sich die Umrisse des Revolvers ab. Die drei Juden waren totenbleich und sahen mich mit Augen an, die mir wie Dolche ins Herz gingen. Sie bewegten die blutlosen Lippen, ohne ein Wort, zu sprechen, strichen sich mit den zitternden Händen nervös die schwarzen Bärte und flatterten am ganzen Körper. „Gnädiger Herr", sagte der eine, ein ziemlich grosser Mensch, mit ganz heiserer Stimme, „wir sollen hier verbrennen! Unsere Weiber, unsere Kinderleben, sollen hier umkommen? Das kann der gnädige Herr nicht wollen!" Ich machte ihm noch einmal klar, dass ich hier ein Amt hatte, dass ich für das Leben aller verantwortlich wäre und darum das Leben einiger opfern müsste. „Oi", seufzte er, „oi." Ich sah nun, wie sie die Köpfe zusammensteckten und zusammen murmelten, wie sie dann ihre Weiber umfassten und ihnen etwas ins Ohr sagten, wie die Weiber die Hände vor's Gesicht schlugen und mit den Köpfen nickten. Der Lange kam wieder zu mir heran. Ich stand so, dass niemand wider meinen Willen ins Boot herein konnte. Er krümmte sich wie ein Wurm, haschte nach meinem Rocksaum und küsste ihn. „Gnädiger Herr", flüsterte er und schloss die Augen, „gnädiger Herr, gehts nit vielleicht, dass die 20 Kinderleben herein können?" Ich sah ihn an: „Und Ihr?" fragte ich. Er senkte den Kopf tief. „Wenn nur die Kinderleben gerettet werden." Na, wir können die Juden ja alle nicht leiden. In diesem Augenblicke aber drehte sich mir das Herz rum. In solcher Lage fühlt man erst, dass wir alle Brüder sind. Ich musste mich zusammennehmen, diesem polnischen Isaak nicht um den Hals zu fallen. „Ich nehme es auf mich", sagte ich und reichte ihm die Hand, was ich sonst nie gethan hätte, und wischte sie nachher nicht einmal ab. Er klettert also an Bord zurück, und nun wird ein Kind nach dem andern heruntergereicht.. War das eine Szene! Die Mütter sogen sich an den Dingern fest und wollten sie nicht freigeben, und warfen sie dann schliesslich hastig ihren Männern zu und. wandten sich ab, und rissen die Scheitel runter und die Haare vom Kopfe und die Kleider vom Leibe. Die Männer drückten und herzten die Kinder und schrien: „Mein Gold, mein Leben." Der Kapitän stand wie eine Statue. Im Boote schrien sie: „Brüder, Brüder, wir werden für Eure Kinder sorgen!" Und die Kinder, die anfingen, zu verstehen, wehrten sich, wollten nicht runter, streckten die Arme aus und riefen: „Mammele, Tatele, mitkommen, mitkommen!" Fertig ist die Geschichte. Nun Segel klar, Ruder eingelegt, ade Phönix, ade Kapitän, ade brave Juden, ade, ade. Der Kapitän winkt, giebt den Juden die Hand und — heidi, blitzt der Revolver, ein Knall und der Kapitän fällt über einen Böhmen, dem ein Italiener im Wirrwarr erstochen hatte. Die sechs Menschen haben sich niedergekauert. Die Männer haben die Mützen über die Augen gezogen und die Gesichter auf die Knie gelegt. Die Weiber hocken ebenso und haben die Köpfe mit Tüchern verhüllt. Sie geben keinen Laut ' von sich, und hinter und über ihnen steigt Rauch, und näher und näher kommende Flammen zum nächtigen Himmel, an dem die Sterne verlöschen." — Der Erzähler hatte allmählich immer lauter und erregter gesprochen, die Erinnerung an jene Nacht hatte ihn gewiss nicht zum erstenmal überwältigt. Die Unterhaltung der andern war verstummt, alles hörte ihm zu. „Nun, und die gingen unter?" fragte sein Begleiter, der sich durch diese allgemeine Aufmerksamkeit selbst sehr geschmeichelt fühlte. „Wir waren eine halbe Stunde gefahren und kaum von der Stelle gekommmen. Ich sah noch immer das brennende Schiff. Da hörten wir einen dumpfen Knall. Wir sahen eine Fäuersäule wie von einem Vulkan und eine schwarze Wolke aufsteigen, die das Feuer und alles verhüllte; und da packt's uns wie mit eisernen Klammern und reisst uns zurück und rüttelt und schüttelt das Boot, als wollte es uns in die Tiefe hinabreissen, und als die Wolke fällt, sehen wir nichts, nichts, nicht einmal Trümmer, — die Wogen tragen uns fort, und wo das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.